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Gewaltsame Eskalation in IranDas Regime will töten

Gilda Sahebi

Kommentar von

Gilda Sahebi

Die iranische Führung scheint zu glauben, dass sie die Bevölkerung ruhig stellen kann. Dabei steigt der Hass auf das Regime ins Unermessliche.

Setzen ihr Leben aufs Spiel, Protestierende in Teheran am 8.  Januar Foto: ap

S eit einer Woche haben die Menschen in Iran keinen Zugang zum Internet. Sie können nicht ihren Liebsten schreiben. Sie wissen nicht, was in der Welt vor sich geht. Sie wissen nicht, was im Land vor sich geht. Sie wissen nicht, wie viele Menschen getötet wurden. Ob jemand dabei ist, den sie kennen. Es herrscht absolute Dunkelheit in der Islamischen Republik Iran, in jeder Hinsicht. Und genau das ist das Ziel des Internet-Shutdowns: die Bevölkerung zu brechen.

Die wenigen Berichte, die aus dem abgeschnittenen Land dringen, stammen von Menschen, die durch das verbotene Satelliten-Internet kommunizieren können und dafür ihr Leben aufs Spiel setzen. Aber auch diesen ohnehin schwierigen Kommunikationsweg scheint das Regime in den vergangenen Tagen zumindest massiv gestört zu haben. Auch diese Berichte werden weniger. Dafür mehren sich nun Berichte von Menschen, die das Land verlassen haben.

Aus den Bruchstücken an Informationen, die auf unterschiedlichen Wegen im Ausland ankommen, ergibt sich ein Bild, das besorgniserregend ist. Videos zeigen Szenen wie im Krieg: Schüsse, fliehende Menschen, brennende Gegenstände auf den Straßen, schreiende und weinende Menschen, die sich über Leichensäcke beugen. Ärz­t:in­nen berichten, dass die bewaffneten Kräfte Menschen in den Kopf und in das Herz schießen. Das Regime will die iranische Bevölkerung nicht warnen, nicht auseinandertreiben. Es will töten.

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Die Riege um Revolutionsführer Ali Chamenei scheint ernsthaft zu glauben, dass es die Bevölkerung so auf Dauer ruhigstellen wird. Bei keiner der großen Protestwellen in den vergangenen Jahren ist dies gelungen. Jeder Protest, jede darauffolgende Niederschlagung und Hinrichtungswelle, hat im Gegenteil die Zahl der Menschen, die dieses Regime verachten, vergrößert. Hinter jedem Getöteten stehen Dutzende, Hunderte Menschen, die eine geliebte Person verloren haben. Der Hass auf das Regime steigt in diesen Stunden ins Unermessliche – da gibt es kein Zurück. Die Menschen werden nicht vergessen.

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Gilda Sahebi
Ausgebildet als Ärztin und Politikwissenschaftlerin, dann den Weg in den Journalismus gefunden. Beschäftigt sich mit Rassismus, Antisemitismus, Medizin und Wissenschaft, Naher Osten.
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4 Kommentare

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  • Mir kommt ein Gedanke. Es bräuchte meuternde Soldaten, sonst ist dem Terrorregime nicht beizukommen. Ich habe keinen Einblick, ob das Militär noch oder überhaupt voll auf Linie ist, ich kann es mir kaum vorstellen. Die beste Chance für den Aufstand der Soldaten wäre wirklich ein Krieg. Das klingt zynisch, aber ist es nicht. Denn die Führung muss weg, so kann man mit einem Volk im 21. Jahrhundert nicht umgehen. Also wünsche ich mir, dass ein Land oder eine Allianz einen Krieg eröffnet. Was danach kommt ist zwar ungewiß, aber dafür noch Schlimmeres anzunehmen ist nicht plausibel wahrscheinlicher als Besseres.

  • Komplett gegen die eigene Bevölkerung geht nicht. Entweder braucht regierung dann die Rote Armee im Lande oder doch irgendein tragendes Substrat.



    Die Schlägertruppen des Regimes, werden die reichen? Oder gar selbst die Macht packen?



    Als Mullah würde ich über einen ehrenvollen Ausstieg verhandeln. Der Klerus behält den Besitz, muss aber jeden Tag ohne staatliche Hilfe um die Seelen kämpfen. Nur mit wem eigentlich verhandeln?



    Und was machen wir von außen am besten?

    • @Janix:

      Welche "Rote Armee"? Putins Schergen?

      Die Schlägertrupps schießen mittlerweile.



      Einen "ehrenvollen" Abschied nach 47 Jahren immer blutigerer Diktatur und angesichts der Tatsache, dass die sog. Revolutionsgarden sich ca. 80% der Wirtschaft angeeignet haben sollen die ihren gestohlenen Besitz behalten?



      Das kann niemand wollen, das wäre genauso als würden in Deutschland noch die Fürstbischöfe herrschen.

  • Die Möglichkeit einer Exit-Strategie für d. Führung wird wohl kaum ins Auge gefasst werden. Dass eine Kettenreaktion einen Sturz oder eine neue Fakten- u. Gemengelage schaffen kann, ist aus verschiedenen Regionen der Welt u. unterschiedlichen Epochen historisch bekannt. Dass der Glaube, von Gott bestimmt worden zu sein zu Herrschenden, eher in einer Katastrophe endet, ist auch bekannt. Es steht zu befürchten, dass die wahren Drahtzieher wirklich eher aus tiefster Überzeugung nichts wirklich fürchten. Insofern ist auch die Androhung militärischer Gewalt von beschränkter Reichweite. Was triggert eine Diktatur in der Bedrohung, wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht?



    Wissen wir eigentlich aus der eigenen Geschichte:



    "Der britische Journalist Hugh Carleton Greene hatte schon am 18. Oktober im Deutschen Dienst der BBC erklärt: „Die heutige Bekanntmachung, dass alle deutschen Männer von 16 bis 60 Jahren zum ,Volkssturm‘ aufgerufen und in den Kampf geworfen werden sollen gegen die Panzer und Flugzeuge der Alliierten, bedeutet, was von Anfang an kaum anders zu erwarten war: dass Hitler und Himmler beschlossen haben, das ganze deutsche Volk mitzureißen in einen selbstmörderischen..."



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