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Gespräch zu Geschichte der Frauenkörper„Kein Schönheitsideal, sondern eine Imagination“

Panagiotis Iossif, Akademischer Direktor des Museums für kykladische Kunst in Athen, über die Geschichte von Frauenkörpern aus der Perspektive von Männern.

Astrid Kaminski

Interview von

Astrid Kaminski

Das Museum für kykladische Kunst in Athen beherbergt eine weltweit einzigartige Sammlung einer der frühesten bekannten Mittelmeerkulturen mit Artefakten aus der Bronzezeit. In den letzten Jahren hat es sich jedoch auch einen Namen mit Wechselausstellungen gemacht, die Beziehungen zur zeitgenössischen Kunst herstellen. Gerade ist dort „Jeff Koons: ‚Venus‘ Lespugue“ zu erleben, eine Begegnung zwischen dem US-amerikanischem Balloondog-Erfinder Jeff Koons und einer seiner XL-Venusskulpturen sowie kaum handtellergroßen, prähistorischen Frauenfiguren.

taz: Herr Iossif, zehn prähistorische Frauenfigurinen mit ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen treffen auf Jeff Koons ’„Balloon Venus Lespugue (Orange)“. Warum setzen Sie im Ausstellungstitel die Venus in Anführungszeichen?

Panagiotis Iossif: Weil es überhaupt keine Venus ist! Jeff Koons’ Skulptur wurde inspiriert von der sogenannten Venus Lespugue, einer Figurine, die in Frankreich, bei Lespugue am Fuße der Pyrenäen, gefunden wurde. Sie ist mit ihren prominenten Geschlechtsmerkmalen kein Einzelfall, sondern ein Typus, der, soweit wir wissen, über 25.000 Jahre hinweg, von etwa 42000 bis 15000 vor der Gegenwart, in weiten Teilen von Eurasien entstand. Von dieser Periode, dem späten Paläolithikum, gibt es keine textlichen Quellen. Daher bezeichnen wir die Zeitspanne als Prähistorie. Alles, was wir darüber aufstellen können, sind Vermutungen und Interpretationen. Wir wissen nichts darüber, wie die Figurinen wirklich genannt wurden.

Im Interview: Panagiotis Iossif

Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Archäologe lehrt Numismatik in Nijmegen und ist seit 2023 Akademischer Direktor des Museums für kykladische Kunst in Athen.

taz: Warum wurden die Figurinen dann als Venus interpretiert?

Iossif: Ich denke, es spielt eine Rolle, dass es in erster Linie männliche „Archäologen“ waren, die sie im 19. Jahrhundert entdeckten. Archäologen in Anführungszeichen, weil sie nicht im heutigen Sinn Experten waren, sondern vor allem Amateure, Liebhaber der Geschichte. Als die ersten Statuen auftauchten, dachten sie als Referenz an einen anderen Typus einer sogenannten Venus, die „Venus pudica“ des Bildhauers Skopas. Es handelt sich um eine nackte, aber schamhafte Frauenfigur aus der klassischen Antike, die Teile ihrer Geschlechtsmerkmale mit ihren Händen verbirgt. Sie bekam ihren Namen kurz davor, ebenfalls im 19. Jahrhundert. Im Gegensatz zu dieser Darstellung nannte man die prähistorischen Figurinen mit den üppigen Formen dann „Venus impudique“, schamlose Venus. Es handelt sich also um eine absolut patriarchale Lesart der Vergangenheit. Daher werden die Figurinen in der modernen Archäologie nicht mehr als Venus bezeichnet.

taz: Warum übernehmen Sie die Bezeichnung dann trotzdem, wenn auch in Anführungszeichen?

Iossif: Jeff Koons’ zeitgenössische Figur verweist wiederum auf die prähistorische Figurine von Lespugue, als Venus bezeichnet. Der Titel ist also eine Art Vexierspiel, das uns in den Kontext hineinwirft. Im Katalog verwenden wir die Begriffe dann sehr bewusst und differenziert.

taz: Unsere Vorstellung des Paläolithikums dagegen wird durch die Ausstellung in Ihrem Museum geprägt von Frauendarstellungen mit hypertrophen Formen. Inwiefern ist das eigentlich repräsentativ für die Periode?

Iossif: Ihre Frage besteht aus zwei Teilen. Zunächst zur Frage des Geschlechts: Ja, 95 Prozent aller skulpturalen Fundstücke aus jener Zeit bilden Frauenfiguren ab. Das heißt nicht, dass hauptsächlich Frauen dargestellt wurden, aber wenn wir uns zurückversetzen, können wir uns vorstellen, dass es so gewesen sein könnte. Stellen wir uns also vor, wir befinden uns in der Eiszeit. Der Mensch ist zu jener Zeit nicht die dominante Spezies auf der Erde. Es ist die Zeit des Mammuts. Die Umstände sind für unsere Spezies hart, das Leben prekär. Die Gemeinschaften bestehen nur aus kleinen Gruppen, und sie sind absolut bedroht. Um zu überleben, müssen sie nomadisch leben und immer dahin ziehen, wo das Eis noch nicht ist. In dieser Situation ist jede Schwangerschaft und jede Geburt ein Moment des Überlebens für die menschliche Gemeinschaft, ja sogar die Spezies. Dazu kam, dass die Lebenserwartung wahrscheinlich kaum 30 Jahre betrug. Und durch die Geburten waren Frauen besonders gefährdet, früh zu sterben. Wissen Sie übrigens, wer heute, global gesehen, die höhere Lebenserwartung hat, Frauen oder Männer?

taz: In den Studien, an die ich mich erinnere, Frauen.

Iossif: Frauen? Ja, das würden die meisten sagen. Weil wir daran gewöhnt sind, die Studien falsch zu lesen. Beziehungsweise nicht zu realisieren, dass sie nur für die westliche Welt gelten. In armen Ländern haben noch stets Männer die höhere Lebenserwartung. Warum? Weil Frauen während der Schwangerschaft oder Geburt sterben. Daher ist es vorstellbar, dass gefährdete Gemeinschaften sehr auf die Rolle der Frau fokussiert sind.

taz: Und Teil zwei?

Iossif: Sie haben außerdem gefragt, ob ich denke, dass diese Figurinen mit ihren prägnanten Formen repräsentativ sind für die Frauen ihrer Epoche. Nein, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Es kann sogar sein, dass die Menschen jener Zeit nie solche Frauenkörper gesehen haben, sondern dass ihre Fülle und Reife eher ein Ideal war. Kein Schönheitsideal wie das auf dem Cover der Vogue oder Marie Claire, sondern eine Imagination. Das heißt, diese Menschen waren in der Lage, sich Dinge vorzustellen, die nicht existierten. Sie waren zu konzeptionellem Denken fähig. Vom Neandertaler wissen wir das nicht, aber unsere Homo-sapiens-Vorfahren hatten diese Fähigkeit. Durch diese Kraft des Geistes kann eine Gesellschaft sich eine andere Welt vorstellen und erschaffen – oder die Metaphysik – oder Gott.

taz: Ein Sprung in die Gegenwart: Jeff Koons hat vor den Venusfiguren unter anderem Balloon-Hunde und -Affen gemacht. Spiegelt diese Serie Hund–Affe–Frau nicht auch eine Einstellung zu anderen als männlichen Körpern als Objekte und Spielzeuge?

Iossif: Ich sehe die Skulptur nicht in erster Linie als Frau, sondern als Interpretation und vielleicht auch als Überhöhung eines paläolithischen Modells.

taz: Dabei ist sie nicht nur eine XL-Interpretation der prähistorischen Figur von Lespugue, sondern auch ein Spiegel der Körperlichkeiten der Besucher:innen. Man kann keinen Winkel im Raum finden, von dem aus sich nicht der eigene Körper im Objekt spiegelt.

Iossif: Jeffs Skulptur verschmilzt visuell mit den Körpern der Besucher:innen. Und dabei ist sie eine sehr konkrete Vorstellung eines ewigen Lebens. Denn der aufgeblasene Zustand eines Ballons kann nur durch ein permanentes Ausatmen erreicht werden. Wir erhoffen uns im besten Fall, dass die Ausstellung zu einem freieren Zugang zum eigenen Körper motiviert. Denn letztlich leben wir, trotz aller Sensibilität für Diversität, heute in einer Zeit mit einer enormen Fixierung auf bestimmte Vorstellungen von schönen und gesunden Körpern. Dadurch wird oft der Zugang zu der Art, wie man den eigenen Körper leben und erleben möchte, verstellt.

taz: Wie ist es eigentlich als männlicher Experte, so viel mit Frauenkörpern beschäftigt zu sein? Sie erwähnen im Katalog, dass die Schulung durch feministische Archäologie einen nuancierteren Zugang zur Vergangenheit eröffnet hat.

Iossif: Gender Studies und feministische Archäologie sind wichtige Werkzeuge, um den männlichen Blick auf Geschichte zu entlarven und die wirkliche Rolle der Frauen verstehen zu können. Traditionell gibt es eine ganze Menge patriarchaler Filter, durch die wir auf Geschichte blicken.

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Iossif: Wir müssen ständig alles, was wir wissen, infrage stellen. Ich möchte das Dilemma mit einem historischen Beispiel illustrieren: Derzeit ist unsere Ausstellung über Frauen in den Kyladischen Kulturen – dem Kernthema unseres Museums – auf Tour. Darin gibt es ein erstaunliches Objekt: Eine Grabinschrift von sieben Zeilen. Es erzählt die Geschichte einer Frau namens Alini, die aus Phönizien, aus Aschkelon, kam, und schwanger war, als sie eines gewaltsamen Todes starb. Aus diesen Informationen können wir schließen, dass es sich wahrscheinlich um eine Sexsklavin handelte. Alini, ist ein Name, der, wie wir wissen, im Allgemeinen an Sklavinnen vergeben wurde. Das Interessanteste in diesem Kontext ist jedoch die letzte Zeile des Epitaphs. In etwa: ‚Du, Fremder, der diese Inschrift liest, danke dem Mann, der sie geschaffen hat.‘

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