Gedanken zum Medienjournalismus: Die persönliche K-Frage

Unsere Kolumnistin wechselt vom Medien- ins Investigativressort und beendet damit ihre Kolumne. Ein Rückblick und ein hoffnungsvoller Ausblick.

Eine Journalistin sitzt mit Kopfhörern an ihrem Arbeitsplatz in einer Redaktion

Nach 7 Jahren im Medienjournalismus verabschiedet sich unsere Kolumnistin heute Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Seit einigen Wochen trage ich meine persönliche K-Frage mit mir herum, und ich kann Ihnen hier und heute meinen Entschluss mitteilen: Dies ist meine letzte Kolumne.

Nach sieben Jahren als Medienredakteurin probiere ich etwas Neues und wechsle ins Investigativressort der taz. Als ich hier anfing, wusste ich nicht, was das sollte: Medienjournalismus kam mir vor wie eine Nabelschau, wie Steine schmeißen im Glashaus. Mit der Zeit merkte ich aber, dass er nicht nur vielfältig, sondern auch relevant ist. Was wir wissen, wissen wir aus den Medien. Medien sind der Ort, an dem wir als Gesellschaft verhandeln, wer wir sind und wohin wir wollen. Und dieser Ort ist eine Baustelle.

2014, als ich anfing, war die AfD gerade ein Jahr alt und hetzte noch mehr gegen den Euro als gegen Flüchtlinge. Pegida und deren Schlachtruf „Lügenpresse“ gab es noch nicht, Twitter war noch kein schreiender Präsident und Claas Relotius fälschte seine Spiegel-Geschichten noch so geschickt, dass niemand misstrauisch wurde.

Seitdem wurden Zeitungen zusammengelegt, Redaktionen geschlossen und ausgedünnt. Verlage und Sender haben Sparprogramme durchgedrückt, und haben gute Leute ziehen lassen.

Der Job ist dadurch härter geworden: die Konkurrenz größer, die Arbeitsbedingungen schlechter, die Löhne niedriger. Jour­na­lis­t*in­nen stehen mehr denn je unter Druck. Kritik in den sozialen Medien wird schnell hässlich, in Deutschland gab es im vergangenen Jahr so viel Gewalt gegen Jour­na­lis­t*in­nen wie noch nie.

Kritik an Verlegern hat es schwer

Vieles davon konnte man auf Medienseiten nachlesen, aber auch nicht alles. Als der Verband der Zeitungsverleger durchsetzte, dass Zeitungsausträger erst später Mindestlohn verdienen sollten als Mitarbeiter in anderen Branchen, stand das in fast keiner großen Zeitung. Als große Verlage ihre Redaktionen in der ersten Coronawelle in Kurzarbeit schickten, obwohl die Newsrooms brummten und die Abozahlen Rekorde erreichten, berichtete kaum jemand darüber. Und Kritik daran, dass die Zeitungsverleger Mathias Döpfner zu ihrem Chef machten, obwohl seine Bild-Zeitung auf journalistische Standards pfeift, las man auch kaum.

Kritik an Verlegern hat es schwer. Und trotzdem haben all die Erschütterungen der letzten Jahre auch einiges zum Guten gewendet. Die Branche ist heute weniger selbstherrlich, manchmal sogar transparent mit eigenen Fehlern. Und die Angriffe und Lügen der Rechten haben Jour­na­lis­t*in­nen und Le­se­r*in­nen gezeigt, wie wichtig Qualitätsjournalismus ist.

Und noch etwas macht mir Hoffnung: Es werden auf der Medien-Baustelle nicht nur alte Leuchttürme abgerissen, es entstehen auch neue: Krautreporter, Übermedien, Vice Germany, das Podcast Label 4000 Hertz. Sie alle machen stabile Arbeit, schauen hin, wo andere Redaktionen nicht hinschauen, kämpfen für die Pressefreiheit und zeigen, dass Journalismus Zukunft hat.

Es war mir eine Freude, das alles begleiten zu dürfen.

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Redakteurin im Ressort Reportage und Recherche. Außerdem Leiterin der taz-Podcasts und Vorständin der taz. Davor war sie Medienredakteurin im Gesellschaftsressort taz2. Geboren 1986, aufgewachsen in Erfurt. Danach Studium der Soziologie und Politikwissenschaft in Leipzig, Berlin und Schweden. Ausbildung zur Redakteurin an der Deutschen Journalistenschule. Seit 2014 bei der taz.

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