Autobahn bei Köln

Kein Protest, kein Verkehr, nichts. Das Coronvirus hat alles gestoppt. Autobahn bei Köln Foto: Thilo Schmuelgen/reuters

Fridays for Future streikt am 24. April:Von der Straße ins Netz

Line Niedeggen sitzt zu Hause und organisiert einen Streik, den es so nicht geben wird. Über den Versuch einer Bewegung, sich ins Netz zu verlegen.

Ein Artikel von

23.4.2020, 11:31 UHR

Um das Klima sorgt sich Line Niedeggen schon lange. Kein anderes Thema hat sie im letzten Jahr so sehr beschäftigt und beansprucht wie der Kampf gegen diese Krise. Und dennoch – mit Corona kommt ihr plötzlich eine ganz andere Krise in die Quere, und das hautnah. Abstrakte Sorgen, die um die Zukunft kreisen, weichen greifbaren Ängsten. Und nur in einem Punkt fühlen sich beide Krisen genau gleich an: Niedeggen fühlt sich unfähig, irgendetwas dagegen zu tun.

„Für das Klima konnte ich ja schon ‚nur‘ auf die Straße gehen“, sagt die Physikstudentin. Aber jetzt in der Coronakrise sei es besonders schwierig, sich der Situation nicht ausgeliefert zu fühlen. Line Niedeggen sitzt auf der Terrasse ihrer Achter-WG in Heidelberg. Es ist bereits ihr drittes Online­meeting über Zoom, eben noch hat sie ein Webseminar moderiert, ein Onlineseminar auf YouTube. Zwischendurch läuft ein Mitbewohner durch den Bildschirm, dann klingelt ihr Handy, „Entschuldigung, da muss ich kurz rangehen“. Routiniert schaltet die Dreiundzwanzigjährige das Mikrofon ihres Laptops aus, stumm bewegen sich ihre Lippen, konzentriert blicken ihre Augen hinter der großen Brille. Auflegen, Mikro an, „Was war die Frage?“ – ein ganz normaler Aktivist:innen-Arbeitstag im Homeoffice.

Seit über einem Monat versucht Fridays for Future nun schon, seinen Aktivismus „virtuell ­umzusetzen“, wie Niedeggen das nennt. Während manche andere Gruppen, zum Beispiel solche gegen die Flüchtlingspolitik der EU, immer noch versuchen, ihren Protest auf der Straße auszudrücken, verlagert sich der Klimaprotest weitestgehend ins Netz. Und das sehr schnell: Unter dem Hashtag #NetzstreikFürsKlima“ posten Demonstrant:innen Fotos, auf denen sie Schilder hochhalten, oder erinnern mit Aufnahmen an vergangene Proteste. Bereits am 18. März begann die Webseminarreihe unter dem Motto „Wir bilden Zukunft“.

Die größte Herausforderung jedoch dürfte der nächste globale Klimastreik am 24. April werden, an diesem Freitag. Seit Fridays for Future zu Beginn des Jahres nicht mehr wöchentlich auf den Straßen demonstriert, sind diese groß angelegten Streiktage noch wichtiger für die Protestbewegung geworden. Was als energischer Frühlingsstreik, als Motivationsschub für das Klimazieljahr 2020 gedacht war, wird nun zu einer Beweisprobe für eine Bewegung, die ohnehin in einer Findungsphase war.

Menschenmassen sind out, der Protest wird virtuell

Statt Menschenmassen, die sich laut und sichtbar über die wichtigsten Verkehrsadern der Städte schieben, gibt es nun eine interaktive „Streikkarte“, wobei im eigentlichen Sinn gar nicht gestreikt werden kann. Hier können sich Menschen eintragen und Interessierte über lokale Aktionen informieren. Denn nur online protestieren will man dann irgendwie doch nicht – zumindest nicht am 24. April.

In endlosen Telefonkonferenzen diskutierten Bundes- und Ortsgruppen über mögliche Formate. Wie das Thema Klimawandel weiter in den Köpfen halten, ohne der Coronakrise ihre Dringlichkeit abzusprechen? Wie als Bewegung zusammenhalten in diesen seltsamen, einsamen Zeiten?

Bis zu dreißig Stunden pro Woche sitzt Line Niedeggen in Heidelberg nun vor dem Bildschirm. Auch die taz konnte sie dort nur auf elektronischem Weg erreichen – das Coronavirus und seine Folgen verhinderte wie auch bei allen anderen für diesen Text befragten Personen eine persönliche Begegnung. Seit Niedeggen den ganzen Tag zu Hause ist, hat sie das Gefühl, nahezu unbegrenzt Zeit zu haben. „Dadurch halst man sich auch mehr Arbeit auf“, sagt die Studentin.

Ihre Ortsgruppe plant für Freitag, zumindest mit einem Beatbike, einem mit Lautsprechern ausgestatteten Fahrrad, durch Heidelbergs Straßen zu fahren, um auf den Streiktag aufmerksam zu machen. Zur Debatte standen außerdem Kreidemalereien und Kunstinstallationen, Online-Tutorials für aktivistisches Basteln sowie die Idee, zu einer bestimmten Uhrzeit aus geöffneten Fenstern ein Lied zu spielen, um auf diese Weise ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.

Line Niedeggen, Physikstudentin

„Wir wollen zeigen, dass wir immer noch da sind. Aber klar war der Protest auf der Straße mitreißender“

„Wir wollen zeigen, dass wir immer noch da sind“, sagt Niedeggen. Auch wenn die Klimakrise gerade in den Hintergrund treten müsse. „Aber klar war der Protest auf der Straße mitreißender. Das Gefühl, als Gemeinschaft etwas zu bewegen, stellt sich online nur zögerlich ein.“ Außerdem bespiele man nur seine eigene Blase, während alle anderen abgelenkt seien.

Philipp Knopp forscht an der Universität Wien über digitale Infrastrukturen der Partizipation und ist Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin. Fridays for Future ist eine der Bewegungen, die er untersucht – jetzt, unter Coronabedingungen, beschäftigt er sich noch mehr als ohnehin schon mit ihrem Social-Media-Auftritt. „Für die Vernetzung und Koordinierung haben die sozialen Medien schon immer eine große Rolle gespielt“, sagt Knopp. „Aber auf einmal wird das Netz auch zum Ort des Protests.“

Dabei gehe das Wichtigste verloren: körperlich beisammen zu sein. Laut dem Protestforscher sei es für die Demonstrant:innen jedoch wichtig, ihren Körper aufs Spiel zu setzen, um Solidarität aufzubauen. Das gelte noch mehr für Aktionen zivilen Ungehorsams wie Blockaden oder Besetzungen, derer sich radikalere Protestgruppen wie EndeGelände oder Extinction Rebellion bedienen.

Bei dem Onlinestreik von Fridays for Future an diesem Freitag geht es nach Meinung von Knopp deshalb vor allem um eines: sogenannte „Throwback-Momente“ zu schaffen, Erinnerungen an Demonstrationen wieder aufleben zu lassen, etwa an die vom 20. September, bei der allein in Deutschland Hunderttausende auf die Straße gingen. „Das kann zur Überbrückung dienen“, meint Knopp, „aber nicht den gemeinsamen Protest auf der Straße auf Dauer ablösen.“

Marlon Philipp, Uni-Mitarbeiter

„Wir hatten diesmal früher mit der Planung für den 24. April begonnen, hatten auch schon Plakate und Flyer gedruckt. Wenn dann die ganze Arbeit ins Wasser fällt, ist es echt demotivierend“

Die Aktivist:innen stehen diesem Urteil zweigeteilt gegenüber. Während sich die meisten Ortsgruppen um eine optimistische Stimmung bemühen und den Netzstreik als Weiterentwicklung sehen, hört man hier und da auch Zweifel heraus. Vor allem die Enttäuschung über die Absage des globalen Klimastreiktags ist deutlich spürbar. „Das ist schon ein großer Dämpfer gewesen“, sagt Marlon Philipp aus Dortmund. „Wir hatten diesmal früher mit der Planung für den 24. April begonnen, hatten auch schon Plakate und Flyer gedruckt. Wenn dann die ganze Arbeit ins Wasser fällt, ist es echt demotivierend.“

Die Onlineproteste findet er „nur begrenzt cool“. „Vielleicht bin ich auch zu alt für so was“, sagt der 27-Jährige, der von Anfang an bei der Dortmunder Ortsgruppe dabei ist und mittlerweile als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Techniksoziologie an der Technischen Universität arbeitet. „Das Schwierige ist jetzt, die Begeisterung aufrechtzuerhalten“, sagt er mit Blick auf die kommenden Monate. „Das Erlebnis auf der Demo hat die Leute in unser Plenum gespült. Jetzt fehlt der frische Wind.“ Damit sie wenigstens die Plakate nicht wegwerfen müssen, wollen die Dortmunder Aktivist:innen sie am Freitag auf die Briefkästen verteilen mit der Bitte, sie in die Fenster zu hängen – ähnlich wie in Aachen, wo die gelben Plakate mit dem Kleeblattsymbol als Aufruf zur Stilllegung des Atomkraftwerks im belgischen Tihange lange das Stadtbild prägten.

Tayyab Mohammad aus Offenbach ist ebenso wenig begeistert von dem Netzstreik. „Onlineproteste sehen hübsch aus, bringen uns aber nicht voran“, sagt er. „Das ist eher eine Beschäftigungsmaßnahme.“ Der Neunzehnjährige hat gerade sein schriftliches Abitur abgelegt, nun wartet er auf die mündlichen Prüfungen und darauf, arbeiten zu dürfen, um ein bisschen Geld für das Studium sparen zu können. „Ich gehe ein bisschen ein zu Hause“, sagt er, während er fahrig von einem Zimmer ins nächste läuft.

Mohammads Ansicht nach hat Fridays for Future „den Dreh noch nicht raus“. Auf Bundesebene gebe es die nötige Struktur, da gehe es schnell, sich auf die Coronakrise umzustellen. In den einzelnen Städten gehe jedoch viel verloren. „Der lokale Protest verschwindet“, sagt der Abiturient, der sich außer bei Fridays for Future seit Jahren in der Landesschülervertretung und der Bundesschülerkonferenz engagiert. Das treffe Städte wie Offenbach besonders hart, wo die Ortsgruppe in guten Zeiten aus zehn Leuten bestehe und wo, wie Mohammad sagt, viele Leute es sich ohnehin nicht zutrauen würden, politisch etwas zu bewirken.

Schnellstraße im serbischen Belgrad

Auch nichts los: Schnellstraße im serbischen Belgrad Foto: Darko Vojnovic/ap

Sie hätten sich deshalb darauf geeinigt, eine Pause einzulegen und stattdessen ihre Ressourcen sinnvoller einzusetzen, in der Nachbarschaftshilfe etwa. Das sollte auch der Rest der Klimaprotestbewegung tun: „Endlich mal Strukturen überarbeiten und Abstimmungen transparenter machen – gestärkt aus der Krise herausgehen, statt sich nur am Leben zu halten“, wünscht sich der Offenbacher. Er befürchtet, dass Fridays for Future in der Versenkung verschwindet, wenn Corona weiterhin so viel Raum einnimmt.

Das Risiko, vergessen zu werden

„Das größte Risiko für jede Bewegung ist es, vergessen zu werden“, sagt auch Philipp Knopp von der Universität Wien. Laut einer Forsa-Umfrage von Anfang April interessieren sich derzeit nur noch wenige Prozent der deutschen Bevölkerung für den Klimaschutz. „Corona ist deshalb ein Existenzproblem.“ Sein Eindruck sei aber, dass Fridays for Future sehr schlau mit der neuen Situation umgehe. Der Slogan „Jede Krise muss als solche behandelt werden“ zum Beispiel oder die Perspektive, dass Seuchen durch den Klimawandel zunehmen, setze die beiden Krisen in einen Zusammenhang.

Zudem beobachtet Knopp, dass sich Fridays for Future nun verstärkt mit anderen Gruppen solidarisiere. Die soziale Frage sei unter dem Stichwort „Klimagerechtigkeit“ zwar schon länger Thema gewesen, wenn die Bewegung jetzt aber konkrete Forderungen stelle und sich mit anderen Gruppen vernetze, könnte sie das stärken. In diesen Zeiten, in denen an wirtschaftlichen Stellschrauben schnell und unbürokratisch gedreht wird, müsse sich die Klimabewegung noch breiter aufstellen. „Das erfordert viel Arbeit, aber falls es gelingt, könnte Fridays for Future eine Art Krisengewinner werden.“

Solidarität – der Begriff fällt in jedem Gespräch, fast wie ein Ersatzmantra. Line Niedeggen aus Heidelberg hat ebenfalls bemerkt, dass nun Gruppen zusammenarbeiten, die einander vorher gemieden hätten. In ihrer Stadt haben sie als Ortsgruppe mit den Jugendparteien und dem Stadtjugendring das Bündnis „Heidelberg solidarisch“ gegründet, eine Vermittlungsplattform für Nachbarschaftshilfe. Außerdem solidarisieren sich viele Ortsgruppen mit der „Leave no one behind“-Aktion der Seebrücke für Flüchtlingshilfe.

Kunstaktion auf den Dächern im polnischen Breslau

Auch schon fast verboten: Kunstaktion auf den Dächern im polnischen Breslau Foto: Agencjy Gazeta/reuters

Auch in Leipzig vernetzt man sich stärker untereinander. Für Lisa Allisat und Matti Lehmann aus der Leipziger Ortsgruppe von Fridays for Future ist das eine von mehreren Veränderungen, die gerade auf die Bewegung zukommen. Die 17 Jahre alte Literaturstudentin und der 18 Jahre alte Abiturient sitzen räumlich getrennt voneinander vor ihren Bildschirmen – Lisa am Rande von Leipzig im Haus ihrer Eltern, Matti rund dreißig Kilometer entfernt im ländlichen Wurzen. Seit einigen Wochen wohnt er in der ehemaligen Wohnung seiner Großeltern, aus Rücksicht auf Risikogruppen in seiner Familie. Er sitzt an einem Campingtisch, an der kargen Wand hinter ihm hängt eine einzelne Pflanzenzeichnung.

Kein Zurück zur Normalität

„Es ist eine kritische Zeit, in der wir viele Hebel bewegen können“, sagt Lisa Allisat. „Wir müssen aber vor allem verstehen, dass es kein Zurück zur Normalität gibt. Nach der Coronakrise kommt die Wirtschaftskrise – und wenn wir dann nicht richtig vorgehen, steht die Klimakrise vor der Tür.“ Dass sie in dieser entscheidenden Zeit auf das Netz beschränkt sind, sehen die beiden gelassen. „Wir sind ohnehin an einem Punkt angekommen, an dem uns die Kameras auf den Straßen nicht mehr hinterherlaufen“, sagt Allisat. Ihre Arbeit hätten sie auch schon vor Corona Stück für Stück in weniger sichtbare Rahmen verlagert. Matti Lehmann stimmt ihr zu: „Der Onlineprotest ist nicht perfekt – er nimmt etwas von der Magie weg. Aber genauso, wie wir vor einem Jahr lernen mussten, eine Demo zu organisieren und Pressemitteilungen zu schreiben, müssen wir eben jetzt lernen, wie man online Klimaprotest macht.“

In der Leipziger Ortsgruppe wollen sie dennoch auch auf der Straße sichtbar bleiben. Wie genau das am 24. April aussehen wird, das hängt auch davon ab, was gerade erlaubt ist. „Wir versuchen gerade alle, herauszufinden, was geht und was nicht“, sagt Lisa Allisat. Die Studentin sieht sich schlecht informiert. „Ich muss als Bürgerin wissen: Was darf ich? Und was passiert, wenn ich gegen die Vorgabe verstoße?“ Auch wenn viele Maßnahmen gegen die Pandemie sinnvoll seien – die Auflösung von Demonstrationen in Frankfurt oder Hannover trotz Einhaltung des Abstandsgebots empfindet sie als unverhältnismäßig.

Während sich Klimaprotest und staatliche Maßnahmen an dieser Stelle ausschließen, kommen sie sich an anderer Stelle entgegen: Denn infolge der vielen Einschränkungen wird Deutschland sein Klimaziel für das Jahr 2020 voraussichtlich erreichen. Ein starkes Signal für die Klimabewegung? Nein, findet Protestforscher Philipp Knopp. „Natürlich sieht man jetzt, wie viel Schadstoffe man durch seine alltäglichen Aktivitäten in die Luft bläst. Aber es kann nicht im Interesse von Fridays for Future sein, dass die derzeitigen teils autoritären Maßnahmen in Verbindung mit dem Klimakampf gebracht werden“, warnt er.

Marlon Philipp kann sich über das Erreichen der Klimaziele auch nicht recht freuen. „Das ist die Ironie des Schicksals in einer Sondersituation“, findet er. „Aber es ist nicht der Alltag.“ Welchen Platz auf der Rangliste der Weltthemen das Klima im Alltag der Zukunft, in jener veränderten Normalität haben wird, hängt auch davon ab, wie lange die Coronakrise die Aufmerksamkeit noch fesseln wird. Für Protestforscher Knopp steht jedoch fest: Ohne Bewegungen wie Fridays for Future werden andere Themen auf der Tagesordnung dominieren. „Von allein kommt das Thema nicht zurück“, sagt er.

Line Niedeggen aus Heidelberg blickt optimistisch auf das kommende Jahr – vielleicht auch weil sie selbst schon so manches in ihrem Leben hinter dem Klimaschutz zurückgestellt hat. Sie ist beeindruckt, wie viele Menschen gerade dabeibleiben, und deshalb überzeugt: „Die Leute werden nicht aufhören, sich für das Klima zu engagieren“ – ob auf der Straße oder im Netz, im Stuhlkreis oder auf Zoom, ob bei Fridays for Future oder einer anderen Bewegung. Und auch Matti Lehmann, der allein im sächsischen Wurzen sitzt und die Magie vermisst, bleibt zuversichtlich. „Auch wenn wir uns gerade nicht bewegen“, sagt er, „im Kopf sind wir immer noch sehr bewegt.“

Einmal zahlen
.

■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben