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Frontex und Abschiebungen Der Rechtsruck kommt wie gerufen

Christian Jakob

Kommentar von

Christian Jakob

Die EU-Kommission nutzt den Rechtsruck, um Frontex zur Grenzpolizei auszubauen. Nationale Vorbehalte erscheinen da nur noch als lästiges Hindernis.

A n sechs deutschen Flughäfen protestierten am Wochenende Tausende gegen Abschiebegefängnisse und neue Antimigrationsgesetze. Doch genau solche Gesetze bereitet die EU aktuell vor. So will Innenkommissar Magnus Brunner am Dienstag ein Gesetzespaket zum Ausbau der EU-Grenzschutzagentur Frontex vorstellen. Unter anderem soll Frontex ein „Abschiebe-Koordinationszentrum“ aufbauen.

Was neu klingt, steht für ein Vorhaben, das die Kommission schon lange verfolgt: Frontex zu einer echten EU-Grenzpolizei aufzubauen – mit eigenen Befugnissen, statt wie bisher vor allem als Dienstleister der nationalen Grenzschutzbehörden. Seit Jahren tastet sich Brüssel in diese Richtung vor. Bereits seit 2006 koordiniert und finanziert Frontex Sammelrückführungen auf Antrag der Mitgliedstaaten, seit 2016 auch aus eigener Initiative.

Der Umfang solcher Aktionen aber blieb begrenzt: Die erste vollständig von Frontex initiierte Sammelabschiebung fand erst 2022 statt. Seither gab es nur eine Handvoll solcher Operationen. Denn viele Mitgliedstaaten waren – aus unterschiedlichen Gründen – skeptisch. Manche hatten menschenrechtliche Bedenken, umgekehrt fürchteten andere, bei Abschiebungen von der EU gebremst zu werden. Entsprechend wollten sie, dass die Entscheidung über Rückführungen Sache der Mitgliedstaaten blieb.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Mit dem Fall der Brandmauer im EU-Parlament etwa bei der Abschiebung zu den „Return-Hubs“ im März 2026 und den sich nach rechts verschiebenden Mehrheitsverhältnissen im EU-Rat sieht die Kommission nun offenbar die Gelegenheit, diese alten Vorbehalte umgehen zu können. Die Ereignisse in Ceuta Ende Juli wirkten dabei wie ein Katalysator. Unmittelbar nach dem Ansturm forderte etwa Bundesinnenminister Alexander Dobrindt pauschal mehr Kompetenzen für Frontex, wohingegen sogar Frontex-Direktor Hans Leijtens davor warnte, zu viel Entscheidungsbefugnisse aus nationaler Hand an Frontex zu übertragen. Trotzdem ist es gut möglich, dass es doch darauf hinausläuft.

Christian Jakob

Christian Jakob Reportage & Recherche

Seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche. Im Ch. Links Verlag erschien von ihm 2023 "Endzeit. Die neue Angst vor dem Untergang und der Kampf um unsere Zukunft". Seit 2019 gibt er den Atlas der Migration der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit heraus. Zuvor schrieb er "Die Bleibenden", eine Geschichte der Flüchtlingsbewegung, "Diktatoren als Türsteher" (mit Simone Schlindwein) und "Angriff auf Europa" (mit M. Gürgen, P. Hecht. S. am Orde und N. Horaczek); alle erschienen im Ch. Links Verlag. Seit 2018 ist er Autor des Atlas der Zivilgesellschaft von Brot für die Welt. 2020/'21 war er als Stipendiat am Max Planck Institut für Völkerrecht in Heidelberg. Er ist Autor von Hörfunkfeatures für SWR, Deutschlandradio und ORF und Mitglied im Beirat des Mediendienst Integration. Auf Bluesky: chrjkb.bsky.social
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10 Kommentare

  • Feltschex

    In einem Rechtsstaat muss es ein rechtsstaatliches Verfahren z.b. bei einem Asylantrag geben. Wenn durch Prüfung und ggf



    noch nach zulässigen Widerspruch dann klar wird, dass der Antrag abgelehnt wird und jemand ausreisepfluchtig ist, dann muss er halt tatsächlich wieder gehen...genauso wie jemand Steuern zahlen muss oder nach einer Straftat eine Strafe antreten muss...da kann man Mitleid haben, aber ein Willkürstaat will ich auch nicht, wo Gesetze für eine bestimmte Gruppe nicht gelten sollen.

  • MK

    Eine gemeinsame Grenzpolizei ist eine logische Konsequenz des Schengener Abkommens.



    Nationale Alleingänge funktionieren im Schengenraum nicht mehr. Über offene Grenzen und der Konsequenz bei der Abschiebung Ausreisepflichtiger muss die Gemeinschaft entscheiden.



    Nationale Alleingänge gehen nur ganzheitlich, d.h. Austritt aus dem Schengenraum.



    Die Ausgestaltung erfolgt durch die demokratisch legitimierten EU-Institutionen.

    • JeanK

      @MK:

      :-)

  • Perkele

    So schleicht sich das Rechtsextreme immer weiter vor, csdU und AgD machen schon längst gemeinsame Sache, auch Dank csU- Weber. Frau vdL ist auch nicht abgeneigt. Schöne Aussichten für alle Demokrat*innen...

  • Troll Eulenspiegel

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    Die Moderation

  • Desdur Nahe

    Ich will ja nicht rüberkommen nach dem Motto "Ich habe es ja schon immer gesagt", aber: Mein Spruch seit vielen Jahren war "Entweder regulieren linke Parteien die Migration, oder rechte Parteien werden es übernehmen".



    Die linken Parteien haben es versäumt, dieses Thema zu gestalten. Alles andere als "jede/r darf rein und jede/r darf bleiben" durfte nicht mal gedacht werden.



    Nun schlägt das Pendel unweigerlich in die andere Richtung, und ich befürchte, "niemand darf rein und alle müssen wieder raus" wird gedacht werden.

  • Elite123

    Milton Friedman sagte schon richtigerweise in den 1970ern: „Man kann nicht gleichzeitig einen Sozialstaat und freie Einwanderung haben“.



    Es ist leider erfolgreiche Propaganda dass Grenzschutz rechts sei. Jeder Arbeiter, der in den letzten 80 BRD Jahren Teil einer Gewerkschaft war, für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft hat, für ein soziales Sicherheitsnetz, der muss zwangsläufig auch dafür plädieren, dass Migration in geordneten Bahnen verläuft und sich nach dem Willen des aufnehmenden Staates zu richten hat.



    Immerhin die dänischen Sozialdemokraten haben es begriffen.

    • Yes

      @Elite123:

      Friedman als Gewährsmann gegen freie Einwanderung heranzuziehen, ist ein bisschen widersinnig. Er war gegen Regulierung und hatte eine liberale Haltung, nach der jeder Mensch frei wählen darf, wo er leben möchte. Er wollte eher den Sozialstaat kritisieren, den er wohl am liebsten ganz abgeschafft und durch eine existenzsichernde negative Einkommensteuer ersetzt hätte.

      • Elite123

        @Yes:

        Man kann es in beiden Richtungen denken.

        Friedmans Analyse ist zweifellos richtig.

        Es gibt zwei Pole. Dass Friedman ein Verfechter eines Pols ist, ändert nichts an der Korrektheit des Befundes.

  • amigo

    ​Die Entwicklung von Frontex hin zu einer mächtigen EU-Grenzpolizei ist ein alarmierendes Signal. Dass die EU-Kommission den Rechtsruck als Rückenwind begreift, zeigt, wie sehr europäische Grundwerte bereits auf dem Altar der Abschottung geopfert werden. Wo Vorbehalte von Mitgliedstaaten und die Einhaltung von Menschenrechten an den Außengrenzen nur noch als lästiges Treibgut bürokratischer Abläufe gelten, droht der Rechtsstaat auf der Strecke zu bleiben. Anstatt Millionen in den Ausbau einer zentralisierten Abschiebe- und Grenzbehörde zu pumpen, braucht es strikte rechtsstaatliche Kontrolle und ein funktionierendes, humanes Asylsystem. Ein Frontex-Superorganismus ohne echte demokratische Rechenschaftspflicht untergräbt die Werte, auf die Europa stolz ist.