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Gedenktag für Drogentote„Zu spät erreicht, zu selten geschützt“

Immer mehr und vor allem junge Menschen sterben wegen Drogenmissbrauch. Eine Gedenkveranstaltung in Berlin fordert mehr Prävention, weniger Repression.

Wenige Gehminuten vom Kotti haben sich am Oranienplatz rund 100 Leute zum Gedenken versammelt. „Das Kottbusser Tor zeigt wie kaum ein anderer Ort, was öffentlicher Raum in dieser Stadt bedeuten kann: Zuflucht, Konflikt, Unsichtbarkeit, Solidarität – und eben viel zu oft auch Verlust“, leitet Marc Seidel seinen Redebeitrag ein.

Seidel spricht für die Selbstvertretungsgruppe Junkies, Ehemalige und Substituierte (JES e. V.) anlässlich des internationalen Gedenktags für verstorbene Drogengebrauchende. Zu der Veranstaltung aufgerufen hatte ein Aktionsbündnis aus Vereinen der Drogensuchthilfe.

Jährlich steigen die Zahlen drogenbedingter Todesfälle. In Berlin verloren laut Senatsverwaltung für Gesundheit und Pflege vergangenes Jahr rund 300 Menschen ihr Leben aufgrund von Überdosierungen und anderen Folgen des Konsums von illegalisierten Substanzen. Im Jahr zuvor waren es 294 Menschen. Auch bundesweit stieg die Zahl der Drogentoten erneut.

Dirk Schäffer hat überall auf dem Oranienplatz bunte Schmetterlinge auf den Boden gesprüht: Letztes Jahr wurden 294 Schmetterlinge aus Papier aufgehängt – für jeden Toten einen. Schäffer geht von einer hohen Dunkelziffer aus, er ist Referent für Drogen und Strafverfolgung der Aids-Hilfe. Einen Grund dafür, dass die Todeszahlen mit jedem Jahr steigen, trotz eines „eigentlich guten Hilfesystems hier in Berlin“, vermutet er darin, dass es einen Trend zu synthetischen Substanzen gebe: „Die sind deutlich potenter, schwer dosierbar und haben viele Nebenwirkungen.“

Das Sterben ist das Ergebnis von Verhältnissen, die vermeidbar wären.

Marc Seidel, Selbstvertretungsgruppe Junkies, Ehemalige und Substituierte (JES e. V.)

Betroffen sind vermehrt junge Menschen: Jeder vierte Drogentote ist jünger als 30 Jahre, heißt es in einer Pressemitteilung des Bundesdrogenbeauftragten Hendrik Streeck (CDU). Das sei seit 2021 ein Anstieg um mehr als die Hälfte. „Junge Menschen mischen Medikamente, Alkohol und andere Substanzen, oft ohne die tödlichen Risiken der Kombinationen zu kennen“, sagt er.

Schäffer sieht Jugendliche auch durch die sozialen Medien und Songtexte, in denen das Konsumieren synthetischer Drogen verherrlicht werde, gefährdet. Zudem sei der Zugang zu Drogen immer einfacher geworden: „Niemand muss mehr hier zum Kotti gehen, man kann Substanzen einfach im Internet bestellen, zwei Tage später kriege ich das geliefert.“ Es brauche mehr Prävention und frühere Aufklärung an Schulen.

Das Motto der Gedenkveranstaltung lautet: „Verändern, um Leben zu retten!“ Damit solle darauf hingewiesen werden, dass Angebote stetig weiterentwickelt werden müssten und eine andere Drogenpolitik in Gang gesetzt werden müsse, sagt Seidel: „Das Sterben ist das Ergebnis von Verhältnissen, die vermeidbar wären.“ Niedrigschwellige Hilfe bereitzustellen sei eine Frage von politischem Willen.

„Gib mir 5“ – fünf Maßnahmen für eine „menschenwürdige Drogenpolitik“, ist auf einem Banner vor einem der Stände der Veranstaltung zu lesen. Der Verein akzept e. V. hat eine Kampagne gestartet, in der er niedrigschwelligen Zugang zu Hilfesystemen fordert, erklärt eine Frau an dem Stand. Zum Beispiel zu Substitution, also der ärztlich kontrollierten Vergabe von legalen Ersatzstoffen, etwa für Heroin. Auch mehr Möglichkeiten zum Drugchecking, wo Substanzen auf Reinheit und mögliche gefährliche Inhaltsstoffe überprüft werden, lautet eine der fünf Forderungen.

Seidel betont: „Menschen sterben nicht nur an Substanzen. Sie sterben an einem System, das sie zu spät erreicht, zu hart bestraft und zu selten schützt.“

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3 Kommentare

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  • Drogengebrauchende. Wieder mal ein hübscher Begriff.

    Aber Begriffe lösen keine Probleme. Dieser verharmlost eher Gefahren.

  • Wo bleiben die Gedenkveranstaltungen für Alkoholiker, für Nikotinsüchtige?