piwik no script img

Feministischer SommerkongressGegen die Zersplitterung

Zwei Tage, volles Programm: In Workshops und Panels tauschen Fe­mi­nis­t:in­nen ihre Perspektiven aus. Ein erster Schritt, Differenzen zu überwinden.

Generationenkonflikte und Grabenkämpfe spalten die feministische Bewegung dieser Tage. Ein Versuch, wieder mehr an einem Strang zu ziehen, ist der Feministische Sommerkongress. Ins Leben gerufen hat ihn der Landesfrauenrat Berlin e. V., ein Zusammenschluss verschiedener feministischer Organisationen, darunter Verbände, Parteien, Kirchen und Gewerkschaften. Mehr als 400 Frauen sind dafür am Wochenende zum ersten Mal zusammengekommen.

„Zukunft feministisch gestalten“, lautet das Motto des Kongresses, das auf lila Bannern in der Halle verteilt zu lesen ist. „Wie verstehen wir überhaupt feministische Gestaltung? Es gibt ja viele Feminismen“, sagt Christine Kurmeyer, Vorsitzende des Landesfrauenrats und Mitorganisatorin des Kongresses.

Ein Problem sieht sie derzeit in fehlendem Zusammenhalt feministischer Strömungen: „In den 70er Jahren gab es eine sehr starke, sehr einige Frauenbewegung. Die letzten 20 bis 50 Jahre wurde die feministische Bewegung auseinanderdividiert.“ Es brauche, so wie damals, eine Einigung auf einen Minimalkonsens: „Wir müssen wieder mehr auf unsere Gemeinsamkeiten schauen, nicht nur auf das, was uns trennt.“

Wir müssen lernen, mit der Differenz zu leben

Christine Kurmeyer, Vorsitzende Landesfrauenrat Berlin e.V.

Auf Nachfrage der taz, ob es überhaupt immer möglich ist, einen Konsens zu finden, entgegnet Kurmeyer: „Wir müssen lernen, auch mit der Differenz zu leben.“ Das sei kompliziert, gibt sie zu – „aber kompliziert ist das Gegenteil von rechtspopulistisch.“ Wichtig sei es, im Gespräch zu bleiben, solange es in einem demokratischen, rechtlichen Rahmen bleibe, ergänzt sie.

Für Sonntagnachmittag waren auch Ver­tre­te­r:in­nen von SPD, Grünen, Linke und CDU eingeladen. Die gesammelten Forderungen der Kongressteilnehmenden an die Po­li­ti­ke­r:in­nen umfassen unter anderem die Streichung des § 218 aus dem Strafgesetzbuch und damit eine vollständige Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Im Sinne einer geschlechtergerechten Stadtentwicklung fordern sie beispielsweise eine „dauerhafte und ausreichende Finanzierung aller Housing First-Projekte Berlins“, insbesondere für Frauen.

Ins Gespräch kommen

In Workshops, Panels und Ausstellungen geht es um Themen wie sexuelle Selbstbestimmung, Stadtplanung und Gesundheit – insgesamt elf thematische Schwerpunkte. Auch interaktive Formate wie Selbstverteidigungs- oder Trommelkurse gehören zum Programm. Diese Fülle des Angebots mache den Kongress aus, so Kurmeyer: „Wir wollen alle dabei haben – Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen, und auch einfach interessierte Frauen.“

Angesichts aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, nicht zuletzt erstarkendem Antifeminismus, brauche es eine gemeinsame Strategie, heißt es in der Eröffnungsrede. „Im September sind Wahlen hier in Berlin, und der Rechtsruck macht uns allen zu schaffen“, sagt Kurmeyer.

Im Workshop „Intersektionalität: Feministische Perspektiven im Austausch“ fragt eine ältere Dame, was denn „diskriminierungskritisch“ bedeute. In solchen Momenten zeigt sich: Bevor gemeinsame Forderungen diskutiert werden können, muss erst einmal eine gemeinsame Sprache gefunden werden. Anglizismen, die von den Jüngeren im Raum verwendet werden, stoßen bei der älteren Generation auf Unverständnis. Doch man kommt sich entgegen, indem man gemeinsame Definitionen für diese Begriffe findet.

Bahar C. engagiert sich als junge Frau bei Cênî, dem kurdischen Frauenbüro für Frieden e. V. Berlin. Dort sei ein intergenerationaler Austausch ein selbstverständlicher Teil feministischer Praxis, sagt sie: „Es geht nicht darum, Konflikte zu befeuern, sondern voneinander zu lernen.“ Es sei wichtig, einen offenen Raum zu schaffen, in dem Frauen verschiedener Lebenssituationen und Haltungen koexistieren und „miteinander divers sein“ können, sagt Bahar C.

Mit Blick auf den Feministischen Sommerkongress fällt, dass vor allem weiße, mittelalte oder ältere Frauen anwesend sind. Auf die „Abstufungen von Privilegien“ innerhalb feministischer Kreise weist auch Annika K. hin, die selbst einen Workshop gegeben hat. „Ich wünsche mir sehr, dass es mehr Solidarität untereinander gibt“, sagt sie.

Dieser Aufgabe ist sich Christine Kurmeyer für die Zukunft bewusst. „Ein Follow-up ist, glaube ich, unabdingbar“, meint Christine Kurmeyer. Denn: Ein Kongress allein wird die feministische Bewegung wohl nicht einen – „aber diese Energie darf nicht verloren gehen“, schließt Kurmeyer.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Produkt-Arrangement bestehend aus dem bunt gemusterten „feministaz“-Halstuch, einer gedruckten taz-Sonderausgabe und einem Smartphone, das die digitale taz-Titelseite mit einer lila Faust zeigt.

10 Wochen taz testen + feministisches Halstuch

Gerade jetzt ist die Sichtbarkeit solidarischer Stimmen wichtiger denn je – für Frauen und FLINTA* weltweit. Teste die taz jetzt und erhalten unser neues feministisches Halstuch als Prämie dazu.

  • Erhalte das exklusive Tuch als Prämie – so attraktiv kann Solidarität sein!
  • Lies 10 Wochen die taz: Montag bis Freitag digital, samstags die gedruckte wochentaz
  • Limitierte Stückzahl, schnell sein lohnt

taz zur Probe + Tuch für nur 29 Euro

Jetzt bestellen

0 Kommentare