Zwei Sachbücher zum Männlichkeitsdiskurs: Furcht und Vorurteil
Die Autorin Nicole List schreibt über „Angst vor Männern“, die Journalistin Eva Ladipo wirbt dafür, die Verlustängste und Wut der Männer zu ergründen.
Männer, die ihre Partnerinnen betäuben und vergewaltigen. Männer, die solche Taten filmen und verbreiten oder andere Männer zur Vergewaltigung „einladen“.
Nicht nur die französische Philosphin Manon Garcia, die den Pelicot-Prozess beobachtet hat und ein Buch über tiefsitzenden Frauenhass geschrieben hat, fragt sich, wie das überhaupt noch gehen soll: „Mit Männern leben“. Nachdem ähnlich gelagerte Fälle derzeit auch die deutsche Justiz beschäftigen, erkunden vermehrt Autorinnen im deutschsprachigen Raum einen gesellschaftlichen Zustand, der mit „Unbehagen der Geschlechter“, wie Judith Butlers Standardwerk einst übersetzt wurde, nur unzureichend beschrieben scheint.
Ist es nur die geschärfte mediale Aufmerksamkeit, eine wachsende gesellschaftliche Sensibilität – oder ist der Hass auf Frauen wirklich so groß, ausgerechnet in Zeiten zunehmender Gleichberechtigung der Geschlechter – oder vielleicht gerade deshalb?
Wie können wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt darstellen und unterschiedliche Perspektiven zeigen? 14 Antworten von Fotograf:innen der taz finden Sie hier in der Bildergalerie zur männertaz.
Wer die Schlagzeilen verfolgt, kann es jedenfalls mit der Angst kriegen: Die Fallzahlen häuslicher Gewalt schnellen nach oben, ebenso die Fälle angezeigter Vergewaltigungen. Man liest beinahe täglich von Männern, die Frauen sexuell erniedrigen und damit ihre Follower unterhalten. Von Männern, die Frauen auf dem Nachhauseweg überfallen, in der eigenen Wohnung zusammenschlagen, quälen oder umbringen.
Ein persönliches „Archiv der Angst“
Die österreichische Buchhändlerin und Autorin Nicole List hat vieles davon selbst erlebt: Stalking, sexuelle Übergriffe, Partnerschaftsgewalt. Das Gefühl einer ständigen latenten Bedrohung hat sie in ihrem Buch „Angst vor Männern“ auf den Punkt gebracht: „Ich gehe davon aus, dass jeder Mann, den ich kennenlerne, merkwürdig oder potenziell gefährlich ist“. List führt ihre Leser:innen durch ihr persönliches „Archiv der Angst“ und unterstreicht durch zahlreiche Statistiken, dass Männergewalt kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist.
Überzeugend bildet sie Gefühle des Ungeschütztseins und der Wut ab, doch analytisch überzeugt das Buch nicht recht. Differenzierungen bleiben auf der Strecke, und auch wenn die Autorin wiederholt betont, Männer weder zu hassen noch alle Männer über einen Kamm zu scheren, bleibt doch dieser Eindruck hängen: Männer sind Schweine, und Frauen haben zu Recht Angst vor ihnen.
Zumal List allzu oft bei populären Schlagworten hängen bleibt, wie sie derzeit auf feministischen Demos zu hören sind: „Not all men, but always a man“ oder „ni una menos“ („nicht eine weniger“). Sie schreibt: „Ich sehe es nicht mehr als meine Aufgabe, Männer darüber aufzuklären, wie sich ihr Verhalten auf andere Menschen auswirkt. Ich sehe es nun als Aufgabe der Männer, diese Strukturen zu ändern und abzuschaffen, damit andere Menschen, gerade auch Frauen wie ich, keine Angst mehr haben müssen.“
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Eine Wut, die den Westen von innen zersetzt
Im direkten Widerspruch dazu adressiert List dann doch männliche Leser ganz direkt („Haben Sie das Kennzeichen eines Taxis fotografiert und verschickt, bevor Sie einstiegen?“) und fordert sie zu respektvollem und sensiblen Verhalten auf. So verständlich der Impuls ist, als Betroffene und als Frau einmal eben nicht zu schweigen oder zu vermitteln, sondern ganz bei sich und dem eigenen Empfinden zu bleiben: Das Gefühl einer zunehmenden Polarisierung im Geschlechterdiskurs dürfte sich dadurch eher noch bestärken.
Das ist genau der Punkt von Eva Ladipo, die in ihrem schmalen Reclam-Band „Not am Mann“ den Gedanken wagt, dass es Zeit wird, auch die Gefühle und Ängste von Männern in den Blick zu nehmen. Ladipo beschreibt eine „neuartige, mächtige (…) Wut, die den Westen von innen zersetzt“, indem sie eine „hemmungslose, karnevaleske Männlichkeit“ feiert. Die Wurzel dieser Wut vermutet Ladipo in einer dreifachen Herabwertung, die Männer seit der Jahrtausendwende erfahren hätten: wirtschaflich, politisch und kulturell.
Männer aus der Arbeiterklasse seien Hauptverlierer der Globalisierung: sie hätten zunehmend weniger Bildungserfolg als Frauen, seien weniger mobil, weniger vernetzt und hätten darum kaum noch Aufstiegschancen. Auch gesellschaftspolitisch hätten sie keinen Rückhalt mehr: Da sich das progressive Lager vorrangig mit Diskriminierungsfragen befasse, gerate der weiße Hetero-Mann ins Hintertreffen.
Ladipo sieht diese Männer nicht nur als Opfer einer auf benachteiligte Minderheiten fokussierten Identitätspolitik; sie sieht sie auch moralisch im Abseits: Besonders in den Augen kulturell einflussreicher linker Aktivist:innen seien Männer „im Verlauf weniger Jahre und ohne eigenes Zutun“ von potentiellen Opfern wirtschaftlicher Ausbeutung zu potenziellen Tätern geworden: „Frauenfeindlich, rassistisch, homophob, nicht umweltbewusst, nicht achtsam und ungeschliffen“.
Ohne eigenes Zutun? Das ist eine steile These, wenn man bedenkt, dass es eben zum allergrößten Teil Heteromänner (wenn auch nicht immer „weiße“) sind, die Delikte wie Partnerschaftsgewalt, Sexualdelikte und Femizide begehen. Auch bei anderen schweren Gewalttaten wie Mord und Totschlag sind die Täter fast immer: Männer. Diese nun pauschal zu Opfern gesellschaftlicher Diskriminierung zu erklären – folgt das nicht eben derselben Diskriminierungslogik, die Eva Ladipo auf der Linken anprangert? Ihr Punkt ist aber ein anderer: Man müsse die Gefühle von Männern ergründen, um den Irrsinn unserer Zeit, vom Brexit über Trump bis zur AfD, zu verstehen. Und die Ursachen überwiegend männlicher Wut, die in Form von imperialer Techbro-Attitüde, rechtsautoritärem Maskulinismus bis zur frauenhassenden Manosphere enormen Zulauf hat.
Müssen Frauen bessere Gewinnerinnen werden?
Parteien wie die AfD oder den Rassemblement National bezeichnet Ladipo darum in erster Linie als Wutparteien: Sie bündelten Frustrations- und Kränkungsgefühle derer, die sich missachtet, ungesehen und verlassen fühlten. Weil sie mit einfachen Tätigkeiten nicht mehr in der Lage sind, eine Familie zu ernähren. Weil ihre Jobs wegfallen. Weil sie in sterbenden Landstrichen festhängen: Ladipo verweist auf ländliche Regionen in Ostdeutschland, in denen ein dramatischer Männerüberschuss herrscht, weil die mobileren, gut ausgebildeten Frauen weggezogen sind – und auf die Tatsache, dass Frauen in westlichen Gesellschaften immer öfter auf feste Partnerschaften und Kinder verzichteten.
Den Übriggebliebenen verschaffen Fantasien von der glanzvollen Rückkehr traditioneller Männlichkeitsbilder zumindest etwas Linderung – obwohl Eckdaten gesellschaftlicher Entwicklungen auf das Gegenteil hinweisen: Ladipo führt OECD-Zahlen an, wonach junge Frauen in Schulen und Universitäten ihre männlichen Mitschüler und Kommilitonen in den Schatten stellten, selbst in den Naturwissenschaften gebe es mehr erfolgreiche Absolventinnen als Absolventen. Schon jetzt seien in Großbritannien junge Frauen seltener arbeitslos, gingen öfter beruflich ins Ausland und verdienten mehr als Männer – das wahre Ausmaß der weiblichen Eroberung der Welt werde erst in ein paar Jahren sichtbar.
Warum, fragt sich Ladipo, werden Mädchen in den Schulen dann noch immer besonders gefördert, etwa darin, in die Naturwissenschaften zu gehen – wo aber blieben Programme, mit denen Jungen ermuntert würden, sich mit Ballett, Literatur oder Fremdsprachen zu befassen?
Man kann Eva Ladipos Diagnose der Benachteiligung von Jungs übertrieben finden: Was hindert sie schließlich daran, sich für gute Noten anzustrengen, ein Auslandsjahr zu machen, ihr Studium zu beenden?
Männer brauchen neue Angebote
Aber mit ihrem ökonomischen Fokus berührt die Autorin einen wichtigen Punkt, der in der gegenwärtigen Geschlechterdebatte allzu oft ausgeblendet wird: Wenn die alten Rollenangebote für Männer, die auf ökonomischem und Fortpflanzungserfolg beruhen, am Ende sind, dann braucht es dringend neue Angebote.
Die geschichtlich beispiellose Freiheit und Unabhängigkeit von Frauen ist eine Errungenschaft, von der auch viele Männer profitieren. Doch wäre es auch an der Zeit, anzuerkennen, dass diese Freiheit auch Verlierer produziert. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass sich Studien zufolge die Suizidzahlen unter jungen, einkommensschwächeren Männern in den vergangenen 30 Jahren vervielfacht hat.
Müssen Frauen also bessere Gewinnerinnen werden, wie Eva Ladipo fordert? Vielleicht müssen Männer aber auch verstehen, dass sie nicht länger von Geburt wegen einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verdient haben, und lernen, die zunehmend fragile Männlichkeit auch als Chance zu begreifen. Auf alle Fälle lohnt es sich, im Blick zu behalten, dass das Zusammenleben in einer Gesellschaft nur gelingen kann, wenn die Interessen aller berücksichtigt werden – ganz gleich, welchen Geschlechts.
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