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Forensiker über DNA in Gerichtsmedizin„Wir haben hier alle ein großes Gerechtigkeitsempfinden“

Jan Euteneuer arbeitet in der Rechtsmedizin an echten Fällen. Krimis zeigten ein falsches Bild der Arbeit, sie bestehe großteils aus warten, sagt er.

Interview von

Martje Menzel

taz: Herr Euteneuer, wie wird aus einer DNA-Probe ein Hinweis?

Jan Euteneuer: Gute Frage, denn das vermischt bereits zwei Sachen, die wir dringend trennen müssen. Wir sind keine Ermittler und auch keine Juristen. Das bedeutet, wir gehen niemals von irgendwelchen Tätigkeiten aus oder machen Rückschlüsse auf Tätigkeiten. Was wir geben, sind Fakten. Wenn zum Beispiel an einem Abrieb DNA gefunden wurde, in der sich DNA-Merkmale befinden, wie sie auch Vergleichspersonen wie der Geschädigte oder der Beschuldigte tragen, geben wir das als Information zurück. Was dann die Ermittler oder die Juristen damit anstellen, ist nicht mehr unsere Aufgabe. Wir wissen oft gar nicht, was im Detail passiert.

taz: Warum?

Euteneuer: Wir bekommen nur so viele Informationen, wie wir brauchen. Damit wir nicht so beeinflusst sind. Würden wir uns dazu hinreißen lassen, aufgrund von DNA und RNA und so weiter Rückschlüsse zu ziehen, dann könnte der Richter, ein Verteidiger oder ein Staatsanwalt unser Gutachten wegen Befangenheit für ungültig erklären.

Im Interview: Jan Euteneuer

Jan Euteneuer, 40, wissenschaftlicher Mitarbeiter und stellvertretender Bereichsleiter in der forensischen Genetik am Institut für Rechtsmedizin im Uniklinikum Schleswig-Holstein in Kiel

taz: Sind Sie für Ihre Arbeit mit am Tatort?

Euteneuer: Nein, tatsächlich gar nicht. Also wir hier in Kiel bleiben schön in unserem Institut. Auch, weil wir gar nicht geschult sind bei der Spurensicherung und Tatortarbeit. Damit schützen wir außerdem die Proben vor uns selbst, sodass wir diese nicht kontaminieren.

taz: Wofür wird denn die forensische Genetik genutzt?

Euteneuer: Einmal für die Feststellung oder Identifizierung von verstorbenen Personen, die anhand ihres Aussehens nicht mehr zu identifizieren sind. Daneben machen wir auch die Abstammungsuntersuchungen für Gerichte, was meistens die typischen Vaterschaftstests sind. Unsere dritte Säule sind eben die Spurenuntersuchungen im Auftrag der Polizei und Staatsanwaltschaften, um über die Analyse von Tatortmaterialien wie Gegenständen oder Abrieb von Personen herauszufinden, welche Personen daran beteiligt sein könnten. Zuletzt sind wir vom Institut auch in der Lehre und Forschung aktiv.

taz: Und was ist ein DNA-Profil und wie kann das bei der Aufklärung von Kriminalfällen helfen?

Euteneuer: Ein DNA-Profil entsteht durch die Analyse bestimmter Bereiche der DNA. In den untersuchten Bereichen wiederholen sich bestimmte Kettenglieder, wobei die Anzahl von Person zu Person verschieden ist. Schaut man sich genug solcher Stellen an, ergibt sich ein Muster, das statistisch gesehen in der Bevölkerung einmalig ist. Es sei denn, man hat einen eineiigen Zwilling. Stimmt das DNA-Profil einer Spur mit einer Vergleichsperson überein, lässt sich daraus schlussfolgern, dass diese Person die DNA hinterlassen hat.

Der Vortrag

„Mit der Zelle in die Zelle“ Vortrag über forensische Genetik, Seeburg, Düsternbrooker Weg 2, Kiel, 21.6., 16 Uhr

taz: Sie sprechen in Ihren Vorträgen auch darüber, dass Krimis ein falsches Bild von forensischer Arbeit vermitteln.

Euteneuer: Tatsächlich besteht ein Großteil der Arbeit aus warten. Alle Teilschritte brauchen Zeit – bis Analysen durch sind, bis ein Gutachten geschrieben ist, alles durchgerechnet ist, bis das von den Staatsanwaltschaften, Gerichten und der Polizei verwertet wird und bis ein Ergebnis dabei rechtskräftig rauskommt. Da können teilweise Jahre vergehen.

taz: Ihr Vortrag heißt „Von der Zelle in die Zelle“. Waren Ihre Erkenntnisse in der Vergangenheit ausschlaggebend, um Fälle aufzuklären?

Euteneuer: Natürlich. Das hoffen wir auch. Wir haben hier alle ein großes Gerechtigkeitsempfinden. Und wir hoffen, dass unsere Gutachten auch dazu führen, dass Gerechtigkeit vollzogen wird. Also nicht nur, dass entsprechende Täter überführt werden, sondern auch, dass Unschuldige freigesprochen werden.

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