piwik no script img

„Fremde Sonne“ in HamburgAbgesang auf die Zukunft

Großartige Bilder, emotionale Wucht und eine umwerfende Lina Beckmann: Die mehrteilige Antiken-Auffrischung „Fremde Sonne“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Iason ist so ein Typ Superheld. Sieht in Darstellungen oft super aus, kommt super stark rüber, auch mal super pfiffig, indem er mithilfe anderer Superhelden, der Unterstützung Medeas sowie der Göttergunst seine dann doch vorhandenen Defizite listenreich auszugleicht und dann sogar Monster besiegt. Einst wurde er dafür verehrt, später misstrauisch hinterfragt und schließlich kritisch beleumundet: Sein Abenteuertrip mit der „Argo“ nach Kolchis gilt nicht mehr als Fantasydrama muskelgebildeter Männlichkeit, sondern als imperialistische Barbarei. Iason selbst ist als ruhm- sowie machtgieriger Opportunist entlarvt.

Das sieht Regisseurin Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg ähnlich. Sie will aber nicht aus heutiger Besserwisserperspektive mit plumpen Aktualisierungen den Argonauten-Mythos denunzieren. Sondern ihn zum Sprechen bringen – mit den Vor-, Begleit- und Nachgeschichten. Dafür fühlt sich Roland Schimmelpfennigs Text mit knappen Sätzen von poetischer Klarheit in die bildreichen Mythen ein, arbeitet beim konkreten Nacherzählen das Allgemeinmenschliche heraus und lässt, nie aufdringlich, die Antike als Spiegel der kaputten Gegenwart wirken – brillant.

Mehr als zweieinhalb Jahre hat das Theater an seiner Stückfolge „Fremde Sonne“ gearbeitet. Und dann kollabierte mit Michael Wittenborn ihr Erzähler kurz vor der Premiere. So las Autor Schimmelpfennig selbst nun den Prolog vor, andere Texte und Rollen übernahm das Ensemble. Das klappt prima über die insgesamt gut sieben Aufführungsstunden.

Die Welt ist betongrau. Ein bisschen Bewegung kommt ins Bühnenbild durch Videos wogenden Meerwassers und grafische Abstraktionen miesen Wetters. Zu Beginn malt die Sternezeichnerin Theophane einige Arabesken in die Luft, so zauberhaft schön, dass der Gott des Meeres sie begehrt; er verwandelt sie in ein Schaf und vergewaltigt sie, selbst zum Bock geworden. Ein goldener Widder ist derart barbarisch gezeugt, der alsbald ein Königskind vor dem Tod rettet und dafür rituell enthäutet wird. So ging Dankbarkeit damals.

Mit Schuld beflecktes Vlies

Seither besitzt Kolchis das wertvollste aller Felle: Mit Schuld blutbefleckt ist dieses goldene Vlies. Hier deutet sich bereits Gier nach Reichtum, Ausübung machistischer Unterdrückung und Gewalt an. Das zerstörerische Genug-ist-nicht-genug-Streben wird als Urfehler der menschlichen Spezies benannt.

Das Stück

Fremde Sonne: Deutsches Schauspielhaus. Nächste Termine:

Sa, 10. 10., 19 Uhr – I: Prolog/Zwischenspiel/Die ArgonautenSo, 11.10., 16 Uhr – II: Medea in KolchisSo, 11. 10., 20 Uhr – III: Medea in Korinth

Sa, 24. 10., 19 Uhr – I: Prolog/Zwischenspiel/Die ArgonautenSo, 25. 10., 16 Uhr – II: Medea in KolchisSo, 25. 10. – 20 Uhr – III: Medea in Korinth

Der abschließende IV. Teil, „Medea in Athen“, hat am 6. Februar 2027 Premiere

Schon sind wir in Iolkos, wo gerade die göttliche Königsgattin Nephele durch die menschliche Nebenbuhlerin Ino ersetzt wurde, die partyfidel zum Spaßhaben animiert, aber auch Betrug, Verrat und Hinterlist sät. Die anfänglich als gemütliche Angler vorgestellte Gesellschaft schuftet bald für die Fischindustrie, hinter wachsendem Wohlstand steht Sinnleere. Hoffnungsdiffus wird ein erlösendes Licht ersehnt, eine fremde Sonne. Und da fällt niemandem etwas Besseres als der Glanz des goldenen Vlieses ein.

Als Heilsbringer tritt Iason (Devid Striesow) auf. Er soll mit einem kolonialen Raubzug, später als „Inbegriff der fortschreitenden Zivilisation“ bezeichnet, das Prunkstück besorgen und mit Königskrone belohnt werden. Zeit für eine Rückblende: Wie Iason wurde, was er ist? Der Zentaur Cheiron hat ihn als Kind missbraucht und mit dem Verständnis von Freiheit als Recht auf Egoismus indoktriniert: „Man muss sich nehmen, was man will.“

Iasons Reise zum Licht ist eine in nie endender Nacht. Die Männer der Argonauten-Truppe verrohen zusehends, was zu spritzigen Plantschereikämpfen auf der nun gefluteten Bühne führt. Der Abend gewinnt an Action, verliert aber – wie die Figuren – den Fokus. Zu sich kommt die Produktion dann wieder mit dem Dreh- und Angelpunkt von Argonautensage und Inszenierung: Lina Beckmanns Medea.

Ihr Leben in Kolchis ist inszeniert als Erinnerungsarbeit des sich brutal aufpumpenden Vaters, geschundenen Bruders und erstmal freundlichen Gastes Iason. Die Schauspieler sitzen aufgereiht an der Rampe und changieren in virtuoser Selbstverständlichkeit zwischen Erzählen und Spielen. Sie rekonstruieren Sicht- und Verhaltensweisen, analysieren ihre Wunden und die daraus folgenden Ambivalenzen der Charaktere. Medea aber will einfach erst mal raus aus der archaischen Vaterdiktatur – und ist sofort Feuer und Flamme für den herbeigesegelten Fremden Iason.

Hilflos komisch, berührend zart

So hilflos komisch und berührend zart wie zwei Teenies entdecken beide ihre weich und nahbar machende Verliebtheit, in der Medea sich bald im Übermut verliert, die Heimat verrät und den Bruder tötet. Im korinthischen Asyl erlebt sie dann ein klassisches Flüchtlingsschicksal: „entwurzelt, ausgestoßen, verlassen und verhöhnt“ fühlt sie sich, und der König, ganz Remigrations-Apologet, will sie abschieben. Iason wählt derweil eine karrieristisch attraktivere Partnerin.

Befeuert von einem Furienchor bricht Medea alle patriarchalen Normen, kämpft um Selbstachtung und ihre Kinder. Vergeblich. Es verwandelt sich grenzenlose Verzweiflungs- in Hass- und tödliche Racheenergie. Iason versteht schon lange nichts mehr. Während Beier und Beckmann den Kosmos des Menschlichen als Selbstzerstörungsmechanismus erschütternd nachvollziehbar mit einer emotionalen Wucht ausmessen, die atemlos macht. Dieser Abgesang auf die Zukunft besticht durch großartige Bilder, kleine Splatter-, viele komödiantische Effekte, die natürliche Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart sowie ein famoses Ensemble. Kompliziert klassisches Theater – at its best.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare