Getanzter „Godot“ in Hamburg: Für ein paar Sprünge Lebensfreude
In Hamburg kommt Samuel Beckets „Warten auf Godot“ auf die Ballettbühne. Die Tänzer:innen sind allesamt aus der Ukraine geflüchtet.
Oh, diese Gedanken! Sie lassen uns selbst dann nicht los, wenn gerade nichts passiert. In Edvin Revazovs Choreografie „Waiting for Godot – In the Small Moments We live“ machen vier Tänzerinnen des Hamburger Kammerballetts im Ernst Deutsch Theater sie sichtbar: Auf der Spitze durchdringen sie den Raum mit stakkatoartigen Schritten, synchron getrippelt. Sie können aber auch unbeweglich an einem Platz verharren, fast wie festgefroren.
So lässt Edvin Revazov ein Gedankenkarussell lebendig werden. Der Ukrainer ist seit über einem Jahrzehnt Erster Solist im Hamburg Ballett. 2022 gründete er das Hamburger Kammerballett: als künstlerische Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen sein Heimatland. Alle sechs Tänzer:innen sind ukrainische Geflüchtete.
Samuel Becketts „Warten auf Godot“ erzählen sie auf der Bühne aber nicht allein. Die Hauptrollen sind prominent besetzt: Revazov selbst verkörpert Estragon, genannt Gogo. Als Gast verwandelt sich Alexandr Trusch in Wladimir, sein Spitzname: Didi. Die beiden Ukrainer sind seit über 20 Jahren befreundet, sie sind Schüler des langjährigen Hamburger Ballettdirektors John Neumeier.
In dessen Hamburg Ballett war auch Trusch ein Star. 2025 kündigte er jedoch, weil er mit Neumeiers Leitungs-Nachfolger Demis Volpi so unzufrieden war. Für ihn heißt es nun: Ein Ballerino goes Hollywood. Im Biopic „Margot & Rudi“ spielt er den legendären Tänzer Rudolf Nurejew, seine Filmpartnerin ist Naomi Watts.
Tänzer mit Schauspieltalent
Dass der 37-Jährige schauspielerisches Talent hat, steht außer Frage. Er kann Grimassen schneiden, er streckt die Zunge raus, er macht auch mal komische Geräusche. In bester Slapstick-Manier rutscht ihm die Hose vom Hintern. Selbst etwas ganz Profanes verwandelt er in etwas Komisches, etwa wenn er mit seinem Schuh hantiert.
Oft trotzt Didi seiner unbefriedigenden Situation, der Warterei, mit dem unbedingten Willen zum Lustigsein. Manchmal zittern seine Nerven aber auch. Als er sich einen Strick um den Hals legt, scheint ihm Suizid der letzte Ausweg zu sein. Dabei ist eigentlich er derjenige, der auf Erlösung hofft. Auf das Erscheinen von Herrn Godot.
So geht es auf und ab, wenn Trusch und Revazov als Clochards in schäbigen Anzügen aufeinandertreffen. Neben Samuel Becketts Theaterstück lassen die beiden auch gemeinsame Erfahrungen einfließen, aus persönlichen Momenten werden universelle. Sie umschlingen einander, einer hebt den anderen hoch. Stille besitzt dabei ebenso viel Strahlkraft wie die Musik von Bach oder Satie.
Waiting for Godot – In the Small Moments We Live: weitere Vorstellungen am 7. und 8. Juli, jeweils 19.30 Uhr
Tickende Monotonie
Gogo wirkt passiver, absichtlich unbeholfene Gesten unterstreichen das. Didi ist der Quirligere. Manchmal werfen sie sich Schimpfwörter an den Kopf, ohne einander können sie trotzdem nicht. Zwischendurch brechen ein paar schöne Sprünge Lebensfreude oder ein Walzer die Ausweglosigkeit ihrer Situation auf. Meistens aber Monotonie, unterstrichen vom Ticken einer Uhr.
Erst als Pozzo (Vladyslav Bondar) und Lucky (Valerii Liubenko) auftreten, passiert wirklich etwas: Lucky, der Knecht, hat an seinem Herrn oft schwer zu tragen. Rasch nimmt er ihn Huckepack oder dient ihm als Sitzbank. Die Psychologie solcher Szenen spricht für sich.
Auf der Bühne machen es sich die beiden Hauptakteure ganz am Schluss einfach auf einer schiefen Ebene unter dem beckettschen Baum bequem. Didi legt seinen Kopf an Gogos Schulter. Ein friedliches Bild. Vielleicht alles nur ein (Alb-)Traum, wer weiß. Die Verneinung eines klar definierten Sinns gehört zum absurden Theater. Angeblich wusste Samuel Beckett selber nicht, wer dieser Godot, auf den die Clochards warten, sein sollte.
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