Theaterprojekt „What if Berlin“: Geisterprojekte brechen durch die Mauer
Was wäre wenn? Der japanische Theatermacher Akira Takayama stellt an Stationen auf der Berliner Ringbahn nie realisierte Ideen für ein anderes Berlin vor.
Foto: Camille Blake/Berliner Festspiele
Ein paar Tage erst ist es her, dass die FAZ das Ergebnis einer Umfrage veröffentlichte, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Zeitung durchgeführt hatte. Berlin, so hieß es darin, habe massiv an Anziehungskraft verloren. Nur noch 31 Prozent hielten die Hauptstadt für eine faszinierende Metropole, 46 Prozent der 1.039 Befragten gaben gar an, unter keinen Umständen dort leben zu wollen.
Fast wie eine Antwort darauf, also auf die Frage, ob Berlin anders sein könnte oder sogar sollte, erscheint da das Projekt des japanischen Theatermachers Akira Takayama, das am Freitag startet. „What if Berlin“, heißt es schon im Titel – „Was wäre, wenn Berlin“ – und sucht im öffentlichen Raum nach alternativen Visionen der Stadt.
Um sechs geführte Touren entlang den Ring-S-Bahnen S41 und S42 handelt es sich dabei. „What if Berlin“ entstand auf Einladung der Berliner Festspiele, anlässlich ihres 75-jährigen Bestehens. Takayama, geboren 1969 im japanischen Saitama, hat schon oft performative Arbeiten entwickelt, die im und mit dem urbanen Raum spielen. 2008 etwa ließ er sein Publikum beim Projekt „Sunshine 62“ einen berühmten Wolkenkratzer im Tokioter Stadtbezirk Ikebukuro umwandern. Für die Wiener Festwochen installierte er 2011 mit „Compartment City“ die Nachbildung einer 24-h-Video-Kabine, die in Tokio auch als Zufluchtsort für Obdachlose dient.
„What if Berlin“, verschiedene Stationen an der Ringbahn, Berlin. 28. August bis 20. September 2026
Um zu verstehen, warum er sich in Berlin für die Ringbahn als Ort und Verkehrsader entschied, genügt ein Blick auf aktuelle Wahlumfragen. Die Mauer, so erläuterte Takayama es entsprechend am Dienstagvormittag bei der Pressekonferenz, verlaufe nicht mehr zwischen Ost und West, die Ost- und Westteile der Stadt unterschieden sich kaum mehr in ihrem Wahlverhalten, sondern vielmehr entlang des Rings. Völlig andere Einstellungen und Bedürfnisse scheinen die Einwohner:innen der Hauptstadt zu haben, je nachdem, ob sie nun innerhalb oder außerhalb des Rings wohnten.
27 Stationen, 6 Touren
Praktisch ist die Idee auch, die Infrastruktur ist schon da. Auf oder rund um die S-Bahn-Gleise befinden sich die 27 Stationen der Touren. Angeleitet werden die Reisegruppen für die Touren zu unterschiedlichen Themen, bei denen man sich zuvor anmelden muss, von Guides. Los geht es jeweils bei sogenannten Travel Agencies, lila Projektcontainern, an denen man mit Audiogerät und Kopfhörern ausgestattet wird.
Cory Tamler, Dramaturgin und Künstlerin, ist eine der Reiseleiter:innen auf Tour F, bei der ein Vorschlag für eine andere Ringstadt formuliert wird. Visionen für die Zukunft werden mithilfe von „Geisterprojekten“ von Künstler:innen und Architekt:innen skizziert, von Projekten, die ausgedacht und wieder verworfen wurden, die scheiterten, die inzwischen vergessen sind. Am Dienstag führt sie eine der Journalist:innengruppen über die verkürzte Tour.
Tamler selbst interessiert sich künstlerisch insbesondere für Gewässer unterschiedlicher Art, im Verlauf wird sie darauf immer mal wieder zu sprechen kommen. Eine der Stärken des Programms ist es nämlich, dass sie nicht immer gleich ablaufen, sondern individuell von den jeweiligen Guides gestaltet werden. Um die Panke geht es daher in Tamlers Version auch, die von der Künstlerin schon mehrfach von Mündung zu Mündung abgelaufen wurde. Sehen kann man diese von der S-Bahn aus nicht, aber man kann sie sich denken, wenn man rechts aus dem Fenster schaut. So ist das mit den vielen der Dinge, um die es bei „What if Berlin“ geht: Man braucht Vorstellungskraft dafür.
Am Westhafen dann etwa für Joseph Beuys’ Überlegungen zum „freien demokratischen sozialistischen Staat Eurasia“. In der Beusselstraße geht es um die von Brecht kurz vor seinem Tod propagierten Idee des „Theaterchens“, politisch aktiven kleinen Theaterkollektiven, bestehend aus Schauspieler:innen und Laien. In Westend um den Vorschlag des schwedischen Künstlers Andreas Gedin für einen Recherchespaziergang am ehemaligen Todesstreifen. Realisiert wurde das Projekt nie, weil Gedin die Förderung nicht bekam. Nicht alles ist ganz neu, was man bei Tour F erfährt, der Bezug auf heute oder die Zukunft gelingt mal besser, mal schlechter.
12 Euro kostet eine zweistündige Tour, die jeweils immer am Wochenende abends läuft. Und auch wenn man einfach nur die Ringbahn nimmt, um von A nach B zu gelangen, könnte man die in Grün und Violett gestalteten Wände wahrnehmen und sich ein paar Gedanken machen. Zum Beispiel zu dem über einem verlassenen Gleis in Westend angebrachten Schriftzug „A Walk in Paradise“. Ein Paradies, gibt es das hier irgendwo? Und für wen?
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