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Garagepop-Album von White FenceMelancholie ist blau, schmerzhaft und schön

Der kalifornische Künstler White Fence inszeniert sich auf dem Garagepop-Album „Orange“ als zaudernder Liebender. Wo bitte ist die Widerspenstigkeit?

Alles wird gut: Tim Presley mit Wachhund Foto: Agathe Rouselle

Sanfte Missstimmung ist zu spüren, wenn der Vortragende eher verzagt „Live with me / Are you free? I could take you miles away/ No one changes their mind/ Like you do“ singt. Im dazugehörigen Video flattert ein Buch mit seinen Deckeln, ein Herz pocht lila.

Der Song heißt „Unread Books“, es handelt sich dabei um die zweite Singleauskopplung aus dem Album „Orange“ des US-Künstlers White Fence. Bedeutungsschwanger soll die Musik „eine tranceartige Chronologie von Unbewusstem in Songform sein, glitzernd wie ein Opal und in eiskalter Klangtreue komponiert.“ Das kann ja alles sein, aber wird der Pressetext Tim Presley, der „Orange“ als sein Alter Ego White Fence veröffentlicht, überhaupt gerecht?

Immerhin, anders als heutzutage üblich, ist Presleys Musik nicht schon im Vorfeld komplett zugänglich. Bei den Streaming-Plattformen waren nicht einmal die Songtitel bekannt. Und das Label Drag City beschränkte sich auf den mysteriös formulierten Waschzettel.

Warten auf ein Lebenszeichen

Dabei ist ein neues Lebenszeichen von White Fence mehr als willkommen. Langersehnt, weil sich Tim Presley zuletzt rar gemacht hat. Und außerdem hat sein Buddy, der Künstler Ty Segall, „Orange“ produziert. Zugegeben, Vorschusslorbeeren sind bei Segall unvermeidlich. Bisher waren sie immer berechtigt. Wer noch „Joy“ kennt – das gemeinsame Album der beiden Künstler von 2018 –, erinnert sich vermutlich an eine Aneinanderreihung von Songs, die konsequent für Freude sorgten.

White Fence

White Fence: „Orange“ (Dragcity/Rough Trade)

Presley steht allerdings nicht im kreativen Schatten von Ty Segall. Er ist mindestens so geschickt und umtriebig wie Segall und hat bereits während seinem Mitwirken bei der Psychedelic-Rockband Darker My Love in den Zehnerjahren, mit LoFi-Instrumentierung als Singer-Songwriter White Fence angefangen: Von Anfang an hat Presley folkloristischen Schlafzimmer-Pop mit bewusstseinserweiternden Schattierungen erschaffen. Als Maler pointieren seine Portraits eine Verstimmtheit, die ihm ständig zu begleiten scheint. Folgerecht wird ihm das Genre Rock ‚n‘ Ballade zugeschrieben.

Man denkt beim Albumtitel „Orange“ auch sofort an Kalifornien und seinen schlierigen Himmel, der wolkenverhangen durch Smog ist, an die sich langsam durchdrückende Sonne und ihre milchig-orange Färbung. Der Auftaktsong „That’s Where The Money Goes (Seen From The Celestial Realm)“ ist einfach nur schön. Das Schlagzeug schubst wach, die Gitarre wiegt ins Wochenende, die Stimme bleibt unsauber: Zigarette statt Zimtmüsli zum Frühstück.

Sein Herz ausschütten

Für „Orange“ übernimmt Ty Segall bei fast allen Songs das Schlagzeug. Die studierte Jazz-Percussionistin Dylan Hadley füllt diese Rolle ebenfalls aus. Anders als das Albumcover andeutet – Tim Presley im roten Pullover (trägt sonst rote Socken), mit ausgestreckten Beinen auf einer Treppe sitzend und etwas aufsässig schauend –, soll die Musik kein widerspenstiges Verhalten spiegeln. Presley will nur sein Herz ausschütten und das Alltagsleben besingen.

Der Lobgesang auf das Dasein lässt sich wahrnehmen. „Your Eyes“ etwa beinhaltet eine ostentative Zylindertrommel, die von einer wolkenlosen, jedoch noch nicht allzu heiteren Gitarre getätschelt wird. Trotz der upliftenden Klänge verursacht der Song Schwermut, der von den Texten noch bestärkt wird: „I’m a terror for your brains/ Now I’m sad to laugh at you/ Take the pattern of the moon/ Don’t pretend it’s not for you/ There’s a sidewalk made of stars/ Balenciaga cocktail bar/ Realize that I’m waiting for you/ A tear of sacred blue, sacred blue/ Blue“.

Blau steht als Farbe für Melancholie und vielleicht ist es ein Trugschluss zu erwarten, wer das Leben besingt, komponiert fröhliche Popsongs. Es macht nur Sinn, dass die elf Songs von La Luz' Alice Sandahl begleitet werden, die mit ihrem Keyboard die verwaschene Gemütsstimmung in diffuse Sehnsucht verwandelt. Genau diese Gefühlslage definiert treffend, was der Sound des Albums evoziert: einen Bastard aus schmerzhaft und schön, Wehmut und Sehnen. Zugleich bedeutet die Farbe Orange auch Vitalität.

Etwas mehr Widerspenstigkeit wäre dennoch wünschenswert gewesen. Die ausgestellte Vitalität von White Fence neigt manchmal gefährlich zur Rührseligkeit, klingt zwar okay, aber belanglos. „I Came Close, Orange For Luck“ hallt dann gewohnt psychedelisch, ist aber beinahe so hippiesk-fröhlich wie Julia Roberts in „Eat Pray Love“. Während die Schmeicheleien zu ergrauen drohen, versöhnt „Blind Your Sun“ zum Abschluss mit himmelhochjauchzender Johnny-Marr-Gitarren-Seligkeit.

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