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Film „Everytime“Sie kann nicht mehr weinen

In ihrem Spielfilm „Everytime“ erzählt Sandra Wollner von Verlust. Dabei arbeitet sie formal präzise mit vielen Auslassungen, Leerstellen und Überraschungen.

Es braucht nur eine Unachtsamkeit, einen falschen Schritt, und das Leben ist vorbei. Ein freier Fall in den Abgrund im warmen Licht der Morgendämmerung. Jessi (Carla Hüttermann) und ihr Freund Lux (Tristán López) wollten die Nacht nach einem Rave nicht enden lassen. Eine gemeinsame Afterhour auf einem Dach, irgendwo in Berlin. Die Stadt erwacht erst langsam. Drogen sind im Spiel, eine ausgelassene Verliebtheit, Handyfotos werden gemacht.

Wenige Stunden später sollte Jessi mit ihrer Mutter und der kleinen Schwester nach Teneriffa in den Urlaub fliegen. Ihr Tod passiert still und beiläufig. Am rot aufschimmernden Horizont leuchtet die Sonne, eine gleichgültige Beobachterin, als wäre nichts geschehen.

Die österreichische Regisseurin Sandra Wollner und ihr Kameramann Gergory Oke, der bereits für Charlotte Wells’ „Aftersun“ (2022) traumwandlerische Bilder entwarf, inszenieren diesen Moment in unerbittlicher Schönheit. Ein langer Schwenk über die Dächer Berlins. Jessi und Lux sind auf die Entfernung erst gar nicht zu erkennen. Nur langsam erscheinen sie durch den extrem ausgedehnten Kamerazoom immer deutlicher im Bild.

Der Film

„Everytime“. Regie: Sandra Wollner. Mit Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling u.a. Deutschland/Österreich 2026, 123 Min.

Ein Vogel fliegt über sie hinweg, frei vom irdischen Gewicht. Die Kamera folgt ihm, wandert an den Fensterfronten der Wohnhäuser entlang, ehe Jessi fällt. Einzig vereinzeltes Vogelgezwitscher und das entfernte Brummen einer Kehrmaschine sind in der friedlichen Ruhe des Morgens zu hören.

Ergründen und Freilegen von Zuständen

Das Kino von Sandra Wollner ist eigen. In seiner formalen Präzision folgt es keiner konventionellen Dramaturgie, keiner emotionalen Zuspitzung, keiner stringenten Figurenpsychologie. Vielmehr arbeitet es mit Auslassungen und Leerstellen. Ihr Kino ist ein assoziatives Ergründen und Freilegen von Zuständen des Menschseins jenseits eingeübter Erzählmuster.

In ihrem dritten Spielfilm „Everytime“, der dieses Jahr in Cannes den Hauptpreis der Nebenreihe „Un Certain Regard“ gewann und zum großen Kritikerliebling avancierte, verzichtet sie auf das Erzählen des Kurz-Danach, des Nicht-Wahrhaben-Wollens, der hereinbrechenden Emotionen angesichts der Tragödie.

Der Film setzt erst ein Jahr nach Jessis Tod wieder ein, als es für ihre Mutter Ella (Birgit Minichmayer) schon zur Gewohnheit wurde, an das Grab zu gehen und nebenbei noch ein Arbeitsgespräch zu führen. Als alleinerziehende Mutter versucht sie, den Alltag mit ihrer jüngeren Tochter Melli (Lotte Shirin Keiling) auf die Reihe zu bekommen. Lux, der kurz vor seinem Abitur steht, sucht sein Lebensglück in einer neuen Beziehung.

In einem Kiosk laufen sich die drei wieder über den Weg. Vor allem Lux ist es, der daraufhin den Kontakt sucht. Er lädt Ella und Melli zu seinem Geburtstag ein, begleitet beide zu einem Besuch bei Jessis Vater und den Großeltern, oder kommt Mellis Bitte nach, mit ihr Minecraft zu spielen. Jenes Videospiel, das sie immer mit Jessi spielte, bei dem aus würfelförmigen Blöcken eine Welt ganz nach den eigenen Vorstellungen erschaffen werden kann.

Sie geht den gleichen Weg auf Drogen

Meist sind es flüchtige Blicke und kleine Gesten, in denen sich der Schmerz zeigt. Birgit Minichmayr spielt ihre Rolle als gefasste und stoische Mutter, die sich nicht erlaubt, nicht zu funktionieren. In der Härte ihres Gesichts meint man einen Menschen zu erkennen, der einfach nicht mehr weinen kann. In Tristán López’ abwesendem Blick liegt die Schwere eines innerlich zerrissenen Menschen. Lux ist geplagt von Schuldgefühlen, bittet um Vergebung, die Ella ihm nicht geben kann.

Schließlich waren es seine Drogen, die Jessi genommen hat, auf einem Dach, auf das sie nie hätten steigen dürfen. Sie bittet ihn jedoch, ihr die gleichen Drogen zu geben, die er Jessi gegeben hat, und mit ihr den gleichen Weg zu gehen, den sie an jenem Morgen gegangen sind. Um irgendwie zu verstehen, was ihre Tochter sah und dachte, bevor sie starb.

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Trailer „Everytime“

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Der Verlust von Menschen ist immer auch mit Erinnern verbunden. Ein Thema, das Sandra Wollner bereits in „The Trouble With Being Born“ aufgriff. In dem so abgründigen wie viel gefeierten Film spürt sie anhand eines humanoiden Roboters, dem die Erinnerungen an verstorbene Menschen einprogrammiert werden können, der Frage nach, wie sehr Identität und Gedächtnis miteinander verschränkt sind.

In „Everytime“ sind es digitale Aufzeichnungen, in denen sich die Erinnerungen manifestieren. Lux hört sich Sprachnachrichten von Jessi an. Melli sucht Trost in alten Videoaufnahmen ihrer Schwester, etwa von einem Urlaub auf Teneriffa, als Jessi noch ein Kleinkind war. Oder im gemeinsamen Whatsapp-Verlauf. Immer wieder schreibt sie ihrer Schwester Nachrichten aus ihrem Leben – in der irrationalen Hoffnung auf eine Antwort.

Die Frage nach dem Blick

Wollner erklärt nicht, sie zeigt nur. Und das gelingt ihr in formvollendeter Schönheit, wobei sie hier und da kleine Irritationen einstreut. Etwa zu Beginn des Films, als jemand außerhalb des Bildes in einer Fußgängerunterführung einen Unfall hat. Alle drehen sich um, blicken in die Richtung. Doch niemand hilft, niemand bleibt stehen. Oder am frühen Morgen, kurz vor ihrem Tod, dreht sich Jessi unvermittelt um und blickt in die Leere einer von Bäumen gesäumten Straßenbahnlinie. Wem schaut sie hinterher?

Als ihre Mutter ein Jahr später an der gleichen Stelle steht, geschieht ihr das Gleiche. Wer steht dort, wer schaut sie an? Die Frage nach dem Blick durchzieht den Film. Immer wieder nimmt die Kamera die Perspektive eines distanzierten Beobachters ein. Eine unsichtbare Instanz, die wie die Sonne nur teilnahmslos zuschaut und das Geschehen geschehen lässt.

Sandra Wollners Art des Filmemachens ist von einer großen Neugier getrieben, die dem Möglichkeitshorizont des Kinos nachspürt. Ihre Filme sind keine Spiegelungen gegenwärtiger Verhältnisse. Vielmehr wollen sie mit den Freiheiten des Kinos die Beschränkungen unserer Wirklichkeit überwinden. In „Everytime“ lässt sie gewissermaßen die Gesetzmäßigkeiten der Welt aus den Fugen heben. Oder anders ausgedrückt, „das Universum faltet sich zusammen und bildet eine neue Realität, in der alte Mini-DV-Aufnahmen ein seltsames Eigenleben entwickeln“, wie sie es selbst in einem Interview ausdrückt.

Ella beschließt kurzerhand, mit Melli und Lux nach Teneriffa zu fliegen, um jenen Urlaub zu machen, der nie stattgefunden hat. Dort, inmitten der schroffen und vulkanischen Kulisse der kanarischen Insel, einer Trauer- und Traumlandschaft im gleißend-klaren Sonnenlicht, passiert etwas, das eigentlich nicht sein kann, als Antwort auf einen Verlust, der eigentlich nicht sein darf.

Die Sonne ist das Leitmotiv in diesem so rätselhaften wie faszinierenden Film. Das letzte Foto, das Jessi macht, zeigt die aufgehende Sonne in einem herangezoomten Pixelbrei. Ihr Freund trägt den Namen Lux. Bedeutsame Momente tragen sich im warmen Licht der Morgen- oder Abenddämmerung zu. Auf Teneriffa findet eine Gruppe Kinder eine Leuchtrakete und schießt sie der Sonne entgegen. Gleichsam ein Notsignal, das erhört wird, woraufhin die Welt innehält und sich nicht mehr weiterzudrehen scheint.

Die Sonne, am Horizont stehend wie ein viereckiger Bauklotz aus Minecraft, geht an diesem Abend zumindest nicht mehr unter. Ein Neuanfang, in dem sich das Vergangene und das Zukünftige überlagern, erzählt in Bildern, wie sie nur das Kino zu zeigen vermag.

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