Fehler in der Infektionsgemeinschaft: Ich bestelle Führung, Herr Scholz!

Warum führt der Bundeskanzler nicht? Warum setzt Habeck bei Söder auf Osmose? Und warum überzeugt Baerbock auf eine überraschende Weise?

Habeck und Scholz im Bundestag

Habeck zu Scholz: Bist du nicht der Kanzler? Foto: dpa

Die Minderjährige, die zu meiner Infektionsgemeinschaft gehört, findet, ich „faile“ total, wenn es darum geht, Fehler einzugestehen. Ich stelle hierzu fest: Es stimmt. Es fällt mir schwer, sie überhaupt zu erkennen. Jüngst ploppten beispielsweise drei Mails mit dem Betreff „Ihre Rechnung von Apple“ auf. Die E-Mail-Adresse der Minderjährigen war darin zu finden und die Angabe einer Spiele-App für summa summarum 89,92 Euro. Ich kreischte kurz auf und öffnete die Tür der Gefahrenzone.

Das war ein großer Fehler. Erstens: Betreten der Privatsphäre ohne Erlaubnis. Zweitens: Die Minderjährige war das nicht und weiß gar nicht, wovon ich eigentlich rede. Da muss sich jemand bei Apple geirrt haben. Drittens: Dass ich sie überhaupt beschuldige – begleitet von einem wirklich sehr glaubwürdigen Gesichtsausdruck –, ist sehr verletzend und verdirbt uns als Familie jetzt den ganzen Abend.

Dass sie jetzt noch mit mir Schach („du bist sooo schlecht“) oder Rummy („ich bin einfach schlauer als du“) spielt, kann ich voll vergessen. Viertens: Ich würde nicht einmal zugeben, dass ich mit meinen ungerechtfertigten Anschuldigungen einen Fehler gemacht habe. Ich würde überhaupt niiiieee etwas zugeben. Tür zu, sie muss erst mal die Freundin anrufen.

Die Minderjährige wirkte so überzeugend wie der scheidende grüne Geschäftsführer Michael Kellner, wenn er von den Wahlerfolgen seiner Partei spricht. Oder wie die neue grüne Co-Parteivorsitzende Ricarda Lang, wenn sie erklärt, dass die staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen der Corona-Boni überhaupt kein Aufreger sind. Wurden doch zurückgezahlt! Man kann übrigens laut Duden tatsächlich – wie Lang es tat – „Bonusse“ sagen, so ein aufmerksamer Kollege. Ein Fehler meinerseits.

Und hier noch ein Fehler, ein sehr großer sogar: Olaf Scholz. „Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie auch“, hat er gesagt. Viele wundern sich nun, warum er nicht führt. Will er nicht? Kann er nicht? Überfordert ihn die Rolle der Kanzlerin? Die einfache Antwort: Ich habe leider vergessen zu bestellen! Es ist alles meine Schuld, ich gebe es zu. Deutschland taumelt durch die Corona- und Ukrainekrise, nur weil die Bestellung fehlt. Ich hole dies nun schnell nach: Einmal Führung bitte, Herr Scholz!

Um Scholz ist es so still und leise, dass ich eine Weile schon dachte, Superklimawirtschaftsminister Robert Habeck hätte jetzt einfach ungefragt die Führung übernommen mit seinen neuen Vizekanzlerschuhen. Er fuhr sogar zu Markus Söder, um ihm im gemeinsamen Gespräch zu erklären, wie er sich künftig die Entscheidungen des bayerischen Ministerpräsidenten vorstellt.

Habecks Verhandlungstaktik erfolgt nach dem Diffusionsprinzip, wie er mal in einer Parteitagsrede erläuterte. Die Ideen des Superklimawirtschaftsministers diffundieren in Söders Hirn hinein und gehen dort eine osmotische Verbindung ein. Schon ist Söder von Öko-Patriotismus beseelt – ein Wort, das Habeck erst diese Woche in Deutschland hineindiffundiert hat.

Außenministerin Annalena Baerbock hätte ihre werteorientierte Außenpolitik auch gerne in Sergei Lawrow hineindiffundiert. Doch er hat seine Membranen zubetoniert. Ist nicht ihr Fehler. Ich bin voller Bewunderung für den Versuch. Überhaupt will ich mich in Zukunft stärker an der Außenministerin orientieren: Zu jedem Outfit die farblich passende FFP2-Maske. Hellgrau zum schwarzen Mantel, schwarz zum roten Mantel, dunkelblau zum dunkelblauen Kostüm, auch taubenblau und fliederfarben war schon im Angebot.

Ich müsste einfach mehr shoppen gehen, wie auch die Minderjährige findet. Sie tut dies sehr gerne in meiner Begleitung, denn über meine beiden Arme lassen sich unheimlich gut die Klamotten stapeln, die sie gerne anprobieren möchte. Und aus meiner Geldbörse lassen sich auch wunderbar die Kleidungsstücke, die Gefallen finden, erwerben. Ist ja nicht ihr Fehler, dass sie nichts verdient.

Ich wünschte, die taz-Geschäftsführung würde mehr Geld in mein Konto reindiffundieren. Aber immerhin: Ich muss keinen Corona-Bonus zurückbezahlen.

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