Film „Spider-Man: Brand New Day“: Das Zeug spritzt ihm unkontrolliert aus den Gelenken
Omnipotenz und Adoleszenz: Der Superheldenfilm „Spider-Man: Brand New Day“ schickt seinen Protagonisten in die Selbsthilfegruppe.
In der Welt der Superhelden spielt Psychologie eine große Rolle. Für den Hulk und sein Alter Ego Bruce Banner lässt sich eine Art dissoziativer Identitätsstörung ferndiagnostizieren; Superman und noch mehr seine ältere Cousine Supergirl sind nach der Zerstörung ihres Heimatplaneten Krypton inklusive sämtlicher Familienmitglieder mindestens traumatisiert. Batmans Abgründe bei der Gewaltanwendung wurden mehrfach thematisiert – das „Arkham Asylum“, langfristiger Aufenthaltsort von Psycho-Schurken wie dem „Joker“ und seiner Verehrerin Harley Quinn, schien langsam auf ihn abzufärben.
Bei Spider-Man steckt die psychologische Sollbruchstelle bereits im Namen: Peter Parker ist weniger Mann als eher ewiger Heranwachsender. Selbst wenn Schauspieler Tom Holland, der dem nachbarschaftlichsten aller Superheld:innen schon in sechs MCU-(„Marvel Cinematic Universe“-)Filmen, drei davon Solo-Abenteuer, seinen athletischen, aber arachnidatypisch kleinen Tänzerkörper zur Verfügung stellte, mittlerweile 30 Jahre zählt und kürzlich Spider-Mans Film-Flamme MJ (Zendaya) gar in echt ehelichte: Spidey steckt in der Phase zwischen Fisch und Fleisch, in seinem Fall zwischen Spinne und menschlichem Twen fest.
Für sämtliche Beteiligten des Sequels „Spider-Man: Brand New Day“, inszeniert vom Marvel-erfahrenen Regisseur Destin Daniel Cretton, ist das misslich. Denn dass Spider-Man das Wissen um seine im letzten Film aufgedeckte Peter-Parker-Identität aus dem Gedächtnis der Welt, und damit auch dem von MJ und Cliquenkumpel Ned (Jacon Batalon) gelöscht hatte, bedeutet neuerliche Einsamkeit für den schüchternen Parker, der zudem noch unter dem Verlust seiner Tante May leidet. Parker/Spidey tut, was man in einem solchen Fall tut, aber nicht tun sollte: Er pfeift auf die Work-Life-Balance und schüttet sich mit Arbeit zu. Fast im Alleingang, so frohlocken im furiosen Auftakt des Films die Zeitungen, habe Spider-Man die Kriminalitätsrate New Yorks minimiert.
„Spider-Man: Brand New Day“. Regie: Destin Daniel Cretton. Mit Tom Holland, Zendaya u. a. USA 2026, 145 Min.
Doch natürlich gibt es neue knifflige Herausforderungen. Einerseits führt Spideys soziale Isolation zu Mutationen wie dem „organic webbing“, der Superheld leidet unter Spinnennetz-Pollution, weil ihm das Zeug plötzlich unkontrolliert aus den Gelenken spritzt; andererseits erhöht sich zwar seine Körperstärke, aber auch die Neurodivergenz: Spideys mutiertes Hirn wird von der urbanen Reizüberflutung lahmgelegt.
Gleichzeitig taucht eine neue Gegenspielerin auf, deren Superkraft komplett auf der mentalen Ebene liegt – eine als Jean Gray enthüllte Supertelepathin, die allein mit ihrem Geist mühelos jeden Menschen innerhalb eines bestimmten Radius mental okkupieren und ihn damit zu ihrem Spielzeug machen kann. Gray (Sadie Sink) hat ein Hühnchen mit dem „Department of Damage Control“ zu rupfen, das sie für das Verschwinden ihrer Schwester verantwortlich macht. Dabei schreckt sie auch vor der Bedrohung des superheldenerfahrenen New York nicht zurück.
Angst vor einer Hungersnot
Der Name Jean Gray lässt bei Marvel-Afficionados die Ohren klingeln: Als Originalmitglied der Mutant:innen-Clique „X-Men“ ist sie eine der ältesten und interessantesten Held:innen. Die Drehbuchautoren Chris McKenna und Eric Sommers haben ihr Script zudem mit kleinen Nerd-Gags gespickt, die auch aus „The Big Bang Theory“ stammen könnten und eine liebevolle Verbindung zwischen MCU und Realität schaffen: Wenn der Ultrabösewicht Thanos doch so eine Heidenangst vor einer Hungersnot hat, will eine neunmalkluge Studierende vom als Dozenten arbeitenden Bruce Banner (Mark Ruffalo) wissen, wieso er dann mit seinem alles könnenden Infinity-Handschuh nicht einfach genug zu essen schaffe? Das gibt Banner zu denken.
Und während Spidey, mehr oder weniger flankiert von MJ und Ned, dem Raue-Schale-weicher-Kern-Schläger „Punisher“ (Jon Bernthal), der ihre Gäste neuerdings im Badehaus empfangenden Black Widow (Florence Pugh) und dem sich mit hulktypischen Problemen abmühenden Banner, der Bedrohung habhaft zu werden versucht, wächst ein neues (Spinnen-)Netz um all die Figuren. Eines, das mehr mit Familie als mit Action zu tun hat: Zwar sind die Kämpfe ebenso rasant und schwindelig machend wie Spideys Schwing-Choreografien von Scyscraper zu Scyscraper, und zwischen K.-o.-Schlag und Gebäudeexplosionen passt nicht mal ein „Wow!“. Doch selten wurde in einem Marvel-Film gleichzeitig so viel Beziehungs- oder zumindest Selbsthilfegruppenarbeit geleistet.
Wie um die angesprochenen psychologischen Aspekte zu unterstreichen, geht es um weinende Männer, um Einsamkeit, Verzweiflung und Verlust und darum, was dieser Schmerz mit der Psyche anstellt. Spideys Heilmittel – neben den vom hübsch anachronistisch hergerichteten New York und seinen Bewohner:innen gefeierten Spinnenkräften – sind dabei Freundschaft, Ehrlichkeit und Liebe. Ach, wäre New York doch nur in Wirklichkeit so. Denn anders als im realen Leben lässt sich mit einer verletzten Seele wie Jean Gray wenigstens reden.
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