Eine Illustration, die eine Frau neben einem Brunnen zeigt.

Illustration: Yvonne Kuschel

Frauen in der Altersarmut

Wenn das Leben eng wird

Viele Frauen erhalten im Alter so wenig Geld, dass es für den Alltag kaum reicht. Wie gehen sie damit um? Ein Besuch bei drei Rentnerinnen.

Ein Artikel von

7.3.2020, 17:34 UHR

Ute Lauterbach kommt zu Fuß. Der Sturm bläst an diesem Morgen durch die Kleinstadt Schulzendorf in Brandenburg, Lauterbach macht kleine Schritte gegen den Wind. Sie sagt: „Ich bin nicht hier, um traurige Geschichten über alte arme Frauen zu erzählen.“ Lauterbach will kein Opfer sein. Dabei gäbe es dafür Gründe. Obwohl sie 40 Jahre gearbeitet hat, ist ihre Rente niedrig. Wie niedrig genau, das will die 79-Jährige nicht öffentlich machen. Wegen der Nachbar:innen. „Muss ja nicht sein.“

Anna Wrbanatz betritt einen kleinen Laden in Berlin-Wedding. Drei leere Milchflaschen klimpern in ihrem grünen Beutel, das sind 45 Cent Pfand. 800 Euro hat sie im Monat inklusive Grundsicherung. „Ich bin arm“, sagt sie und sortiert die Flaschen in eine der Leergutkisten. Sie schämt sich nicht. „So ist das eben.“

Roswitha Skowasch schaut von ihrer Wohnung aus in die Olivenhaine. Sie hat 640 Euro im Monat, wenig für ein Leben in Deutschland. Deshalb ist sie ausgewandert. Sie wohnt jetzt auf der griechischen Insel Syros. Um die Armut zu kaschieren, hat sie viele Strategien entwickelt. Sie sagt: „Meine Freunde wissen nicht, wie wenig ich habe.“

Roswitha Skowasch

„Meine Freunde wissen nicht, wie wenig ich habe“

Drei Frauen. Drei Leben, die etwa zur gleichen Zeit begannen, in den 40er und frühen 50er Jahren. Drei Frauen, die zur Schule gingen, eine Lehre machten oder studierten, die Kinder bekamen, die sich verliebten und trennten. Die alle einer Arbeit nachgingen, Familien versorgten und in die Sozialkassen einzahlten. Die jetzt, im Ruhestand, mit wenig Geld dastehen.

So wie viele andere Rentnerinnen in Deutschland: 16,8 Prozent der über 65-Jährigen gelten als arm, das zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmanns-Stiftung. Betroffen sind vor allem Frauen, Männer haben im Ruhestand deutlich mehr Geld: Sie bekommen im Schnitt eine Altersrente von 1.148 Euro, Frauen nur 711 Euro. In keinem anderen europäischen Land ist die Rentenlücke größer.

Seit Jahren tüfteln Politiker:innen an diesem Problem. Sie versuchten das Rentenniveau zu stabilisieren und führten die Mütterrente ein. Der jüngste Vorschlag: die Grundrente.

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens in Deutschland zur Verfügung hat – derzeit 1.035 Euro. Es ist schwer zu beziffern, wie hoch ein angemessener monetärer Gegenwert für eine Lebensleistung wäre. Aber Fakt ist: Die Lebensleistung von Frauen wird auch im Jahr 2020 immer noch geringer bewertet als die von Männern.

Wie kamen Ute Lauterbach, Anna Wrbanatz und Roswitha Skowasch in ihre Situation? Was bedeutet Geld für sie? Und: Wie gehen sie mit ihrer Armut um?

Die Brandenburgerin Ute Lauterbach sagt am Telefon, dass sie keine Journalist:innen im Haus haben will. „Da rate ich auch den anderen Frauen von ab.“ Sie habe schlechte Erfahrungen gemacht, es gab schon mal Gerede im Dorf. „Da hieß es auf einmal: Bei der sieht es doch gar nicht aus, als ob sie arm wäre – warum beschwert die sich eigentlich?“

Ein paar Tage später kommt sie zum Treffen beim Italiener, dem einzigen im Ort. Schulzendorf, südöstlich von Berlin gelegen, ist klein. Ute Lauterbach geht auf Krücken. „Das Knie“, sagt sie und lässt sich in den Stuhl sinken. Kaum sitzt sie, beginnt sie zu erzählen. Von den Frauen in ihrer Ortsgruppe des „Vereins der in der DDR geschiedenen Frauen“ – und dem nagenden Gefühl der Demütigung.

Lauterbach ist eine der „Ostfrauen“, wie sie sie nennt. 40 Jahre lang hat sie Kinder gehütet, ihre eigenen und die von Fremden. Als Erzieherin in Kindergärten, später als Leiterin eines sogenannten Wochenheims, in dem berufstätige Eltern ihre Kinder unter der Woche rund um die Uhr betreuen ließen. Ihr Mann arbeitete als Ingenieur.

Als ihre Tochter kam, blieb Lauterbach drei Jahre zu Hause. Bei ihrem Sohn setzte sie wieder aus. „Ich wollte für meine Kinder da sein“, sagt sie. Ihr Mann arbeitete weiter. 1986 kam die Scheidung. Die Kinder blieben bei ihr. Nach der Wende arbeitete Lauterbach noch mal zwölf Jahre in einem Kindergarten. Seit 2001 ist sie im Ruhestand.

Viele kämpfen trotz jahrzehntelanger Arbeit ums Überleben

Doch der ist schwierig. Monatlich muss Ute Lauterbach mit einem Betrag auskommen, der knapp über dem liegt, was offiziell als armutsgefährdend gilt. Kosten reduziert sie, wo sie kann. Dass sie mal auswärts essen gehe, komme so gut wie nie vor, sagt sie. In dem italienischen Restaurant sitzt sie an diesem Vormittag zum ersten Mal.

Lauterbach engagiert sich. Sie ist Sprecherin eines Vereins, der sich für die Gleichstellung von Frauen einsetzt, die in der DDR geschieden wurden. Frauen, die trotz jahrzehntelanger Arbeit heute mit Renten dastehen, die nicht viel mehr absichern als das tägliche Überleben: Essen, Miete, Strom und Telefon. Bei manchen nicht mal das.

Die konkreten Ursachen dafür gehen zurück bis in die 90er Jahre. Nach der Wiedervereinigung wurden die Renten angeglichen – doch nicht in allen Bereichen. Wie beim Versorgungsausgleich, der im Westen noch heute dazu führt, dass Eheleute nach einer Scheidung die gleiche Chance auf Altersvorsorge haben. Weil es den im Osten nicht gab, wurde er auch nach der Wende nicht gewährt.

Den Betroffenen sind durch diese politische Grenzziehung viele Tausende Euro verloren gegangen. Wie viel genau, darüber gibt es keine Zahlen. Vielleicht auch weil diejenigen, um die es geht, kaum eine Lobby haben. 800.000 Frauen waren nach der Wiedervereinigung vom Nichtvorhandensein des Versorgungsausgleichs betroffen, jetzt sind es laut Verein noch rund 100.000. „Die Frauen sterben weg“, sagt Ute Lauterbach. „Ohne zu ihrem Recht gekommen zu sein.“

Ein Recht, für das Ute Lauterbach gemeinsam mit anderen Frauen kämpft. Mit Demos vor dem Bundestag, einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht und einer zweiten vor dem Europäischen Gerichtshof. Bisher vergeblich. Für Lauterbach ist das „eine unfassbare Ungerechtigkeit“. Ihre rote Bluse hebt und senkt sich im Rhythmus ihrer Empörung. Die 79 Jahre merkt man ihr in diesen Momenten nicht an. Die Wut schon.

Das große Rechnen am Ende des Monats, das kennen alle Frauen des Vereins. Lauterbach erzählt von manchen, die seit vielen Jahren die alte Kleidung auftragen. Die sich schämen, weil sie dem Enkel nur ein Buch schenken können und kein teures Spielzeug. Die nicht ins Café gehen, nicht ins Theater oder Kino, weil das Ausgaben sind, die kleine Löcher in den Haushaltsplan reißen. Die inständig hoffen, dass die Waschmaschine noch ein paar Jahre hält.

Sie erzählt von Leben, die im Alter eng werden. „Das sind Frauen, die immer im Beruf standen“, sagt Lauterbach. „Die jetzt zu Bittstellerinnen werden, die sich schämen, weil sie nichts mehr geben können.“

Eine Illustration, die eine Frau zeigt. Die Frau ist auf einen Stuhl geklettert und schaut in einen Brunnen hinein.

Illustration: Yvonne Kuschel

Dass ihre Rente klein sein würde, das wusste Ute Lauterbach schon früh. „Erzieherin ist ja ein typischer Frauenberuf.“ Weniger Verdienst und schlechtere Aufstiegschancen gab es auch in der DDR. 16 Prozent weniger als Männer verdienten Frauen im Schnitt, das zeigen Zahlen einer Studie zur Lohnstruktur in der DDR. Ihr Mann habe das meiste Geld nach Hause gebracht, sagt auch Lauterbach, sie habe sich mehr um die Kinder gekümmert.

Ein Rollenmodell, das auch im vereinigten Deutschland greift. Nur zehn Prozent der Frauen zwischen 30 und 50 Jahren hierzulande verdienen derzeit mehr als 2.000 Euro netto im Monat. In keinem anderen europäischen Land tragen Frauen weniger zum Haushaltseinkommen bei.

Das liegt zum einen daran, dass viele Frauen noch immer in Berufen mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten und niedrigen Löhnen arbeiten. In der Pflege, der Erziehung von Kindern oder in Minijobs, die das Familieneinkommen aufstocken, aber nicht tragen. Dazu kommt, dass viele Frauen in Teilzeit wechseln, sobald sie Kinder kriegen. Frauen verdienen durchschnittlich 16 Euro die Stunde, Männer rund 4 Euro mehr. Ein Gefälle mit Folgen: Wer 40 Jahre lang weniger als 1.200 Euro verdient, erhält später nur rund 490 Euro Rente.

Anna Wrbanatz aus Berlin-Wedding bekommt noch weniger aus der Rentenkasse als das, etwa 300 Euro im Monat. „So viel wie früher als Studentin“, sagt sie. Sie muss lachen. Zusätzlich dazu bezieht sie Grundsicherung, insgesamt habe sie im Monat rund 800 Euro zur Verfügung. Schon ihre Fixkosten liegen bei 500 Euro.

Anna Wrbanatz

„Ich bin dazu erzogen worden, Hausfrau zu sein“

An diesem Morgen im Februar ist sie auf dem Weg zu einer Foodcoop bei ihr um die Ecke. Einem Zusammenschluss von Menschen, die einen selbst organisierten Biosupermarkt gegründet haben. Die Preise sind günstiger als anderswo.

Anna Wrbanatz hat den Beutel mit den leeren Milchflaschen fest im Griff. Der schwarze Mantel sitzt perfekt, die hellblaue Mütze passt zu ihren Augen. Wer sie sieht, ahnt nicht, dass sie fast jeden Freitag an einer kirchlichen Einrichtung für Lebensmittel ansteht.

Vor allem Milch und Joghurt, „den ohne Zucker“, kauft sie in der Coop. Den anderen Joghurt, den es in der Ausgabestelle gibt, mag sie nicht. Rund 50 Euro kostet sie die Foodcoop pro Monat. „Das ist schon ein Luxus.“

Wrbanatz räumt die Flaschen weg, rechnet das Pfandgeld zusammen und notiert die 45 Cent in ihrem Ordner. Dann erst setzt sie sich und beginnt zu erzählen.

Bis zu ihrer Rente arbeitete Anna Wrbanatz als Dolmetscherin und Übersetzerin für einen südosteuropäischen Kulturverein. Dass sie mal selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen würde, hätte sie als junge Frau nie gedacht, sagt sie. „Ich bin dazu erzogen worden, Hausfrau zu sein.“

Wrbanatz’ Eltern kommen aus Kroatien, 1963 wanderten sie mit drei Kindern nach Deutschland aus, als Spätaussiedler. Anna Wrbanatz war die Älteste und musste mit ran, schon mit 15 arbeitete sie in einer Lebensmittelfabrik in Hessen. Dort stand sie am Fließband.

Die Familie lebte jahrelang in einem Auffanglager. „Das war ein Getto“, sagt Wrbanatz. Die Deutschen beschimpften sie.

Das Abitur machte sie später an der Abendschule nach, gegen den Willen des Vaters, aber mit Unterstützung der Mutter. Mit Ende Zwanzig begann sie in Heidelberg ein Studium der Slawistik. „Brotlos“, aber eine große Freiheit. Mit Stipendien reiste sie nach Italien, England und bis nach Russland. Nach dem Studium ließ sie sich zur Dolmetscherin weiterbilden, sie spricht fünf Sprachen.

1975 bekam sie ihre Tochter, unehelich. Das Kind wuchs beim Vater in Bayern auf. Noch heute ist es ihr unangenehm, darüber zu sprechen.

In den 1980er Jahren ging Wrbanatz nach Berlin und machte nur noch, was sie für richtig hielt. Sie zog in ein besetztes Haus, heiratete eine große Liebe, die wieder zerbrach, und arbeitete für kleines Geld in einem Kulturverein. Viel verdient hat sie nie. Damit gehadert aber auch nicht.

Ihre Hobbys finanziert die Arbeiterwohlfahrt

„Ich bin arm“, sagt Wrbanatz, „aber ich komme zurecht.“ Sie wirkt schmal in dem blauen Wollpullover, den sie seit Jahren trägt, wie fast alles aus ihrer Garderobe. Lähmen lässt sie sich nicht von der finanziellen Enge. Im Gegenteil, sie hat einen straffen Wochenplan. Montags Malkurs, dienstags Tango für Senioren. Mittwochs Frauentreff im nahen Nachbarschaftsverein. Auch an diesem Vormittag, einem Donnerstag, steht noch ein Kurs an: Schwimmen. Und morgen wieder die Lebensmittelausgabe.

Das erste Mal habe sie sich geschämt, dort Essen zu holen. Mittlerweile kenne man sich, sagt Anna Wrbanatz. „Das sind normale Leute, wir haben uns etwas angefreundet.“ Die Kurse finanziert die Arbeiterwohlfahrt, sonst könnte sich Wrbanatz keine Hobbys leisten. Mit den Jahren hat sie gelernt zu haushalten: Die Werbebroschüren in ihrem Briefkasten sucht sie nach Sonderangeboten durch.

Wenn etwas im Angebot ist, greift sie gleich mehrfach zu. Dann isst sie wochenlang den gleichen Käse. Muss sie ins Internet, fährt sie in die Bibliothek. Will sie essen gehen, sucht sie nach Gutscheinen. Kleidung gibt es bei der Kirche. Früher ging sie jeden Samstag zum Friseur, heute schneidet sie sich die Haare selbst. Ihre größte Ausgabe in den letzten Jahren war ein Tagesausflug in eine Therme in Brandenburg, mit anderen Frauen aus dem Nachbarschaftsverein. „Auch alles Migrantinnen, auch alle arm.“

Am 8. März ist internationaler Frauenkampftag. Frauen verdienen noch immer weniger als Männer. Wir berichten über Einkommen, Altersarmut und die Frage, was Feminismus bei Finanzfragen bedeutet – in der taz am wochenende vom 7./8. März. Außerdem: Ein Angstforscher erklärt uns die Corona-Panik. Und: Warum soziale Bewegungen Ikonen brauchen, obwohl es ihnen schadet. Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Frauen, die nach Deutschland einwandern, gehören zu den am stärksten von Altersarmut Betroffen. Von den Zugewanderten über 65 Jahre sind 36 Prozent armutsgefährdet.

Nicht nur Einwanderung, schlecht bezahlte „Frauenberufe“ und Lohnungerechtigkeit erhöhen das Armutsrisiko – auch die Ehe macht Frauen arm. Männer, deren Frauen wenig verdienen, werden in Deutschland durch das Ehegattensplitting steuerlich bessergestellt. Ein Gesetz aus den späten 1950ern, das bis heute gilt.

Was es bedeutet, wenn Ehen geschieden werden, weiß Roswitha Skowasch. Sie ist 73 Jahre alt und stolz darauf, dass man ihr Alter und Armut nicht ansieht. Rote Brille, grauer Wollpullover, schwarze Leggings – sie legt wert auf ihre Kleidung. „Das ist meine Erziehung, meine Herkunft“, sagt Skowasch. „Meine Mutter war auch nicht reich, aber das hätte man ihr nie angesehen.“

An diesem Morgen empfängt sie in ihrer Zweizimmerwohnung auf der griechischen Insel Syros. Das Gebäude ist umgeben von Olivenbäumen, der Strand ist nicht weit. Seit vier Jahren lebt sie hier. Eine Rentnerin auf der Flucht vor der Armut.

640 Euro erhält sie pro Monat. Um damit klarzukommen, hat sie sich ein paar Tricks zur Gewohnheit gemacht. Zu ihren Sparmaßnahmen gehört, dass sie sich nur mit Kräutertee wäscht, indem sie die ganze Haut damit einreibt. „Eine Kanne Tee hält eine Woche. Da braucht man kein Wasser und keine Seife.“

Ihre Zähne putzt sie mit Kaffee. Ihre Haare wäscht sie mit einem Ei, das hinterher mit einem Schuss Essig wieder herausgespült wird. „Das ergibt glänzende, gesunde Haare, ganz ohne Chemie.“ Dass es kaum etwas kostet, ist ein schöner Nebeneffekt. Nur Make-up und Lippenstift kauft sie im Laden. „Aber das hält zwei Jahre.“

Ihre Zähne putzt sie mit Kaffee. Ihre Haare wäscht sie mit einem Ei

Früher sei Geld kein Thema gewesen, sagt Roswitha Skowasch und erzählt von ihrer Jugend im gutbürgerlichen Westberlin. Nach der Schule machte sie eine Lehre als Anwaltsgehilfin, wurde anschließend Sekretärin und heiratete mit zwanzig Jahren den Bruder eines Schulfreunds. „Er war meine große Liebe.“ Ihr Mann besaß sieben Blumenläden, sie war halbtags bei ihm angestellt. Monatlich verdienten sie 10.000 Mark, lebten in einer großen Wohnung und „auf großem Fuß“, so erzählt sie es. 1974 wurde die gemeinsame Tochter geboren.

Doch dann fing ihr Mann an zu spielen und häufte enorme Schulden auf. „Nachts um vier Uhr habe ich ihn von der Spielhalle abgeholt.“ Skowasch reichte die Scheidung ein, als die Tochter zwei Jahre alt war. „Plötzlich war alles weg.“ Sie war nun alleinerziehende Mutter und arbeitete wieder als Sekretärin, erst für 2.400 Mark, dann halbtags für 1.200.

Erst als die Tochter auszog, erfand sich Skowasch neu: Sie wurde Malerin. Zunächst war es nur als Hobby gedacht, aber schon die ersten Bilder brachten jeweils 350 Mark. Sie arbeitete abstrakt, mit Sand und Erde, und stellte bald in renommierten Galerien in Berlin aus. Es schien sich eine vielversprechende Karriere anzubahnen, doch „als Frau, Anfängerin und Autodidaktin war es nicht leicht, Geld zu verdienen“, sagt Skowasch.

Sie hoffte, dass es im Ausland einfacher wäre. Sie malte einige Jahre auf Mallorca und an der französischen Mittelmeerküste, doch das Geld reichte gerade so aus, um den Mindestbeitrag für die Künstlersozialkasse aufbringen zu können.

2002 kehrte sie nach Deutschland zurück. Es folgte eine „ziemlich schlechte Zeit“, ihre Bilder verkauften sich kaum. Trotzdem wäre es für sie undenkbar gewesen, wieder als Sekretärin zu arbeiten. „Ich wollte meine Freiheit behalten.“

Eine Illustration, die eine Frau zeigt, die Regentropfen mit ihrer Handtasche auffängt.

Illustration: Yvonne Kuschel

Seit 2006 ist sie in Rente. 43 Jahre lang hat sie in die Sozialkassen eingezahlt. Allerdings waren ihre Beiträge meist so niedrig, dass ihr anfangs nur 473 Euro im Monat zustanden. Roswitha Skowasch beantragte zusätzliches Wohngeld, fühlte sich jedoch bald vom Sozialamt gegängelt. „Eines Tages machte sich eine Frau an meinem Türschild zu schaffen. Ich wunderte mich sehr darüber, bis mir klar wurde, dass der Staat kontrollieren wollte, ob ich in meiner Wohnung allein lebte oder ob ich vielleicht bei jemand anderem wohnte.“

Skowasch wollte unabhängig von den Behörden werden. Ihr Ausweg: ein Umzug in ein anderes Land, in dem ihre magere Rente reichte, weil der Euro mehr wert war. Ihre Wahl fiel auf die Türkei.

2010 zog Skowasch an die türkische Ägäisküste, wo sie erstmals seit Langem ein „gutes Auskommen“ hatte. Skowasch würde noch heute in der Türkei wohnen, wenn sich das Land nicht zunehmend in eine Diktatur verwandelt hätte. „Nach dem Putsch gegen Erdoğan sprachen die Nachbarn nicht mehr miteinander, großes Misstrauen breitete sich aus.“ Skowasch fürchtete, dass die Situation auch für sie schwierig werden könnte.

2016 zog sie daher wieder um, diesmal nach Griechenland. Neun Koffer wuchtete sie auf die Fähre, und viel mehr besitzt sie auch jetzt nicht. „Ich sammle nichts; im Gegenteil, ich gebe wieder ab.“ Auf Syros ist das Leben härter als in der Türkei, denn Griechenland ist keineswegs billig. Freie Wohnungen werden über Airbnb vermietet, was die Preise in die Höhe treibt.

Grundrente: nicht für alle

Roswitha Skowasch hofft, dass die Grundrente bald ausgezahlt wird: „Die brauche ich!“ Um die 280 Euro, hofft sie, würde sie bekommen. Mit dem Geld könnte sie ein „normaleres Leben führen“, sagt sie. Mal mit dem Schiff auf eine andere Insel fahren, mal essen gehen.

2021 soll sie kommen, die Grundrente. Erhalten sollen sie diejenigen, die mindestens 33 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt haben. Das hat das Bundeskabinett Ende Februar beschlossen. Vor allem Frauen sollen davon profitieren. Prognosen der Bundesregierung gehen davon aus, dass 70 Prozent der künftigen Grundhilfeempfänger:innen weiblich sein werden.

Ute Lauterbach sagt über die Grundrente, dass ihr das alles eher kompliziert erscheine. Wer bekommt was und wie viel? Sie hofft, dass ihr bis 2021 endlich eine Entschädigung gezahlt wird in Form einer Einmalzahlung. Für die Jahrzehnte, die sie ohne Versorgungsausgleich auskommen musste.

„Von der Grundrente hätte ich nichts“, sagt Anna Wrbanatz. Sie erreicht die 33 Jahre nicht. Bei ihr bleibt es auch nach 2021 bei 800 Euro.

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