Geflüchtete in Deutschland: Eritreer fordern Familiennachzug

Durch den Krieg in Äthiopien wächst die Gefahr für eritreeische Geflüchtete dort. Pro Asyl fordert, die deutsche „inhumane Visapraxis“ zu beenden.

Demonstration eritreischer Flüchtlinge für das Recht auf Familiennachzug in Berlin im Berliner Regierungsviertel

Demonstration eritreischer Flüchtlinge für das Recht auf Familiennachzug in Berlin Foto: Florian Boillot

BERLIN taz | „Visa statt Boote. Leben statt Tote“ steht auf einem Plakat, das eritreische Flüchtlinge vor dem Kanzleramt in die Höhe halten. Zwei Tage und eine kalte Nacht lang halten rund 40 eritreische Flüchtlinge mitten in der Coronapandemie eine Dauermahnwache vor dem Kanzleramt. Sie fordern die Einreise ihrer Angehörigen.

Zumeist sind es Männer, die es bis nach Deutschland geschafft haben, hier Asyl erhielten und danach einen Antrag auf Familienzusammenführung stellten. Ihre Frauen und Kinder harren in Nachbarstaaten in Afrika aus, zumeist in Äthiopien, dem Sudan, Kenia und Uganda.

Sie haben zwar einen Rechtsanspruch auf Familiennachzug, aber die deutschen Auslandsvertretungen zögern diesen immer wieder hinaus. Ein Jahr lang muss man allein auf einen Termin warten, um den Familiennachzug beantragen zu dürfen. Dann gibt es immer wieder bürokratische Hürden. Meist genügen den deutschen Diplomaten die Dokumente zum Nachweis des Familienzusammenhaltes nicht, den die Eritreer haben. Das liegt daran, dass in Eritrea Ehen und Geburten meist nur kirchlich beurkundet werden und deutsche Diplomaten laut Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken nicht qualifiziert sind, diese kirchlichen Dokumente auf Echtheit zu prüfen.

Durch den Bürgerkrieg in Eritreas Nachbarland Äthiopien verschärft sich die Situation. Denn für die allermeisten eritreischen Frauen und Kinder ist gerade die an Eritrea angrenzende Bürgerkriegsprovinz Tigray Zufluchtsort. Sie sind jetzt besonders gefährdet, und darum machen ihre Männer vor dem Kanzleramt Druck.

Wehrpflichtige als Kanonenfutter

Martina Mauer vom Berliner Flüchtlingsrat berichtet von M. K., einem Betroffenen aus dem nordrhein-westfälischen Burscheid, der aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Mahnwache teilnehmen kann: „Er lebt seit 2017 hier und erhielt drei Monate nach seiner Einreise Asyl. Während er auf den Nachzug seiner Ehefrau und der Töchter im Alter von sechs und zwölf Jahren wartete, wurde seine Frau krank und starb 2019.“ Seitdem würden die Töchter allein in dem Flüchtlingscamp in Tigray leben.

„Gelegentlich kommt ein Onkel ins Camp. Aktuell kann Herr M. K. nicht mit seinen Töchtern telefonieren, weil es keine Verbindung gibt.“ Nach mehreren sorgenvollen Wochen wäre, so Martina Mauer, endlich ein Telefonkontakt mit einem anderen Campbewohner zustande gekommen, der in die Berge laufen musste, um Telefonnetz zu haben. „Der Mann konnte so erfahren, dass seine Töchter noch in dem Camp leben und unversehrt sind.“ Als Termin für die Familienzusammenführung war dem Mann eigentlich Oktober 2020 in Aussicht gestellt worden, so Mauer. Doch der habe wegen Corona nicht stattgefunden.

Die Organisation Pro Asyl und die Landesflüchtlingsräte unterstützen die Forderung der Eritreer. „Wir fordern, die inhumane Visapraxis in den deutschen Auslandsvertretungen umgehend zu ändern und sicherzustellen, dass die auf den Familiennachzug wartenden Angehörigen eritreischer Flüchtlinge zügig einreisen können“, heißt es in einer Erklärung. „Dazu müssen die Verfahren entbürokratisiert und beschleunigt und alternative Nachweise für Identität und Familienbindung anerkannt werden. Dies gilt besonders, aber nicht nur für die von dem Bürgerkrieg in Äthiopien betroffenen Menschen.“

Die Bundesregierung antwortete derweil auf eine Frage der Abgeordneten Ulla Jelpke (Linke), nichts an den Anforderungen zum Familiennachzug aus Eritrea ändern zu wollen.

In Deutschland leben rund 40.000 eritreische Staatsbürger. Rund 1.100 von ihnen haben sich in der Initiative „Familiennachzug Eritrea“ zusammengeschlossen. Aber auch viele andere sind wegen des äthiopischen Bürgerkriegs in Sorge um ihre Eltern und Geschwister, für die es kein Recht auf Familiennachzug gibt. Die Diktatur in Eritrea unterstützt die äthiopische Zentralregierung gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der Provinz Tigray.

Eritreische Berliner wie Freweney Habtemariam von dem in Berlin ansässigen Verein Eridac e. V. berichten, dass eritreische Wehrpflichtige die äthiopische Zentralregierung bei ihrem Einmarsch in die Provinz Tigray als Kanonenfutter unterstützen mussten und dass eritreische Flüchtlinge aus Tigray zurück nach Eritrea entführt wurden. Bestätigt ist das nicht. Bestätigt sind aber mehrere Kanoneneinschläge in Eritrea.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben