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Fahrradexpertin über Winter und Politik„Krachend durchgefallen“

Die Berliner Radverkehrspolitik sei katastrophal, sagt SuSanne Grittner vom ADFC. Genauso fatal wie der Zustand der Radwege bei Eis und Schnee.

Auf den winterlichen Straßen Berlins ist es mit dem Rad derzeit schwer, sicher voranzukommen Foto: Florian Gaertner/imago

Interview von

Plutonia Plarre

taz: Frau Grittner, als passionierte Radfahrerin legen Sie im Jahr bis zu 12.000 Kilometer zurück. Fahren Sie auch bei den aktuellen Witterungsverhältnissen?

SuSanne Grittner: Ja, ich habe ein entsprechendes Winterfahrrad. Das hat ein bisschen breitere Reifen mit Metallteilchen, sogenannten Spikes. Mit denen kann man selbst bei Glatteis bremsen und lenken und rutscht nicht.

taz: Das Gefühl, mit dem Rad, salopp gesagt, auf die Schnauze zu fliegen, kennen Sie demnach nicht?

Grittner: Doch (lacht), bis ich mir vor 15 Jahren Spikereifen gekauft habe. Das ist wirklich eine Lebensversicherung, seitdem habe ich mich nie mehr hingelegt. Wenn Kanten oder Eisplatten auf der Straße sind, muss man trotzdem vorsichtig fahren, aber man ist weiter manövrierfähig, wenn die Fläche sehr glatt wird.

Im Interview: SuSanne Grittner

geboren 1969, ist Vorstandsmitglied des ADFC und zuständig für Verkehrssicherheit, Geisterräder und Demonstrationen, wie die Fahrradsternfahrt. Sie hat kein Auto und legt im Jahr bis zu 12.000 km mit dem Rad zurück. Hauptberuflich ist sie Meteorologin und Klimatologin und beim Bundesumweltamt tätig.

taz: Was raten Sie Radfahrenden, die keine Spikes haben?

Grittner: Das muss jede und jeder selbst einschätzen. Auf gewohnten Strecken weiß man, wenn unter dem frischen Schnee noch Glatteis vom Vortag ist. Bei ungewohnten Strecken wird es schwieriger. Mit einem normalen Rad würde ich da dann nicht mehr fahren. Generell empfehlen wir, die Luft ein bisschen abzulassen, dass die Reifen eine breitere Auflage haben. Und den Sattel ein bisschen tiefer stellen, sodass man sich zur Not mit beiden Beinen gleichzeitig auf der Fahrbahn abstützen kann. Besonders wichtig zu wissen ist: Sind die Radwege nicht geräumt, entfällt die Benutzungspflicht. Sicherer ist man bei nicht geräumten Radwegen, also auf der Fahrbahn. Da gilt natürlich für alle, auch für Autofahrende, besonders vorsichtig und umsichtig zu fahren.

taz: Die BSR räumt eigenen Angaben zufolge die Radfahrstreifen. Ist das wirklich der Fall?

Grittner: Wir haben auf der Website des ADFC Berlin ein Wintermonitoring, den ADFC-Winterdienst-Check. Dort gibt es Tipps zum Radfahren im Winter und auch ein Meldeportal, alle Beobachtungen können dort gemeldet werden, wir sammeln das. Was wir sehen, ist, dass Fahrradstreifen nicht die oberste Priorität haben bei Straßenreinigung der BSR. Radfahrstreifen, die sich auf der Fahrbahn befinden, sind eher gut befahrbar. Bei den Radwegen auf den Bürgersteigen beobachten wir allerdings oft katastrophale Zustände. Das ist ein echtes Problem für die Menschen, die aufs Rad angewiesen sind, um zur Arbeit, zur Schule oder mit den Kindern zur Kita zu fahren.

taz: Die BSR sagt, auf den Radwegen auf den Bürgersteigen bestehe eine Pflicht zur Schneeräumung, aber nicht zur Eisbeseitigung.

Grittner: Das beginnt damit, dass die Schneeräumung nicht richtig gemacht wird. Wäre gleich bei Neuschnee geräumt worden und nicht erst nach zwei oder drei Tagen, wären die jetzt auch gut befahrbar. Jetzt ist es so, dass sich der Schnee verfestigt hat und die unebenen Stellen teilweise überfroren sind. Das ist extrem gefährlich.

taz: Auf den Fußwegen sieht es zum Teil ähnlich aus.

Grittner: Richtig, auch dort wird viel zu wenig geräumt. Wobei für viele Fußgängerwege die Anlieger zuständig sind, da trifft die BSR keine Schuld. Auch hier empfehlen wir, auf die Website des ADFC Berlin zu schauen. Dort gibt es übrigens auch den Link zu einem Formular, wo man sich bei der BSR beschweren kann.

taz: Lassen Sie uns über Radfahren im Allgemeinen sprechen. In Berlin sind im vergangenen Jahr fünf Radfahrende ums Leben gekommen. Ist das viel oder wenig?

Grittner: In den Jahren davor waren es teilweise deutlich mehr. Aber man muss immer auch die Schwerverletzten betrachten. Und da haben wir weiterhin eine viel zu hohe Zahl. Das ist ja immer eine Gratwanderung, ob jemand mit schwersten Verletzungen gerade noch so überlebt, aber sich für die Person dadurch alles ändert.

taz: Im Mobilitätsgesetz Berlin ist die Vision Zero verankert. Was heißt das?

Grittner: Es wird angestrebt, keine Verkehrstoten und keine Schwerverletzten im Verkehr zu haben. Davon sind wir noch weit entfernt. Zu den fünf toten Radfahrenden 2025 ist anzumerken, dass der Anteil derer, die das nach unserem ersten Eindruck selbst verschuldet haben, sehr gering ist. Nur bei einem der fünf war das vermutlich so. Bei den anderen hat der Unfallgegner die Vorfahrt des Radfahrenden verletzt. In der jährlichen Unfallstatistik der Polizei Berlin ist zu sehen, dass die meisten schweren Radunfälle von Kfz-Fahrenden verursacht werden.

taz: Waren Lastwagen involviert? Der ADFC fordert ja, dass alle Lkws mit einem technischen Abbiegeassistenten und einer Notstopp-Einrichtung ausgestattet werden.

Grittner: Unter anderem gab es einen Unfall mit einem auf die A100 auffahrenden Lkw an der Oberlandstraße. Das ist eine sehr gravierende Stelle, da endet der Radweg ungefähr 100 Meter vor der Autobahnauffahrt. Der Radverkehr fährt dann auf dem normalen Fahrstreifen. Dort ist ein Lkw auf dem zweiten Fahrstreifen nach rechts auf die Autobahn aufgefahren und hat einen Radfahrer getötet. Dort ist ganz dringend ein separater Radweg mit getrennten Ampelphasen erforderlich.

taz: Im Jahr 2022, als Berlin noch von Rot-Rot-Grün regiert wurde, sind 25,5 Kilometer Radwege gebaut worden. Was für eine Note würden Sie der derzeitigen CDU-geführten Verkehrsverwaltung ausstellen?

Grittner: Im aktuellen ADFC-Fahrradklima-Test stellen die Radfahrenden Berlin die Note 4,3 aus – also durchgefallen. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ist damit angetreten, dass deutlich mehr Radwege gebaut werden sollen, als es die Vorgängerregierung getan hat. Das Ergebnis ist das Gegenteil. Es sind nur wenige Kilometer überhaupt gebaut worden. Ein Großteil davon war geplant, von der vorhergehenden Regierung. Alle anderen Planungen sind quasi eingestellt worden. Das Einzige, wo wir noch Bewegung beobachten, befindet sich in der bezirklichen Zuständigkeit. Die Bezirke sind teilweise sehr aktiv im Nebenstraßennetz.

taz: Laut landeseigener Fahrradinfrastrukturgesellschaft Infravelo sollen in diesem Jahr 12,25 Kilometer neue Radwege gebaut werden.

Grittner: Das ist viel zu wenig. Das Mobilitätsgesetz bzw. der Radverkehrsplan der Stadt schreibt für 2026 den Bau von 350 km Radwegen vor. Das macht deutlich, wie krachend Berlin das Ziel eines Radnetzes bis 2030 verfehlt. Im Haushalt sind viel zu wenig Mittel für den Radverkehr eingestellt. Nicht nur für Investitionen für Radinfrastruktur, sondern auch für Verkehrssicherheit.

taz: Im Herbst sind in Berlin Wahlen. Was für eine Erwartung haben Sie an die künftige Regierung?

Grittner: Unsere Forderung ist natürlich, dass das Mobilitätsgesetz vollständig umgesetzt wird. Es ist ein gültiges Berliner Gesetz, wurde mit breiter zivilgesellschaftlicher Beteiligung erarbeitet und bindet alle Teile der Verwaltung, dies so umzusetzen.

taz: Was heißt das bei Radwegen in Kilometern?

Grittner: Wir müssen sehr viele Kilometer bauen. Das Defizit der vergangenen Jahre muss aufgeholt werden. Bis zum Jahr 2030 sollten 2.350 Kilometer Radnetz fertiggestellt sein, mehr als 2.000 Kilometer davon fehlen noch. Um das Radnetz umzusetzen, muss sich die künftige Regierung zum Radverkehr bekennen, Kapazitäten und Finanzierung für den Radverkehr hochfahren und mit Mut und Klarheit den nachhaltigen Umbau der Stadt vorantreiben.

taz: Zum Schluss hätten wir von Ihnen als Meteorologin und Klimatologin gerne noch einen Ausblick aufs Wetter.

Grittner: Die Kälte bleibt uns auf jeden Fall noch ein paar Tage erhalten. Wenn die Straßen brauchbar sind, kann man trotzdem Rad fahren, sollte sich aber so anziehen, dass man nicht friert. Ich trage immer mehrere Schichten übereinander. Radfahren ist außerdem gut fürs Immunsystem.

taz: Fahren Sie mit Helm?

Grittner: Es gibt keine Helmpflicht, ich fahre aber nie ohne. Bei der Kälte ziehe ich eine dünne Mütze drunter an. Der Helm sollte richtig fest auf dem Kopf sitzen, wenn man stürzt, darf er nicht runterrutschen. Eine Bommelmütze und den Helm obendrauf – das geht gar nicht!

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