Forstwissenschaftler über Brände: „Der Mythos vom Brandstifter hält sich hartnäckig“
In Europa brennt es. Menschen müssen fliehen, manche starben. Forstwissenschaftler Alexander Held spricht über das Feuer und was wir dagegen tun können.
Foto: Boris Roessler/dpa
taz: In Europa wüten unzählige Brände. Stimmt der Eindruck, dass diese besonders früh im Jahr ausgebrochen sind und besonders heftig verlaufen?
Alexander Held: Absolut. Die Statistik der letzten 20 Jahre zeigt, dass wir gar nicht häufiger Feuer haben. Aber wir haben größere, intensivere, katastrophalere Brände mit vielen Todesopfern. Im Mittelmeerraum beginnt die „Fire Season“ üblicherweise im August. Doch jetzt, am 5. August, ist schon mehr Fläche verbrannt als im gesamten Vorjahr.
geboren 1975 in Augsburg, Forstwissenschaftler, forschte am Max-Planck-Institut für Chemie zu natürlichen und menschengemachten Vegetationsbränden und deren ökologischen wie gesellschaftlichen Auswirkungen. Seit 2011 unterstützt er als Experte das forstliche Risikomanagement des European Forest Institute (EFI) in Bonn mit den Schwerpunkten Vegetationsbrand und Waldbau.
taz: In den Nachrichten heißt es oft, ein Feuer sei „außer Kontrolle“. Was heißt das eigentlich? Wie wird „Kontrolle“ hier definiert?
Held: Kontrollschwellen werden über Energiemengen definiert. Wenn wir vor einem Feuer stehen, das dreieinhalb bis vier Meter Flammenlänge hat, das entspricht zwei VW-Bussen, dann kommen wir nicht mehr nah genug dran. Das Wasser verdunstet, bevor es das Feuer erreicht. Dann ist ein Feuer außer Kontrolle. Erst wenn sich Bedingungen wie Topografie, Brennmaterial oder Wetter ändern und wir Flammen unter dreieinhalb Metern haben, können wir Feuer direkt löschen.
taz: Wie lange dauert es, bis der Wald sich nach einem Feuer regeneriert?
Held: Manche Feuer sind wie ein Rasenmäher. Sie brennen nur oberflächliche Vegetation ab. Dann dauert die Weiterentwicklung nicht lange. Wenn aber die Bodenlebewesen, wie Pilze und andere Mikroorganismen, verbrannt sind, kann die Regeneration fünf, sechs, sieben Jahre dauern.
taz: Der überwiegende Teil der Brände ist menschengemacht. Kommt das davon, dass Leute Zigaretten wegschmeißen oder Lagerfeuer machen? Sind es Zündler? Oder gibt es das Phänomen mit Glas, an dem sich das Licht bricht, tatsächlich?
Held: Der Mythos vom Brandstifter hält sich hartnäckig. Es ist ein Gerücht aus den Zeiten, als Brachland durch Entfernen der Vegetation zu Bauland werden konnte. Das war aber eher in den 80er Jahren der Fall. Zum Glas: Nur über eine Lupe – mit einem Brennglas – könnte man einen Brand auslösen. Nicht mit normalem Glas.
taz: In Frankreich nahmen die Behörden 162 Menschen fest, die sie verdächtigen, Brände gelegt zu haben. Wie erklären Sie sich das?
Held: Die Verhaftung von über 160 Menschen entspringt einem sehr menschlichen Bedürfnis, Schuldige zu finden. Die Feuer werden immer noch als externer Unfall betrachtet. Wenn wir endlich verstehen, dass das Feuer eine so normale, regelmäßige Störung ist wie der Borkenkäfer, dann wird das nachlassen. Ich kann nicht ausschließen, dass es den einen oder anderen Brandstifter gibt. Aber in allen Fällen, die uns bekannt sind, war es eher Unachtsamkeit, Fahrlässigkeit.
Wir haben deshalb einen Running Gag. Die drei Hauptursachen für Brände sind: Männer, Frauen und Kinder. Trotzdem müssen wir natürlich Zündquellen noch besser verstehen und reduzieren. In Australien und Amerika gibt es eine Disziplin, um die Brände forensisch zu untersuchen. Da muss man Kurse belegen und sich qualifizieren. Bei uns ist dieser Bereich noch unterentwickelt.
taz: Apropos Deutschland: Auch hier hat es in den letzten Wochen bereits gebrannt. Wie gefährlich ist die Lage?
Held: Die Wetterbedingungen deuten auf eine hohe bis sehr hohe Gefahr hin. Die hydrologische Situation – also die Wasserverfügbarkeit in den Böden – ist katastrophal. Dementsprechend gibt es viel Brennmaterial. Übrigens auch mehr als in Spanien. Wir müssen sehr, sehr vorsichtig sein die nächsten Tage. In Deutschland reichen kleinere Brände, um großen Schaden anzurichten. Ein kleiner Brand in Beelitz bei Berlin hatte die A9 und die A10 stundenlang lahmgelegt. Brände auch in Gasleitungen, Stromleitungen bedeuten schnell einen – auch volkswirtschaftlichen – Schaden. Zumindest kommt die freiwillige Feuerwehr im europäischen Vergleich über gute Waldwege relativ schnell an die Feuer.
taz: Wie gut sind wir hier gewappnet?
Held: Wir haben drei Systeme der Frühwarnung: den Deutschen Wetterdienst mit seinem wetterbasierten Waldbrandgefahrenindex und den Grasland-Feuerindex. Damit können wir die nächsten fünf Tage vorhersagen. Der zweite Level ist die satellitengestützte Überwachung in Echtzeit. Das dritte System ist die Bevölkerung, die sich viel im Freien aufhält und mit Handys ausgerüstet ist. Feuer werden bei uns relativ zügig erkannt.
taz: Welche Regionen sind besonders gefährdet?
Held: Brandenburg ist das Waldbrand-Bundesland schlechthin.
taz: Brände entstehen in heißen Gebieten. Wie halten es die Feuerwehrleute aus, in kompletter Montur in die noch viel größere Hitze eines Brandes zu gehen?
Held: Das geht gar nicht. Die volle Schutzmontur, Atemschutz und Sauerstoff auf dem Rücken führt eigentlich zu Hitzschlägen oder Herzinfarkten, noch bevor man überhaupt am Feuer angekommen ist. Wir können nicht verantwortungsvoll sagen, dass wir Menschen bei 40 Grad plus Feuer körperlich arbeiten lassen. In Deutschland hat man das erkannt und steuert mit leichterer Einsatzkleidung und technischen Mitteln nach. Doch egal, ob schwere oder leichte Schutzkleidung, das System stößt definitiv an seine Grenzen.
taz: Was sollten Bürgerinnen und Bürger bei hoher Waldbrandgefahr beachten?
Held: Wir müssen lernen, dass wir Hitze in Waldbrandgefahr übersetzen und uns achtsamer verhalten. Vermeiden sollten wir: Gedankenloses Rauchen, gedankenloses Grillen, gedankenloses Lagerfeuermachen. Auch das geparkte Auto am Baggersee kann gefährlich werden. Der heiße Katalysator kann trockenes Gras entzünden. Wir haben noch einigen Aufklärungsbedarf, bis das Thema allen in Fleisch und Blut übergeht.
taz: Was kann die Forstwirtschaft tun, um Wälder langfristig widerstandsfähiger gegen Brände zu machen?
Held: Zunächst täuscht der Begriff „Waldbrand“ ein bisschen. Viele sogenannte Waldbrände sind eigentlich Landschaftsfeuer oder Buschbrände. Das heißt, nicht nur die Forst-, sondern die gesamte Landwirtschaft ist betroffen. Ziel müsste sein, Landwirtschaft, Tourismus, Forstwirtschaft, Naturschutz etc. so zu betreiben, dass Feuer innerhalb der Kontrollschwelle bleiben und so weniger Schaden anrichten können. Großflächige, fast industrielle Landwirtschaft aber vergewaltigt Wasserkreisläufe und das Bodenleben. Eine kleiner strukturierte Landwirtschaft stünde Flächenbränden per se entgegen.
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