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Filmfestspiele in CannesVon Gewalt sprechen oder sie ausüben

Der Völkermord in Ruanda und der russische Krieg gegen die Ukraine sind bei den Filmfestspielen von Cannes mehr oder minder direkt Thema.

Ruanda heute: Vénéranda (Clémentine U. Nyirinkindi) sagt in „Ben’Imana“ in einem Prozess aus Foto: Festival de Cannes

Im Vergleich zur Berlinale gilt Cannes nicht unbedingt als politisches Festival. Was aber wenig über die Inhalte der Filme sagt, die dort gezeigt werden. Filmischer Aktivismus gehört zwar nicht zur Tagesordnung, eigene Zugänge zu politischen Themen dafür schon.

Die ruandische Regisseurin Marie Clémentine Dusabejambo erzählt in ihrem Debütfilm „Ben’Imana“, der in der Nebenreihe „Un certain regard“ zu sehen ist, vom Völkermord der Hutu an den Tutsi im Jahr 1994. Sie tut dies aus heutiger Perspektive, mit gut 30 Jahren Abstand, um zu fragen, wie Tutsi mit den Wunden und der Trauer umgehen, die sie seither begleiten. Ein weiterer besonderer Zugang ergibt sich durch die Hauptfiguren, die alle Frauen sind. Überlebende des Völkermords, die ihre Männer und Kinder verloren, die vergewaltigt wurden und die jetzt nach Gerechtigkeit suchen.

Vénéranda (Clémentine U. Nyirinkindi) leitet eine Gruppe von Frauen, mit der sie über die Massaker spricht, oft in Verbindung mit Strafprozessen, in denen die Täter von damals verurteilt werden sollen. Vénéranda bemüht sich um Ausgleich und Vergebung. Als sie jedoch erfährt, dass ihre kaum volljährige Tochter Tina (Kesia Kelly Nishimwe) von einem Hutu schwanger ist und dieses Kind auch will, reagiert sie mit überraschender Härte.

Im Verlauf der Handlung wandeln sich die Rollen etwas, als Tina allmählich erfährt, warum ihre Mutter sich so verbittert zeigt. Dusabejambo filmt ihre Darsteller oft aus nächster Nähe, ergründet ihre Gesichter mit unsentimentaler Genauigkeit. Notfalls zeigt sie auch mal ein Gesicht von unter einem Schleier. Ein Film, der für eine zukünftige Annäherung zarte Zeichen der Hoffnung setzt.

Eine Mobilisierung steht bevor

Weniger Hoffnung bietet hingegen „Minotaur“ des russischen Regisseurs Andrei Swjaginzew. Das Festival boykottiert Russland seit dem Krieg gegen die Ukraine, russische Künstler jedoch nicht. So wurde dieser Wettbewerbsfilm denn auch nicht in Russland, sondern von Frankreich, Lettland und Deutschland produziert.

Die Produktionsländer brachten stattdessen anderweitig Tagespolitik in den Kinosaal: Bei der Premiere buhte das Publikum kräftig, als zu Beginn des Films der Jingle des französischen TV-Senders Canal+ auf der Leinwand erschien, der zugleich der führende französische Filmproduzent ist. Der Chef des Senders, Maxime Saada, hatte in Cannes angekündigt, er werde mit den rund 600 Schauspielern und Regisseuren, die einen Protestbrief gegen den Eigner Vincent Bolloré und dessen rechte politische Haltung unterzeichnet hatten, nicht mehr zusammenarbeiten wollen.

Um einen wenig sympathischen Unternehmer geht es auch in „Minotaur“. Gleb (Dmitry Mazurov) ist Geschäftsführer eines Transportunternehmens in einer russischen Kleinstadt. Seit einiger Zeit setzen sich seine Mitarbeiter jedoch in den Westen ab. Es ist 2022, kurz nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Eine Mobilisierung steht bevor, auch Gleb soll Angestellte auswählen, die eingezogen werden können. Zu seiner Frau Galina (Iris Lebedeva) ist die Beziehung erkaltet, er setzt einen Detektiv auf sie an, um herauszufinden, ob sie ihn betrügt.

In kalten und farbentsättigten Bildern führt Swjaginzew die Abgründe dieser russischen Oberschicht vor. So geht Gleb bei der Frage, welche seiner Mitarbeiter er in den Krieg schicken soll, ökonomisch berechnend vor. Weniger gut berechnend verhält sich Gleb dann, als er das Ergebnis der Beschattung seiner Frau erfährt. Wie dieser allzu menschliche Mensch in seinem Machtstreben dennoch seine Fassade bewahrt, passend zu seinem steril-makellosen Haus, ist stimmig gruselig.

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