Humanitäre Lage in Region Tigray: Es fehlen Nahrung und Leichensäcke

Das Rote Kreuz schlägt Alarm über desaströse humanitäre Lage und volle Krankenhäuser in Äthiopiens umkämpfter Region Tigray.

Bunt gekleidete Frauen stehen dicht gedrängt und warten auf Unterstützung

Die Menschen sind vor den Kämpfen in das Lager Um Rakuba geflüchtet Foto: Baz Ratner/reuters

In den Krankenhäusern von Mekelle, Hauptstadt der umkämpften nord­äthiopischen Region Tigray, sind Krankenhäuser übervoll mit Kriegsverletzten, so dass andere medizinische Versorgung zeitweilig ausgesetzt ist. Das meldet das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) in einem seltenen Bericht aus der Hauptstadt von Tigray am Sonntag.

Am Samstag hatte Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed die Eroberung von Mekelle gemeldet, Sitz der Regionalregierung von Tigray, gegen die seit dem 4. November die äthiopische Armee kämpft.

Nach einem Besuch im Ayder-Krankenhaus in Mekelle sagte Maria Soledad, IKRK-Einsatzleiterin in Äthiopien: „Das Krankenhaus hat gefährlich wenig Nähmaterial, Antibiotika, Mittel zur Hemmung der Blutgerinnung, Schmerzmittel und sogar Handschuhe.“ Auch mangele es an Nahrung und an Leichensäcken.

Die Erklärung deutet darauf hin, dass der Kampf um die Kontrolle Mekelles und des Umlandes sehr heftig gewesen ist. Beide Seiten im Krieg um Tigray schätzen, dass es seit Kriegsbeginn insgesamt Hunderte von Toten und Tausende Verletzte gibt. Diplomaten fürchten, dass die wahren Zahlen noch viel höher sind.

Alternative Fakten

Der Thinktank International Crisis Group spricht von Tausenden Toten. Äthiopiens Premier Abiy Ahmed hingegen sagte am Montag, es habe in Mekelle nicht einmal Verwundete gegeben. Der Artilleriebeschuss der Stadt habe „zu 99 Prozent keinen Kollateralschaden“ verursacht, so Abiy.

Das Ayder-Krankenhaus in Mekelle, eine Stadt mit einer halben Million Einwohnern, ist mit 400 Betten das zweitgrößte Krankenhaus Äthiopiens und eines der modernsten. Es dient auch als Lehrkrankenhaus.

Etwa 80 Prozent der Patienten leiden an Traumaverletzungen als Folge des Krieges, so das IKRK. „Der Zustrom von Verletzten kam, nachdem seit mehr als drei Wochen die Lieferketten nach Mekelle unterbrochen wurden“, sagt Soledad vom IKRK.

Dieses ist mit der Regierung in Verhandlungen darüber, wie medizinische Güter nach Tigray transportiert werden können. „Wir haben genügend medizinische Güter in unserem Lagerhaus in Addis Abeba wie auch hier in Nairobi“, sagt Crystal Wells vom IKRK in Kenias Hauptstadt Nairobi der taz. Das Problem sei, sie dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden.

Gefahr eines Guerillakrieges

Die militärische Lage bleibt derweil unklar. Debretsion Gebremichael, Führer der bisher dort regierenden TPLF (Tigray-Volksbefreiungsfront,) ist flüchtig, behauptet aber, dass seine Truppen in Tigray weiterkämpfen. In Textnachrichten an Presseagenturen AP und Reuters schreibt er: „Ich bin in der Gegend von Mekelle und kämpfe gegen die Eindringlinge.“

Billene Seyoum, Sprecherin von Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed, sprach als Reaktion darauf von „Wahnvorstellungen einer sich auflösenden kriminellen Clique, die irrelevant geworden ist“. Debretsion befinde sich in den Bergen 50 Kilometer westlich von Mekelle, so die äthiopische Regierung am Montag.

Solche Angaben sind kaum zu überprüfen, da die Telefon- und Internetverbindungen zu Tigray größtenteils unterbrochen sind und der Zugang zur Region streng kontrolliert wird. Doch Debretsions Widerstand würde das Risiko eines Guerillakrieges erhöhen. Die TPLF entstand vor Jahrzehnten als Guerillaarmee und weiß, wie man das bergige Gelände ausnutzt.

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