FAQ zum Social-Media-Verbot: Ist das wirklich so schlimm für Kinder und Jugendliche?
Social Media sei schlecht fürs Gehirn, heißt es im Diskurs um ein Verbot für Kinder. Doch was genau weiß man über die Gefahren von Instagram und Co.?
Kinder unter 14 Jahren sollen keinerlei Zugang zu Social Media mehr haben. Jugendliche unter 16 Jahren sollen eine eingeschränkte Version der Apps nutzen dürfen. Das fordert aktuell die SPD und stößt damit nun auch in Deutschland die Debatte für Social-Media-Verbote an, nachdem Australien Anfang des Jahres als erstes Land der Welt eine Altersbeschränkung eingeführt hat und sich auch das EU-Parlament dafür ausspricht. Auch Bundeskanzler Merz begrüßt den Vorstoß. Aber wie doll beeinflussen soziale Medien Kinder und Jugendliche wirklich?
Warum haben soziale Medien Interesse daran, die Gehirne ihrer Nutzer:innen in Bann zu ziehen?
Das Geschäftsmodell von sozialen Medien ist die Erfassung und Vermarktung persönlicher Nutzungsdaten. Die Plattformen sind darauf ausgelegt, dass Nutzer:innen möglichst lange Content konsumieren, damit die Apps mehr Daten sammeln können. Zusätzlich dazu steigen die Werbeeinnahmen bei längerer Nutzung, da mehr Werbeanzeigen geschaltet und rezipiert werden können.
Wie viel Zeit verbringen Kinder und Jugendliche auf sozialen Medien?
Eine aktuelle Untersuchung der DAK-Gesundheit ergab, dass im Herbst 2024 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren werktags durchschnittlich 157 Minuten und an Wochenenden 227 Minuten, also fast 4 Stunden, auf sozialen Medien verbrachten. Aus den Daten ergebe sich, dass jedes vierte Kind problematische Nutzungsmuster aufweist. Die zeichnen sich beispielsweise dadurch aus, dass Kinder und Jugendliche sich stundenlang nicht vom Bildschirm reißen können bis hin zur Vernachlässigung ihrer sozialen Kontakte, damit sie mehr Zeit auf den sozialen Medien verbringen können.
Warum kann exzessive Social-Media-Nutzung schädlich sein?
Zwischen mentaler Gesundheit und der Nutzung sozialer Medien gibt es nachweislich Zusammenhänge. Grundsätzlich gebe es viele Studien, die einen Verbindung zwischen problematischer Social-Media-Nutzung und negativen Erscheinungen wie Schlafstörungen, Körperunzufriedenheit bis hin zur Essstörung und depressiven Tendenzen aufzeigen, sagt Christian Montag, Neurowissenschaftler und Dozent an der Universität von Macau, der taz.
Auch die möglichen negativen Auswirkungen von Social-Media-Nutzung auf kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit (und gegebenenfalls damit auch zu erbringende schulische Leistungen) seien kritisch zu sehen. Ebenfalls negative Effekte hätten das Erscheinen von nicht-alters adäquaten Inhalten, etwa pornografischen oder gewaltvollen Inhalten, sowie Cybermobbing.
Christian Montag betont, dass „ein Geschäftsmodell, das darauf abzielt, die Online-Zeit zu verlängern und das Engagement der Plattform zu erhöhen, eigentlich per se nicht gesund sein kann, schon gar nicht, wenn dieses Geschäftsmodell in ein kritisches Zeitfenster fällt, in dem Kinder und Jugendliche andere entwicklungspsychologische Aufgaben zu erfüllen haben“.
Macht sich die Nutzung auch neurologisch im Gehirn bemerkbar?
Während die psychischen Auswirkungen gut beschrieben sind, fällt die Datenlage zur neuronalen Wirkung mau aus. Für eine systematische Aussage über neuronale Prozesse im Gehirn, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, sei es noch verfrüht. Gut geklärt sei allerdings, dass das Erhalten eines Likes das Belohnungssystem des Gehirns aktivieren kann, sagt Christian Montag. Was das endlose Scrollen mit unserem Gehirn macht, ist bisher noch nicht konkret erforscht.
Auch, ob soziale Medien eine Sucht – im klinischen Sinne – auslöst, ist bisher noch nicht ausreichend geklärt. In einer Studie aus dem Jahr 2023 heißt es, es gebe zwar Überschneidungen der Symptome von exzessivem Social-Media-Gebrauch und Suchtkrankheiten, ob dabei gleiche Gehirnmechanismen in Gang gesetzt werden, konnte jedoch noch nicht wissenschaftlich belegt werden.
Gibt es einen Grad an Medienkonsum, der als in Ordnung gilt?
Auf diese Frage gibt es keine pauschale Antwort. Ab wann genereller Medienkonsum problematisch wird, hängt von der jeweiligen Person ab sowie von anderen Faktoren wie der Nutzungsmotivation und -art. Scrolle ich beispielsweise nur ein bisschen durch meinen Feed oder gehe ich in den aktiven Austausch mit Anderen? Will ich mir nur ein paar lustige Videos zur Unterhaltung anschauen oder möchte ich mehr über die neuesten Nachrichten erfahren?
In Bezug auf Kinder und Jugendliche rät die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) zu einer maximalen Bildschirmzeit von 45 bis 60 Minuten für Neun- bis Zwölfjährige. Bis zum sechzehnten Lebensjahr sollten die Jugendlichen nicht länger als zwei Stunden an den Bildschirmen hängen. Diese Angaben sind nur Empfehlungen, eine konkrete Einzelstudie zu unbedenklicher Nutzung sozialer Medien gibt es nicht.
Wie wird bisher der Gebrauch von sozialen Medien durch Kinder und Jugendliche reguliert?
Viele soziale Medien sind ab dem Alter von 13 Jahren zugänglich, wie beispielsweise in den Meta-Richtlinien für Instagram festgelegt ist. In der EU brauchen Jugendliche unter 16 allerdings die Zustimmung ihrer Eltern, wobei diese nicht von den jeweiligen Plattformen kontrolliert wird.
Neue Medien lösen immer neue Ängste aus, gab es ähnliche Debatten auch schon in Bezug auf andere Medien?
Schon vor zwanzig Jahren gab es ähnliche Debatten zum Thema Fernsehkonsum bei Kindern und Jugendlichen. Auch die Gefahren von Videospielen wurden stark diskutiert, vor allem von Waffenspielen. 2005 schreibt Manfred Spitzer, damals Leiter der Psychiatrischen Klinik an der Universität Ulm, Fernsehen mache „dick und gewalttätig“.
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat 2008 zu Fernseh-Einschränkung bei Kindern geraten. Zu einem Verbot für Kinder kam es nie, aber für Film und Fernsehen haben sich Regulierungsempfehlungen in Form der FSK etabliert. Auch sind die Ausspielzeiten für bestimmte Werbungen und Filme begrenzt.
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