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Jelinek bei den Salzburger FestspielenDas Unendspiel vom Kapitalismus

Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ wird bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Molières „Menschenfeind“ mutiert dort zum Battle-Rap in Alexandrinern.

Piketty, Piketty“ gurren die Tauben. Elfriede Jelinek erkalauert sich gleich zu Beginn eine der vielen Referenzen in ihrem bei den Salzburger Festspielen von Nicolas Stemann uraufgeführten Theatertext „Unter Tieren“. Mit dem Verweis aufs „Kapital im 21. Jahrhundert“ geht es auf hundert Seiten Text und prognostizierten vier Stunden im Theater um gesellschaftliche Ungleichheit und ihre ruinösen Konsequenzen.

Gut informiert in der historischen wie gegenwärtigen ökonomischen Literatur und fern von vorschnellem Aktivismus fragt Elfriede Jelinek so gut wie nach allem. Vom Naturaltausch bis zu hochkomplexen Produkten der Finanzmärkte, nach dem Ursprung des Geldes und seiner sich wandelnden Funktion, wie daraus Kapital wird, nach der Dynamik, die in die schrankenlose Ausbeutung von Mensch und Natur mündet. Kann man die Abstraktion des Warentauschs auf der Bühne sinnfällig abbilden? Elfriede Jelineks komplexe, mehrstimmige Komposition aber spaltet Abstrakta auf in poetische Facetten.

Die Gattung, die den Planeten ruiniert, hat nichts mehr zu melden. Tiere bleiben zurück und zur Not die KI, solange Strom da ist. Das Wort ward Fleisch. Milliarden von Geflügel, Meeres- und Säugetieren, geschlachtet, zerteilt, als Ware für den Endverbraucher oder als Futtermittel konfektioniert, kommen zu Wort und ihre Rede hört nimmer auf.

Sind Hase, Fuchs, Dachs, Kuh und Stockenten allegorische Figuren in diesem traurig-wütenden Karneval der Tiere? Der Fuchs taugt vielleicht zur Personifizierung der Gier menschlicher Akteure, wenn das rationale Mirakel der wundersamen Geldvermehrung in sich zusammenstürzt und als singulärer „Skandal“ in der Zeitung steht.

Die Leiden des Homo oeconomicus

Die Tiere in „Unter Tieren“ ergreifen eher zufällig das Wort und geben es nicht mehr ab. Was sie umtreibt, sind die Leiden des Homo oeconomicus, Gier, Verarmungs- und Verlustängste, das Gefühl, in einem anonymen undurchschaubaren Prozess betrogen zu sein. Ihr „Ich weiß es nicht“ ist weniger Unkenntnis als Symptom der wachsenden Widersprüche in einem scheinbar naturwüchsigen Prozess.

Seit „Die Kontrakte des Kaufmanns“ (2009) hat Jelinek immer wieder über Wirtschaft geschrieben. Dabei ging es auch um konkrete politische Vorgänge und letztlich die Frage „whodunnit“. Die gibt es auch hier, doch „Unter Tieren“ wird darüber hinaus zur verzweifelten Prophetie, die keine Zukunft versprechen kann. Sie arbeitet sich am irrationalen Selbstzweck unserer Wirtschaftsweise ab, der ohne Subjekt bleibt und auch nicht mehr nach Kriterien persönlicher Moral bewertet werden kann.

Das war einmal die Domäne des Theaters. In diesem Unendspiel des Kapitalismus ist alles gewusst, aber jede Form von kritischer Handlungsmacht scheint absorbiert.

Ein kaum spielbares Opus magnum

Elfriede Jelinek gibt dem Theater so vieles, treibt es aber immer wieder über die Grenzen seiner Möglichkeiten. Auch dieses Opus magnum ist kaum spielbar, adressiert gleichsam ein „Marstheater“ wie einst die „Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Was tun? Es als Textwurst herunterdeklamieren oder diesem Textgebirge einen Aufstiegspfad abringen, auf dem das Theater als autonome ästhetische Praxis jenseits allen Darstellungszwangs seine eigenen Formen, Dimensionen und Zeitmaße entwickelt, die sich von der gedruckten Partitur zwangsläufig unterscheiden?

Nicolas Stemann macht bei Jelinek sein Geschäft wieder mit der verehrenden Kapitulation vor der gewaltfreien Wucht der Autorin. Als „Textumsetzung“, weniger als Inszenierung will er den in seinen Aussichten und Verlaufsformen durchaus variablen Abend verstanden wissen, dem er als Conférencier, gelegentlich auch zur Gitarre und mit Sangeskünsten dient.

Mit der Pernerinsel südlich von Salzburg, ein Stück weit entfernt von den Repräsentationstempeln des Festivals, die von Geld zeugen, aber nicht zeigen, wo es herkommt, ist der Ort der Aufführung dieser Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater gut gewählt. Die alte Saline lässt die Gewalt noch erahnen, mit der die Primärproduktion der Natur ihre Rohstoffe abgerungen hat.

Ein stockend animierter Peter Thiel

Katrin Nottrodt baut hier eine Werkstattatmosphäre hinein mit Flügel, Perkussion, Projektionen, Leseprobentisch im Hintergrund, Manuskriptseiten fliegen bald in mühsam behaupteter Spontaneität herum. Den obligatorischen KI-Slop gibt es auch, ein stockend animierter Peter Thiel wird Gemeinplätze abgeben. Ein papiernes Endlosband am Bühnenrand zeigt an, welches Tier gerade dran ist, ein umgekehrter Abreißkalender, wie viele Textseiten noch ausstehen. Zwei Stunden verstreichen ziemlich linear, um nicht zu sagen fade. Man darf rausgehen, im Hof was trinken und per Public Viewing dort weiterschauen.

Genießen lassen sich Einzelheiten, durchweg gut inszenierte Monologe von Mavie Hörbiger, Caroline Peters und Azaria Dowuona-Hammond. Thiemo Strutzenberger fällt als häschennäselndem Steuerprüfer viel Sympathie zu. Der sanfte Anschlag der Stimme von Branko Samarovski dringt durch jedes Geschrei. Inge Maux’ späte Karriere in Wien beglückt.

Die notwendige Steigerung der Wirkmittel schafft Eskalation, die man beinahe schon herbeisehnt. Sebastian Rudolph eskaliert in der Tiermaske, vom Regisseur am Kälberstrick „kaum“ zurückgehalten. Caroline Peters gibt die archaischen Bocksgesänge dazu. Das Ganze endet in Debatten, wie’s weitergeht. Irgendwann kommt auch die lokale Blaskapelle und stimmt einen dionysischen Maskenzug an. In der Ordnung seiner Unordnung findet sich das Theater schließlich wieder und lässt spät doch versöhnt ins Freie treten.

Alles wird hier Sprache

Am Vorabend im Salzburger Landestheater hat Jette Steckel einen klugen Griff ins Archiv der Theaterliteratur getan. An Molières „Der Menschenfeind“, durchaus ein zeitweiliger Ladenhüter, legt sie in einer Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater latent vorhandene, spannende Bedeutungsebenen frei.

Die Bühne von Florian Lösche schrumpft zum Laufsteg, im Hintergrund sitzt auch Publikum. Man nimmt einander die Guckkastenillusion. Alles daran wird hier Sprache, das oft steife höfische Geplänkel zum Battle-Rap in Alexandrinern. Vor allzu viel Figurenidentifikation bewahrt die strikte Farbenzuordnung der jeweils monochromen Kostüme.

Zuvor treibt Ole Lagerpusch, der später zum höfischen Dichter im rosa Fransenkostüm wird, mit ein paar Hip-Hop-Versen von UWE (u. a. Deichkind) das geneigte Premierenpublikum aus den Sitzen.

Die ungelenke Ehrlichkeit, mit der der Protagonist Alceste (André Szymanski) gegen Gewandtheit der Höflinge rebelliert, will noch etwas anderes: besitzen, und zwar die angebetete junge Witwe Célimène (Maja Schöne). Ihr glücklicher Status entzieht sie der Bewirtschaftung ihres Geschlechts durch Väter und Ehemänner. Genau das will Alceste ihr nehmen und scheitert. Aus dem Seelenleben eines Ungustls wird ein großes Stück für Schauspielerinnen, Cathérine Seifert und Lisa Hagmeister sekundieren brillant. Barbara Nüsse als diskreter Zeremonienmeister in Yves-Klein-Blau wird lange im Gedächtnis bleiben.

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