Hochwasser in Rheinland-Pfalz: In der Nacht kam das Wasser

Im Ahrtal ist nichts mehr wie zuvor. Die Hälfte der Gebäude von Bad Neuenahr-Ahrweiler sind schwer beschädigt. Ein Besuch im Ortsteil Heimersheim.

Aufräum­arbeiten in Bad Neuenahr

Freiwillige packen im Landkreis Ahrweiler an und räumen die Straßen auf Foto: Thomas Lohnes/getty

HEIMERSHEIM taz | Schlamm und Staub liegen überall – auf Straßen, Häusern, Gärten, Menschen. Es riecht nach ausgelaufenem Heizöl. Nach tagelangem Dauerregen kam das verheerende Hochwasser, das im engen Ahrtal zu großen Verwüstungen geführt hat. Das rheinland-pfälzische Heimersheim liegt am Unterlauf der Ahr, kurz vor der Mündung in den Rhein.

1,80 Meter stand das Wasser in dem 3.000-Einwohner-Ortsteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler hoch. Die meisten Häuser sind Einfamilienhäuser, weiß getüncht, und wo das Wasser stand, ist die Farbe hellbraun. Am Oberlauf der Ahr, wo das Tal enger ist, waren es 5 Meter. Aber auch in Heimersheim sind die Schäden immens. Straßen wurden unterspült, die Uferbefestigung weggerissen, die Feuerwehrstation überflutet.

Auf einer Kreuzung regelt eine junge Polizistin den Verkehr mit Handzeichen. Am Straßenrand liegen durchnässte und mit zähem Schlamm überzogene Haufen, so weit das Auge reicht: Wohnungseinrichtungen, Möbel, persönliche Unterlagen, Fotos und Schulbücher.

Viele Einwohner sind noch dabei, die Reste ihres Hab und Guts auf den Bürgersteig und in die Vorgärten zu hieven und immer wieder Schlamm aus ihren Häusern zu schippen. Auch hier sind zwei Menschen ertrunken, eine Frau mit ihrer Tochter, die im Keller noch schnell etwas retten wollten. Das Wasser drückte gegen die Kellertür, sodass sie diese nicht mehr öffnen konnten.

Von oben bis unten voller Schlamm

Die Menschen sind emsig beschäftigt, alle von oben bis unten voller Schlamm. Freunde, Familienangehörige, aber auch völlig Fremde haben sich spontan Urlaub genommen, um mit anzupacken. Schlafstellen werden angeboten, und, was den Anwohnern besonders wichtig ist, die Möglichkeit, zur Toilette zu gehen und sich nach etlichen Tagen ohne fließendes Wasser zu duschen. Strom gibt es mittlerweile wieder.

Die private Nachbarschaftshilfe funktioniert: Arbeitgeber stellen ihre Leute frei, damit sie mit anpacken können, Firmen spenden Lebensmittel und Trinkwasser. Ein Lkw mit einer Ladung Dixi-Klos rauscht vorbei, eine Leihgabe eines Bauunternehmers. Bauern schleppen mit ihren Traktoren schwere Gerätschaften und schaffen Müll weg. Iranische Flüchtlinge verköstigen ihre Nachbarn mit Riesenmengen Pilaw. Die Feuerwehr vom Frankfurter Flughafen hat 100 Feldbetten an ihre Kollegen in Heimersheim geschickt. Die Stimmung ist ruhig und freundlich.

Trotzdem sind viele Anwohner wütend auf die Politik. Eine Frau um die 40 macht mit ihren Töchtern eine Pause von der Plackerei, sitzt auf einem Mäuerchen, das von ihrem Vorgarten stehengeblieben ist und raucht eine Zigarette. Man sieht ihr die Müdigkeit an. Seit zehn Stunden ist die Familie heute an der Arbeit und es geht noch weiter. Sorgenvoll blickt sie auf die Trümmer ihrer Existenz. „Klimakrise“, meint sie einsilbig, „eindeutig“.

Dann rafft sie sich auf und stapft in ihren Gummistiefeln durch den Schlamm zurück ins Haus, weiter schaufeln. Ihre Nachbarn sehen auch in der Flächenversiegelung einen Grund für die Katastrophe. „Es wird ja alles zugebaut“, sagt einer.

Wenigstens stehen die Häuser noch

Familie Schwarz, Vater und Sohn, erzählen, was geschehen ist: „Es hatte tagelang in Strömen geregnet. Als der Regen aufhörte, dachten wir, jetzt sei alles vorüber und waren beruhigt“, sagt der junge Mann. „Wir hörten nur so ein komisches Geräusch. Jetzt ist uns klar, dass das vom Fluss kam.“ Um halb zwölf Uhr nachts habe das Wasser schon bis zur Wade hoch auf der Straße gestanden. „Es ist erst in den Keller geflossen, dann sehr schnell bis zum ersten Stock gestiegen.“

Wenigstens stehen die Häuser in Heimersheim noch. Am Ober- und Mittellauf der Ahr wurde das Dorf Schuld weitgehend zerstört. In weiteren Ortschaften sind Gebäude weggerissen worden oder einsturzgefährdet. Insgesamt 4.000 Menschen wurden evakuiert, 3.000 sind – Stand Sonntagmittag – nicht erreichbar. In Altenahr stand das Wasser bis zu fünf Meter hoch, die Menschen kletterten zum Teil auf die Dächer.

Hunderte Lkw mit Hilfsgütern kommen laut Kreisverwaltung Bad Neuenahr-Ahrweiler, zu der auch Heimersheim gehört, jeden Tag an. Im Ortsteil Bad Neuenahr selbst sind nach ersten groben Schätzungen die Hälfte aller Gebäude schwer beschädigt. Die Bundeswehr hat in Tanklastern Trinkwasser ins Notgebiet geschickt. Alle Nachbarstädte und -gemeinden haben Unterkünfte für Evakuierte bereitgestellt. Viele Privatleute bieten Schlafplätze an.

Während am Unterlauf der Ahr aufgeräumt wird, sucht man am Mittel- und Oberlauf mit Fußtrupps und Drohnen weiter nach Vermissten. Immer wieder werden dabei auch Tote gefunden. Allein im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz haben mindestens 110 Menschen ihr Leben verloren. Bundeswehr und THW räumen mit schweren Räumgeräten die Zufahrtsstraßen frei. Einige Orte sind nur per Hubschrauber oder zu Fuß erreichbar. Strom, Wasser und Mobilfunk gibt es dort nicht mehr.

Keine Warnung vor dem Wasser

Am Sonntag verschaffte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begleitet von der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) einen Eindruck von der Situation. Für kommenden Dienstag wird die rheinland-pfälzische grüne Umweltministerin Anne Spiegel im Krisengebiet erwartet.

Spiegel, so erklärte eine Bad Neuenahrerin, wolle erst später kommen, „um den Hilfskräften nicht im Weg zu stehen“. Im Mai diesen Jahres erinnerte der Kreis Ahrweiler noch an das schwere Hochwasser des Jahres 2016, das bisher als „Jahrhunderthochwasser“ galt.

Trotz der Erfahrungen des Krisenstabs mit zahlreichen Ahr-Hochwassern gibt es bei dem gegenwärtigen Einsatz Probleme in der Kommunikation mit den Bürgern. Heimersheimer beklagen, dass sie keine Warnung vor dem Hochwasser erhalten hätten.

Einzig der Wasserbauingenieur Matthias Bertram berichtete der taz am Telefon, dass er regelmäßig auf den Pegelstand gesehen habe. „Der Pegelstand in Altenahr kommt eine Dreiviertelstunde später in Bad Neuenahr an“, erklärte der Fachmann. Bis halb zehn Uhr abends habe seine Familie am Mittwoch Sandsäcke gefüllt, um die Hauseingänge abzudichten. Um halb zwölf habe das Wasser schon auf der Straße gestanden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de