Schau über die Tiefe der Meere: Floaten wie ein Belugawal
Julian Charrières Schau „Midnight Zone“ im Kunstmuseum Wolfsburg macht die Tiefsee erfahrbar. Die Ozeane sollen möglichst unberührte Räume bleiben.
Den Raum bezeichnete der französische Philosoph Gaston Bachelard einmal „als Freund des Seins“. Der Satz hat es in sich. Vor allem unzugängliche Räume wie Wüsten und Ozeane entziehen sich dem gewohnten Ortssinn, aber auch sie werden vermessen und der materiellen Ausbeutung ausgeliefert.
Bachelard hielt dagegen: „Ins Wasser hinabtauchen oder durch die Wüste wandern, heißt den Raum wechseln“ und in einen „seelisch erneuernden Raum“ eintreten. Schon wenige Meter unter Wasser sind oben und unten, rechts und links keine Fixpunkte mehr, und je tiefer man eintaucht, desto stärker kommen die Ontologie des Raums und die planetare Tiefenzeit zur Geltung.
Die komplett lichtlose „Midnight Zone“ von 1.000 bis 4.000 Meter Tiefe macht der französisch-schweizerische Künstler Julian Charrière im Kunstmuseum Wolfsburg mit Video- und Soundarbeiten für Landbewohner erfahrbar. Nicht im Stile eines Jacques Cousteau, um die Tiefsee vertraut zu machen, sondern um begrenzte Raumerfahrungen gezielt zu verlernen und die Ozeane als freie Räume wahrzunehmen.
Julian Charrière: „Midnight Zone“. Kunstmuseum Wolfsburg, bis 12. Juli 2026. (Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König)
Die 2.000 Quadratmeter große Halle des Kunstmuseums hat er für eine immersive Erfahrung bereitet, in der Bilder und Töne körperlich verschmelzen; Bachelard würde sagen: leiblich. „Immersiv“ nennt sich heute jede zweite Ausstellung, in der eine Frida Kahlo virtuell zum Leben erweckt wird oder Technolabs KI-generierte Fantasien projizieren. In Wolfsburg ist das Label voll berechtigt.
Schweben als Existenzweise
Julian Charrière taucht seit der Kindheit, als ihn eine Gehbehinderung aufs Schnorcheln im Genfer See und im Mittelmeer brachte. Er kam mit Meeresforschern und -schützerinnen in Kontakt und Anregern wie den Performance-Künstler Massimo Furlan, die Kunstvermittlerin Franziska von Habsburg und Ólafur Elíasson im Berliner Institut für Raumexperimente. Im Kleinen Müggelsee machte er den Tauschschein und brach bald in arktische Gefilde auf, überwand die Grenze zwischen Erde und See, die ja „beide eins sind. Unser Planet sollte statt Gaia Ozean heißen.“
Teeth are reefs, bones are stones, bezeichnen Taucher diese aquarische Konstitution des Planeten. „Das Meer ist der stabilste Lebensraum, Schweben und Floaten ist unsere originäre mehr-als-menschliche Existenzweise.“ Charriere tauchte bis 70 Meter tief, lauschte den leisen Knistergeräuschen der Fische und Garnelen, die hydrophonverstärkt ein Geräuschvolumen erzeugen wie Vögel am frühen Morgen in einem Regenwald.
Der in Berlin lebende Künstler tritt seit 2011 in einer großen Zahl von Gruppen- und Einzelausstellungen auf, anfangs in einer speziellen Variante von Land-Art mit Zeugnissen von gefährlichen Plätzen wie Vulkanen, atomaren Testgeländen wie dem Bikini Atoll und Semipalatinsk und Bergbaugebieten. Seither interessiert er sich stärker für Meeresregionen und die katastrophalen Folgen des Klimawandels und Artensterbens, etwa mit der aufsehen-erregenden Aktion „Towards no earthly pole“ (2013).
Auf dem Parcours der Wolfsburger Ausstellung findet man Arbeiten wie „Silent World“ (2019), „Pure Waste“ (2021) und „Coalface“ (2024), preziöse Ausflüge in die Metamorphosen der Erdgeschichte, gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse, technisch aufwändig hergestellt und stets durch genaue Ortskenntnis verifiziert. Der Ausstellungskatalog, kongenial in dunkelblau bis schwarz gehalten (und damit nicht leicht lesbar) birgt ein wahres ozeanografisches Grundstudium. Es soll ergänzt werden durch Kuratorenführungen und ein Begleitprogramm.
Grenze zwischen See und Küste
Im Zentrum der Ausstellung, die vergangenes Jahr bereits im Tinguely Museum in Basel gezeigt wurde, stehen die großwandigen, an der Wand und an der Decke aufgespannten Projektionen „Midnight Zone“ (2024) und „Albedo“ (2025). Hinzugekommen ist ein begehbares verspiegeltes Oktogon um eine Fresnellinse herum, die normalerweise in Leuchttürmen verwendet wird und der Seefahrt mit kreisender Lichtbewegung die Grenze zwischen offener See und Küste signalisiert.
Charrière kippt gewissermaßen den Leuchtturm um und leuchtet damit die Unterwasserwelt aus. Dort lässt die beständige Drehung diverse Meeresbewohner kurz aufscheinen, als wäre man auf einem Flug durchs Weltall. Die Fische fliehen das ungewohnte Licht nicht, sie umrunden das fremde Objekt. Das ist kein glamouröser Naturfilm à la „Terra X“, der in scheinbar unberührten Reservaten die Illusion einer heilen Flora und Fauna inszeniert, denn auch so weit unten ist man eben nicht mehr in unversehrtem Territorium. Im flackernden Licht erscheint eine beschädigte Unterwelt, die man, so Charrières Botschaft, besser in Ruhe ließe.
Die Tiefsee soll eben keine menschliche Sphäre werden, wie Jacques Cousteau in seinen spektakulären Filmklassikern „Le Monde du silence“ (1956) und „Le Monde sans soleil“ (1964) in durchaus guter Absicht nahelegte. Die dunkle, aber gar nicht stille Welt soll einzig der Biolumineszenz der Unterwasserlebewesen überlassen bleiben, die für Paarung, Tarnung und Beutemachen mit einer chemischen Reaktion ihr Licht selbst erzeugen können.
Gewiss: Auch Charrière ist ein Eindringling. Doch er will die massenhafte Penetration dieser Orte durch Nassbagger, Roboter und Tauchboote aufhalten und den Fluch überwinden, dass Menschen mit ihrem Wissen über die Natur auch Herrschaft über sie ausüben. Um das körperlich zu erspüren, müssen Besucher sich am besten niederlegen und genug Zeit mitbringen. Die Projektion „Abedo“ (2025) führt unter arktische Eisberge, als wäre man ein Belugawal.
Gefahr der romantischen Verklärung
Für Charrière sind aber nicht nur diese visuellen Impressionen bedeutsam, sondern vor allem die Klang- und Vibrationslandschaft der Unterwasserwelt. Ikonische Eiswelten sind stets in Gefahr einer ästhetischen Sublimierung oder romantischen Verklärung, doch dies vermeidet Charrière durch den Rückgriff auf avancierte naturwissenschaftliche Evidenz und einen klaren politischen Auftrag. „Seit Jahrhunderten navigieren wir durch die Welt mit einer terrestrischen Voreingenommenheit und messen nur Landschaften Bedeutung bei, auf denen wir gehen, atmen oder die wir als unser Eigentum beanspruchen können. Die Tiefsee bleibt anders – zu fern, zu fremd, zu unnachgiebig gegenüber menschlicher Präsenz. Doch sie ist keine Leere, sondern ein Archiv, der stille Motor der planetarischen Rhythmen, die ursprüngliche Wiege des Lebens selbst.“
Charrières Kunst ist eminent politisch. Wir sprechen über einen Satz von Jules Verne („mein Held“) in seinem bahnbrechenden Buch „20.000 Meilen unter dem Meer“ von 1869: „Das Meer gehört nicht den Tyrannen. Zwar können sie an seiner Oberfläche versuchen, ihr schändliches Recht durchzusetzen, können sich bekämpfen, vernichten und allen Schrecken dieser Welt verbreiten, doch schon dreißig Fuß unter der Wasseroberfläche endet ihre Macht, ihr Einfluss schwindet, ihre Herrschaft erlischt.“ Doch eben diese Wiege ist durch die Suche nach Manganknollen und seltenen Erden gefährdet, auch unter „grüner“ Flagge, weil sie angeblich für die Energiewende benötigt werden.
Die Midnight-Expedition fand in der einschlägigen Clarion-Clippterton-Zone zwischen Hawaii und Mexiko statt, wo Konzessionen für die wissenschaftliche Exploration unter anderem an deutsche Konsortien ausgestellt wurden, die beim Ablaufen des aktuellen Moratoriums, das die hohe See als „Erbe der Menschheit“ unangetastet lassen soll, in industrielle Ausbeutung umschlagen kann, mit unabsehbaren Schäden für die Ozeane und damit für den Planeten Erde insgesamt. Donald Trump und Konsorten sehen darin einzig profitable „Ökosystemdienstleistungen“.
Der Grund des Meeres
Verantwortliche Meeres- und Biodiversitätsforscher halten dagegen, die konviviale Erforschung der Tiefsee steht noch am Anfang. Der erste Weltumsegler Fernando Magellan soll Anfang des 16. Jahrhunderts mithilfe eines 700 Meter langen Seils den Grund des Meeres auszuloten versucht haben. Da es nirgend andockte, befand er, das Meer sei unendlich tief.
Die Messmethode ist veraltet, aber die Intuition war nicht ganz falsch. Auch am vermeintlich tiefsten Punkt im Marianengraben bei 11.000 Metern endet der globale Wasserkreislauf nicht; zwischen dem oberem und unterem Erdmantel in einer Tiefe von 410 bis 660 Kilometern lagert in der Kristallstruktur des Minerals Ringwoodit Wasser, dessen Gesamtmenge drei- bis sechsmal höher geschätzt wird als die aller Ozeane zusammen. Auch im Kunstmuseum Wolfsburg, der Stadt, die fossil und fußballerisch gegen den Abstieg kämpft, erwarten die Besucher:innen ozeanische Gefühle.
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