Faesers Versprechen an Erdbebenopfer : Luftbrücke statt Visa
Den Erdbeben-Opfern vor allem in Syrien nutzen die versprochenen Visa-Erleichterungen nichts. Sie müssen unbürokratisch ausgeflogen werden.
Foto: Clodagh Kilcoyne/reuters
E s klingt nach einem großzügigen Angebot: Deutsche mit türkischen oder syrischen Wurzeln sollen ihre vom Erdbeben betroffenen Angehörigen vorübergehend bei sich aufnehmen können. Außen- und Innenministerium arbeiten zusammen, eine Taskforce ist eingerichtet. Doch die bürokratischen Hürden sind trotz „Vereinfachungen“ hoch – und für Syrerinnen und Syrer unüberwindbar.
Es gilt: Wer kommen will, muss sich ausweisen. Glück für jene, die ihren Pass im Schlafanzug mit sich herumtragen oder deren Haus noch steht (aber wollen wir nicht den Obdachlosen helfen?). Türkische Menschen brauchen Eltern, Geschwister oder Kinder in Deutschland, die genug Geld verdienen, um sie drei Monate auszuhalten; für die abzugebende Verpflichtungserklärung müssen diese ihr Einkommen oder Vermögen offenlegen. Vor Ort müssen die türkischen Betroffenen ihren Wohnsitz im Erdbebengebiet, eine Krankenversicherung und die Verwandtschaft nachweisen und dann zu einem Antragsaufnahmezentrum gehen – biometrisches Foto nicht vergessen! Syrische Erdbebenopfer haben Pech, denn sie müssen zu einer deutschen Auslandsvertretung, und aus Nordsyrien führt leider kein Weg nach Beirut, Amman oder Istanbul.
Für mehrfach vertriebene, vom Krieg ausgezehrte und jetzt in einem leeren Zelt sitzende Menschen in Idlib und Afrin braucht es deshalb eine Luftbrücke nach Europa, die zwei Türen öffnet: eine für Angehörige, eine für besonders Schutzbedürftige. Wer in der EU Familie hat, kommt auf eine Liste und wird über die Türkei zu ihr ausgeflogen. Schwerverletzte sowie Frauen und Kinder, die auf sich alleine gestellt und ohne Bleibe sind, könnten vom UNHCR über ein humanitäres Kontingent in aufnahmewillige Staaten weltweit vermittelt werden.
Gegenüber den Geflüchteten aus der Ukraine ging es schnell und unbürokratisch. Jetzt müssen die Europäer beweisen, dass ihre Solidarität mit Menschen in akuter Not nicht von deren Hautfarbe und Religion abhängt, sondern bis nach Nordsyrien reicht.
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