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Florence + the Machine-Konzert in BerlinVon schrillen Schreien und tanzenden Hexen

Die Indie-Popband Florence + the Machine spielt in Berlin so gekonnt mit Stimmlagen und Körpern, dass ganz sicher alle bösen Geister vergehen.

Everybody scream: Florence Welch auf Tour Foto: Lillie Eiger

Es gibt noch nichts zu sehen, als die ersten Schreie zu vernehmen sind. Halb stöhnende und kreischende Laute fluten die ausverkaufte Berliner Uber Arena, bis der Vorhang fällt. Als Florence Welch langsam aus dem Boden fährt, sind sie unter dem Jubel des Publikums kaum mehr auszumachen. Sie beginnt zu singen: „Everybody Scream“.

Begleitet von einer Band und einem Chor, bringt sie mit dem Titelsong ihres aktuellen Albums, mit dem sie nun schon seit über einem Jahr durch die ganze Welt tourt, das Publikum in Stimmung. „Everybody dance, everybody sing, everybody move, everybody scream“, singt sie im ersten Refrain, und das Publikum folgt. Sie tanzen, singen, schütteln ihre Körper und schreien – und das wird sich den ganzen Abend lang nicht ändern.

Es sind fast alle Altersklassen an diesem Abend im weiblich dominierten Publikum vertreten, doch die ersten Reihen sind mit Fans der Tiktok-Generation gefüllt. Dort sind in den letzten Jahren auch die alten Hits der Indie-Popband Florence + the Machine viral gegangen. Und so sind sie mit Blumenkränzen im Haar, der inoffiziellen Fan-Uniform, angereist gekommen und setzen damit einen bunten Kontrast zu der ansonsten mystisch-düsteren Stimmung der Show. Die Bühne ist in rotes Licht getaucht, der Steg, der von dort ins Publikum ragt, verschwindet in Nebelschwaden. Auf ihm tanzt Welch barfuß und im schwarzen wallenden Kleid, ihre Bewegungen sind dabei so fließend, dass man sich fragt: Läuft sie? Springt sie? Schwebt sie?

Ihre Choreografien werden von einem vierköpfigen „Witch Choir“ begleitet, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Tänzerinnen überstrecken ihre Körper, rekeln sich auf dem Boden und werfen ihre Köpfe mit verdrehten Augen in alle Richtungen. Sie verstärken den Eindruck, dass an diesem Abend etwas Übernatürliches vor sich geht: irgendetwas zwischen Hexenritual und Teufelsaustreibung.

Die eigene Essstörung verarbeitet

Zwei Stunden lang spielt Florence + the Machine ein Best-of ihrer letzten sechs Alben und zeigt, was sie musikalisch drauf hat. In der Ballade „Witch Dance“ wechseln sich treibender Beat mit ruhigeren Passen mit dem so typischen kosmischen Harfen-Sound ab, und Florence Welch jagt ihre Stimme scheinbar mühelos die Oktaven hoch und runter. Das Publikum feiert die klassischen Popsongs wie „Shake it Out“ oder „Cosmic Love“ genau wie die akustisch gehaltene Ballade „Hunger“, in der Welch ihre frühere Essstörung verarbeitet.

Trotz eindrücklicher Tänze und mystischer Shows ist der wahre Star des Abends die Stimme von Florence Welch. Sie ist so kraftvoll und laut, dass man sich einbilden kann, sie bräuchte gar kein Mikrofon, um die Halle damit zu füllen. Und egal, ob sie auf dem Boden kriecht oder über den Steg rennt, sie versagt nicht ein einziges Mal. Umso mehr überrascht ihr Sprechstimme.

Sie klingt zart und zerbrechlich, wenn sie sich an diesem Abend dem Berliner Publikum zuwendet. Wenn sie zum Beispiel erzählt, dass sie einen bestimmten Song aus ihrem Repertoire nie wieder singen wollte. Zehn Jahre lang habe sie ihn nicht mehr gesungen, da er zu schmerzliche Erinnerungen in ihr hervorrufe. Doch die Fans hätten ihr geholfen, ihn wieder lieben zu lernen. Wie sehr sie „Never let me go“ lieben, zeigt sich am Ende, als Welch das Publikum wie einen Chor dirigiert und es Dutzende Male ohne instrumentale Begleitung singen lässt: Never let me go.

Fans halfen ihr, den besonders schmerzlichen Song wieder zu lieben

Es ist ein ganz besonderer Moment, der letztlich nur von einer ihrer Zugaben übertroffen wird. Der Hit, mit dem Florence + the Machine vor über 15 Jahren berühmt werden, lässt auch den letzten Fan in den Rängen aufstehen und mitsingen: Dog Days are Over. Welch bittet das ohnehin auffallend wenig handyfixierte Publikum, alle Geräte wegzupacken und ganz im Moment zu sein. Und das Publikum folgt auch diesem Wunsch und gibt sich ganz der Musik hin.

Eigentlich bestimmen düstere Rock-Hymnen über Liebeskummer oder aufbegehrende Popsongs mit Selbstreflexionen als Popstar die Musik von Florence + the Machine und damit auch diesen Abend. Doch zum Schluss klingen noch einmal andere Töne an. Die 39-jährige Sängerin wendet sich ein letztes Mal an das Publikum und erzählt, wenn nur ein Lied von ihr Realität werden könne, dann sollte es dieses sein, ihr Abschlusssong „And Love“. Und so ist die Zeile „Peace is Coming“ das Letzte, was an diesem Abend zu hören ist. Und selbst als das Konzert vorbei ist und man aus der Arena auf den grauen kalten Vorplatz tritt, bleibt das Gefühl: Irgendwelche bösen Geister wurden heute vertrieben.

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