False-Flag-Vermarktung der Band Geese: Algorithm kills the Indiehype
Der kometenhafte Erfolg der New Yorker Band Geese wurde von einer KI-Bot-Firma angezettelt. Chronologie eines Skandals.
Man konnte schon misstrauisch werden: Ein derart kometenhafter Aufstieg wie der, den die US-Progrockband Geese in den letzten Monaten vollführt hat, schien eigentlich nicht mehr möglich. Urplötzlich waren sich alle einig, dass die New Yorker Band Gitarren und Rebellentum wieder gesellschaftsfähig gemacht hat.
Obwohl bereits lange vor der Covidpandemie eher Pop- und Rapstars statt Rockbands große Hallen füllten. Zudem hatte sich „Indie“, eigentlich eine ökonomische Entscheidung, seit Ende der 1990er als Genrebezeichung und Demarkationslinie zwischen den Generationen etabliert.
Für einen Moment war sie wieder zum Greifen nahe, die große, scheinbar alles einende kulturelle Erzählung, auf die sich die Jugend trotz aller sonstigen Unterschiede verständigen kann. Auch eine ausverkaufte Deutschlandtour im Frühjahr 2026 zeigte: Der Hype um Geese ist globalisiert. Wird das Quartett aus Brooklyn also die Nachfolge der Strokes antreten?
Geese existiert bereits seit 2018, doch erst das letzte, das vierte Album „Getting Killed“ schlug 2025 ein. Nun kommen Details ans Licht, die diese sagenhafte Aufstiegsgeschichte um eine unrühmliche Facette erweitern: Hinter dem Großerfolg steckt nicht etwa der entbehrungsreiche Grind jahrelangen Tourens im Minivan, sondern eine PR-Agentur namens „Chaotic Good“, zu deren Dienstleistungen auch die Entwicklung von „narrativen Kampagnen“ gehört.
Binnen Sekunden
Mit KI werden zahllose vermeintlich authentische Accounts in sozialen Netzwerken angelegt, die durch positive Kommentare und Interaktionen den Eindruck erwecken, die Fanbase der Band sei in Wirklichkeit viel größer. Tritt Geese live auf, flutet ein Botnetzwerk Kommentarspalten in sozialen Medien binnen Sekunden und lobt ihre Musik hundertfach in den höchsten Tönen.
Diese durch KI-Modelle gestalteten Interaktionen werden durch die Algorithmen sozialer Netzwerke als menschlich bewertet und schließlich viral von echten Menschen ausgespielt. Spielt die Band zu Beginn einer solchen Kampagne also noch in einem Raum voller Roboter, mischen sich mithilfe anderer Roboter langsam immer mehr echte Menschen ins Publikum.
Die sind eigentlich nur noch ab dem Punkt der Wertschöpfungskette notwendig, an dem es um Profite geht. Bislang können KI-Modelle viel generieren, Bild, Text und Code – jedoch kein echtes Kapital. Im Gegenteil: Die KI-Blase ist mindestens doppelt so groß wie die Dotcom-Bubble der frühen Nullerjahre, aber aufgrund hoher Ressourcenkosten und dürftiger Rendite mindestens ebenso fragil.
Justin Bieber und Dua Lipa
Der Geese-Scoop schlug erwartungsgemäß hohe Wellen, denn um welche Stratosphären es hier geht, wird beim Blick auf die Klientenliste deutlich: Neben Geese zahlen Superstars wie Justin Bieber und Dua Lipa für die Dienste von Chaotic Good. Dass strategisches Vorgehen unter falscher Flagge einen nicht unerheblichen Widerspruch zur Idee von Rock ’n’ Roll aufreißt, merkte man indessen auch beim Management der New Yorker Band: Kurz nach Bekanntwerden verschwanden alle Hinweise auf Geese von der Chaotic-Good-Webseite.
Ebenso erwartungsgemäß riefen die Enthüllungen die Apologeten der neoliberalen Kulturfabrik auf den Plan, die mit der üblichen Überheblichkeit gratulierten, Kritiker:Innen an der schamlosen Vermarktung von Popmusik hätten nun endlich verstanden, was Kommerz sei. Ist Geese also bloß smarter Player im Metaverse?
Dann würde man ja nur das alte Lied von der Alternativlosigkeit des Status quo nachsingen. Geese entspricht genau der Art von drückebergerischem Komplizentum, das der britische Kulturkritiker Mark Fisher in seiner Flugschrift „Kapitalistischer Realismus“ als kulturelle Logik des Spätkapitalismus identifiziert. Sie scheint beinahe auf „zellulärer Ebene“ mit uns und allen gesellschaftlichen Vorgängen verwachsen zu sein.
Künstlich verknappt
Wie auch in herkömmlichen Produktionsverhältnissen wird dabei geleugnet, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Bedingungen, unter denen künstlerische Werke produziert werden, und der Erfahrung ständigen Mangels, in die Künstler, Publikum und Werk gebracht werden.
In dieser menschenleeren, von Siliziumsandstürmen heimgesuchten Einöde gibt es außer den großen Medienmonopolen und ihren Zulieferern wie Chaotic Good nur Verlierer. Welcher Fan lässt sich schon gerne erzählen, blind durch das künstlich hergestellte Rockparadies von KI-PR getorkelt zu sein? Welcher Kritiker kann jetzt noch zurückrudern und zugeben, dem neuesten Schwindel der Musikindustrie aufgesessen zu sein?
Man hat die vermeintlichen Gatekeeper der Vergangenheit (Journaille, A&R, Promotion) durch gewissenlose Online- Vermittlungsformen ersetzt, in deren Maschinenwelt man lieber Content sagt statt Kunst: Wo viel Geld investiert wird, muss künstlerischer Erfolg planbar werden, und Inhalt wird zur Variablen. Den im kapitalistischen Realismus unerträglichen Zustand, dass der Wert von Kunst eben nicht ohne Weiteres quantifizierbar ist, hat man durch den Betrug ersetzt, mit viraler Reichweite gelänge dies auf „demokratische“ Weise doch.
Wahrheit ist aus der Mode
Zur Wagnis von Kunst gehört jedoch auch die Möglichkeit, ungehört zu bleiben, missverstanden zu werden und vielleicht auch mit einem glaubwürdigen Lied zu scheitern, weil sich der Zeitgeist um Wahrheiten nicht mehr schert.
Wie sehr das unsere Wahrnehmung schon jetzt verändert, sieht man am Beispiel der kanadischen Band Angine de Poitrine. Die Mathrock-Weirdos aus Québec erfahren im Vorfeld ihrer bevorstehenden Tour im Herbst gerade einen ähnlichen Hype wie Geese zu Jahresbeginn. Dass uns eine unwahrscheinliche Kombination wie Mathrock und Mainstream-Alarm nun mit einem Unbehagen zurücklässt, ist die eigentliche „narrative Kampagne“ von Chaotic Good.
Wie „Indie“ klingt auch die Formel „Don’t Believe the Hype“ heute wie eine Floskel, obwohl sie so notwendig ist wie nie zuvor. Nur: Als gültige Wahrheit wird sie uns der Algorithmus kaum in den Feed spülen.
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