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GenerationenkonfliktDie Boomer, die Jugend und das crazy Kopfschütteln

Junge Menschen kleiden sich anders, verwenden eigene Sprache und ecken damit an. Dabei könnt ihr, liebe Boomer, ganz schön viel von uns lernen.

Alles ist auf einmal anders. Das versteht ihr doch, oder? Foto: Jeremy Hogan/getty images

D ieses Geschminke, dieses Leopardenmuster und diese klobigen Winterschuhe. Dann noch so vulgäre Worte wie Fotze. Können die alle nicht mal besser ein Buch lesen? So und ähnlich klingt es, wenn sich Boomer über Jüngere aufregen. Also auch über mich, ich bin 20, und möchte euch, liebe Boomer, gern sagen, dass die klobigen Schuhe Ugg Boots heißen. Ich möchte euch auch gern sagen, dass wir genauso wie ihr Bücher lesen und uns mit der Welt beschäftigen – trotz Leo, Schminke, Jugendslang, Anglizismen.

Nur weil sich junge Menschen anders kleiden und eine andere Sprache verwenden, der die Boomer nicht folgen können, Tabus brechen oder durch Glitzer und Glamour auffallen, haben sie in euren Boomer-Intellektuellenkreisen nichts zu sagen. Ein klassischer Fall von Vorurteil, Schubladendenken und Oberflächlichkeiten.

Auch jemand mit Glitzernägeln kann Marx verschlungen haben

Denn auch jemand mit fünf Zentimeter langen Glitzernägeln oder dem Strasssteinschriftzug „juicy“ auf dem Jeanshintern, kann Literaturwissenschaften studiert oder Karl Marx verschlungen haben. Nur am Rande bemerkt: Das hat viel mehr Feuer als so ein Deuter-Rucksack und eure orthopädischen Boomer-Sandalen. Aber das ist ja sowieso eine Geschmacksfrage.

taz debatte

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Dabei können wir doch voneinander profitieren: Mit mehr „Rede“ (Jugendwort), Glitzer und Glamour wird es nicht nur belebter und frischer bei euch, liebe Boomer, es wird jeder Person zugehört, egal ob jung oder alt, Buch gelesen oder nicht. Und wir können uns im Gegenzug von euch zum tausendsten Mal erklären lassen, wie das damals war, als die Mauer fiel. Und das sogar mit Strasssteinnageldesign oder Handyklapphülle. Ist doch wumpe.

Und auch das können Oma und Opa von uns lernen: Vulven behandeln wir im Bio-Unterricht, die hohen Umfragewerte der AfD beschreiben wir als „das crazy“ und meinen damit, dass wir uns darüber ebenso aufregen wie viele von euch. Dass die erfolgreichste deutsche Musikerin Männer auf der Bühne in Käfige sperrt, „slay“.

Ja, alles ist auf einmal anders. Das versteht ihr doch, oder? Ihr habt früher schließlich auch Häuser besetzt und euch für den Frieden lange Haare wachsen lassen. Der Spieß wird nun umgedreht: Ihr könnt jetzt einiges von uns, euren Enkel*innen, lernen. Nicht nur, wie mit der ganzen Familie auf dem Smartphone gechattet wird. Das ist ja wohl „bare minimum“.

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Wilma Johannssen
Redakteurin Tazlab

3 Kommentare

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  • Ins Winterloch geschrieben? Was soll bemerkenswert daran sein, dass die Jüngeren sich von den Älteren abgrenzen wollen und eigene Codes und Ideen entwickeln? Das war wohl schon in der Steinzeit so und auch in Zeiten, da die Jungen mit Rohrstock erzoge wurden oder bei Widerspruch etwas hinter die Löffel bekamen. Das neue Codes und neue Ideen vielleicht nur die gerade coolsten, aber nicht immer die Besten sind, lehrt die Geschichte. Jugendbewegung, das waren u.a. auch mal die Faschisten und 1914 ein "junges Europa" vereint im Hurra-Patriotismus. Das Vorrecht jugendlicher Unbekümmertheit wächst sich meistens aus oder fährt auch mal gegen die Wand. Und, nach jeder jungen Generation kommt eine noch jüngere Generation, die die gereade noch jungen alt aussehen lässt.

  • Ist das Alles?



    Erfahrungsgemäß ist Provokation Teil der jugendlichen Entwicklung.



    Eine Erfahrung, die Ältere bereits hinter sich haben.



    Überraschenderweise ist auch "Jugendsprache" ein Teil einer Generation. Natürlich gibt es neue Begriffe, die aber ebenso kurzlebig sein werden, wie das für vorangegangene Jugendsprachen gilt. Weniges geht in den Sprachgebrauch über,



    der große Rest löst sich in Luft auf.



    Die ewige Grabenziehung jung gegen alt halte ich für unangebracht.



    Wie in allen vorhergehenden Generationen ist die Bandbreite der politischen, wie persönlichen Einstellungen groß.



    Ich habe wenig mit einem "afd" oder cDU Parteigänger meiner Generation gemein.



    Umfragen zeigen, dass der Anteil der "afd" WählerInnen in den jungen Generationen deutlich gewachsen ist Das halte ich für ein Problemchen, dass die Betroffenen betroffen machen sollten.



    Während die 68er berechtigterweise gegen Altnazis protestierten, sollten Jüngere in Ihrer Generation "aufräumen".



    Gut war, dass es dazu in Gießen Bereitschaft bestand.



    Das "wie" und die Folgen, wären zu optimieren.

  • > kann Literaturwissenschaften studiert oder Karl Marx verschlungen haben



    Ich erkenne nicht recht, wo da der Widerspruch zur Vorannahme stecken soll, die Jugend sei ungebildet. Die Welt ist quantitativ und die Sprache ihrer Beschreibung ist mathematisch.



    > Ihr habt früher schließlich auch Häuser besetzt



    Nicht alle. Aus einigen von uns ist etwas Anständiges geworden und wir legten damals schon die Grundlage dazu. Nur mit Hausbesetzern gäbe es alle diese "Ugg Boots", "Leos" und Glitzernägel nicht und Ihr würdet im Regen um Brot anstehen. Aber gut, ihr könntet Euch dort immerhin literaturwissenschaftlich über Marx austauschen statt dauernd an ungeheizte, kalte Zimmer denken zu müssen.