Fall Fernandes und Ulmen: Der Zorro für Männer
Christian Ulmen hat sich den bekannten Medienanwalt Christian Schertz an seine Seite geholt. Schertz vertrat auch Rammstein-Frontmann Lindemann. Geht’s noch?
K ein Witz, ich bin’s. Steffen war so nett, seinen Platz für mich zu räumen, denn ich hab so Jucken. So deep Reality-Jucken.
Wenn ich die Fälle, in denen prominenten Männern – nennen wir es mal zärtlich – übergriffiges Verhalten vorgeworfen wird, richtig im Kopf habe, meldet sich nach ersten Medienberichten ein Anwalt für Presserecht und versucht mit allen möglichen Mitteln weitere Berichterstattung zu verhindern. Das ist oft Dr. Christian Schertz. Er ist so eine Art Zorro für Männer, und sein Tun bleibt nicht ohne Wirkung.
Wie im Fall Till Lindemann von Rammstein wird die Berichterstattung weniger und weniger, die Stimmen leiser und leiser, weil die Eventualität, mit kostenintensiven und nervenaufreibenden Prozessen und Schadensersatzforderungen überzogen zu werden, abschreckt. Vor allem die Frauen, die die Männer der Übergriffe bezichtigen und die oft weder Geld noch Machtapparat noch Öffentlichkeit hinter sich haben.
Und nun Christian Ulmen. Der von seiner Ex-Frau Collien Fernandes bezichtigt wird, gefälschte Pornofilme und -fotos von ihr verbreitet und in ihrem Namen Social-Media-Accounts betrieben und mit Männern Sex-Talks geführt zu haben. Der Spiegel veröffentlichte dies.
Gibt es unwahre Tatsachen?
Ulmen dementiert nicht, zeigt Fernandes nicht wegen Verleumdung an, sondern schickt Dr. Schertz ins Feld, um weitere Berichterstattung vor dem Hintergrund zu untersagen, die Darstellung sei einseitig.
Geiles Ding! Christian Ulmen lehnt die Aufforderung des Spiegels, sich zu äußern, ab, und sein Anwalt sagt: „Geht nicht, zu einseitig!“?!? Und argumentiert zudem, der Spiegel veröffentliche „unwahre Tatsachen aufgrund einseitiger Schilderung“. Das hätte ich gern mal erklärt. Schließlich ist eine Tatsache ein Umstand, eine Gegebenheit. Sie kann nicht „unwahr“ sein.
Wäre sie nicht wahr, wäre sie keine Tatsache, sondern eine Behauptung, eine Annahme, eine Mutmaßung, eine Lüge. Kann es sein, dass der Rächer der vermeintlich Entehrten eine „Tatsachenbehauptung“ meint? Aber wieso schlampt er? Warum ist er so unpräzise?
Bros helfen sich
Oder bin ich zu doof? Hätte ich mal lieber Jura studieren sollen, um da mitreden zu können? Und um vor allem zu verstehen, wie es sein kann, dass ständig prominente Männer, denen sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden und die sich Schertz und seiner Kanzlei anvertrauen, unbeschadet davonkommen, während die Frauen am Ende als unglaubwürdig gelten und ihre Reputation dahin ist?
Aber klar, Ulmen ist ein Mann. Also eilt ein anderer Mann ihm zu Hilfe, um das Gegenüber mundtot machen. So machen das Bros. Weil sie es können. Es heißt, die Scham müsse die Seite wechseln. Es wäre schön, wenn sie auch in den Anwaltskanzleien ankäme.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert