Zwischenbilanz „Pop-Kultur“-Festival: Den menschlichen Faktor beschwören
Momentan findet in Berlin das Festival „Pop-Kultur“ statt. In den Debatten ging es um die Macht von KI und ein genossenschaftlich organisiertes Musikportal.
Foto: Roland Owsnitzki
Schön wär’s, wenn Pop, die unmittelbarste alle Musikformen, nur für sich sprechen könnte. Stattdessen besteht mehr Redebedarf denn je. Schließlich verschwimmt zunehmend, was und für wen Musik gemacht ist – angesichts KI-generierter Songs und Algorithmen, die mitentscheiden, welche Inhalte ihr Publikum finden.
So wird bei der zwölften Ausgabe des Berliner „Pop-Kultur“-Festivals im „Silent Green“, einer von vier Festivalspielstätten, an den ersten Tagen vor allem diskutiert. Am Montag etwa bei „I Stream the Line Between Good and Evil“, mit der Kulturjournalistin Aida Baghernejad und Johann Scheerer, Autor, Produzent und Betreiber des Hamburger Indielabels Cloud Hill. Zum leidigen Thema Streaming und den Machtverhältnissen in der Plattformökonomie postet Scheer regelmäßig Videos. Viel Grund für Optimismus verbreitet er auch heute nicht.
Das große Schrumpfen
Am Ende landen die beiden beim „größten Raubzug in Sachen Urheberrecht, den die Menschheit je gesehen hat“, wie Baghernejad es nennt. Dies ermögliche die Schwemme KI-generierter Musik überhaupt erst. Währenddessen schrumpfen die spärlichen Ausschüttungen für Musiker:innen immer mehr. Scheer, zum Abschluss nach dem Silberstreif am Horizont gefragt, beschwört den menschlichen Faktor: Die Magie des Prozesses, wie eine Band ihren Sound findet, sei nicht durch KI zu ersetzen. Dafür machten Menschen Musik.
Kämpferischer mit Blick auf die Untiefen der digitalen Musikwirtschaft geht es am Dienstag bei „Who Owns the Platform?“ zu, als Austin Robey, Mitgründer von Subvert, sein genossenschaftlich organisiertes Musikportal vorstellt. „Wir wollen zeigen, dass Genossenschaften sich durchsetzen können“. Subvert, das Robeys Vision nach auch in 50 Jahren noch existieren wird, gehörte seinen Mitgliedern, also Künstler:innen, Indie-Labels (unter anderem Warp und Thrill Jockey), Fans und Mitarbeitern. 30.000 sind es bis jetzt. Als Robey nachfragt, ob jemand aus dem Publikum bei Subvert sei, schnellen mehr als die Hälfte aller Hände hoch. Wow.
Am Mittwoch beginnt dann der Konzert-Reigen. Magie liegt in der Luft, als fünf vielseitig aufgestellte Musiker:innen – Fee Aviv Dubois, Ralph Heidel, Izzy Ment, Shanice Ruby Bennett und Andi Haberl – als Band auftreten, nur für diesen einen Abend. Spuren wird das Projekt nicht hinterlassen, außer in der Erinnerung. „Before it’s over“ ist ein teils improvisiertes Set zwischen cineastischem Postrock und Jazz – und eine Feier des Live-Moments. So toll, dass ich mir das Auftragswerk bei der zweiten Performance des Abends gleich noch mal angucke.
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