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„EsistWiderstandgegenvorhandene Gewalt“

Danger Dan veröffentlicht ein neues Piano-Album. Darin singt er von der Antifa, Ängsten, Heimatlosigkeit und der Liebe zu einem Mann. Ein Gespräch über die Macht von Songtexten und seine Ausladung beim ZDF

Gespräch Andreas Fanizadeh und Jens Uthoff

taz: Daniel Pongratz, Sie singen im Auftaktsong Ihres neuen Albums: „Egal, wo ich auch bin / ich hab ’ immer das Gefühl / hier gehöre ich nicht hin / die meisten meiner Freunde / haben das gleiche Problem / zusammen ist das irgendwie schön“. Worauf zielt diese doch recht gut gelaunte Feier des Außenseitertums?

Daniel Pongratz: Ich begreife mich gar nicht so sehr als Außenseiter. Darum geht es mir in dem Song nicht. Mit der Antilopen Gang haben wir 2014 mal gerappt: „Antilopen Outlaws, ja, wir sind die Außenseiter“. Damals waren wir das innerhalb der HipHop-Szene auch. Aber mit zunehmendem Erfolg ist es irgendwann unglaubwürdig, das zu behaupten.

taz: Worum geht es dann in dem Lied?

Pongratz: In den vergangenen Jahren ist den Leuten Identität und Zugehörigkeit immer wichtiger geworden. Ich stelle das in diesem Song grundsätzlich in Frage. Die Welt ist absurd, wie sie angelegt ist, man wird das Gefühl nicht los, hier im völlig falschen Film zu sein. Darin seinen Platz zu finden, ist doch ein hoffnungsloses Unterfangen.

taz: Wie meinen Sie das, „im völlig falschen Film“?

Pongratz: Ich will das gar nicht so konkret ausformulieren, ich begnüge mich mit der Negation. Aber hinter der Negation muss es ja auch irgendwo das bessere Leben und die Utopie geben, sonst müsste man die Zustände ja nicht negieren.

taz: Sie singen in dem Stück auch: „Auf der Suche nach mir selbst / durchquerte ich die Welt / von Paris bis Singapur / fand ich von mir keine Spur“. Das ist eine schöne Beschreibung von Rastlosigkeit. Sind Sie wirklich so viel in aller Welt unterwegs, oder sind diese Zeilen doch eher metaphorisch gemeint?

Pongratz: (lacht) Ich war sowohl in Paris als auch in Singapur, und ich bin auch tatsächlich den Jakobsweg gelaufen, wie es in dem Lied heißt – den portugiesisch-spanischen Abschnitt, von Porto nach Santiago de Compostela, nur mit Rucksack. Da habe ich in furchtbaren Pilgerherbergen übernachtet, zwischendurch habe ich aber zum Glück auch hart gesündigt und in den besten Hotels der Region residiert. Der Hintergrund dieser Fernwanderung war der: Nach der Veröffentlichung meines zweiten Soloalbums haben mich viele Leute auf der Straße erkannt, dadurch hat sich mein Privatleben total verändert, vielleicht wurde ich sogar ein bisschen sozial paranoid. Ich wollte also einfach mal für mich sein und nachdenken. Allerdings bin ich da auch etwas vereinsamt, mit den meisten anderen Pilgerinnen und Pilgern hatte ich keine Berührungspunkte. Die Verse sind also nicht nur metaphorisch gemeint.

taz: Es gibt diese Kluft zwischen einer Undergroundkultur mit Haltung, für die Sie und die Antilopen Gang stehen, und dem, was man als Mainstream bezeichnet, auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das wurde zuletzt im Juli deutlich, da sollten Sie eigentlich gemeinsam mit dem Pianisten Igor Levit in einer Satiresendung des ZDF auftreten. Dem Sender war der Song „Keine Angst“, den Sie spielen wollten, aber zu radikal. Der Liedtext könne als Aufruf zur Gewalt verstanden werden, hieß es.

Pongratz: Ja, das war heftig. Dass der Indentant des ZDF uns wegen dieses Songs ausgeladen hat, ist wirklich bedenklich.

taz: Im Kern handelt „Keine Angst“ von der Legitimität antifaschistischer Militanz. Man soll sich zusammentun, Infos über Nazis sammeln, für gewalttätige Auseinandersetzungen trainieren. Sie singen: „Keine Angst, nehmt es selber in die Hand / Die seh ’n gefährlich aus, aber wir ­legen sie lang / Koordiniert euch, fangt an zu trainier ’n / Wenn ihr zusamm ’n kämpft, dann kann es funktionier ’n“.

Pongratz: Es geht um anti­faschistischen Selbstschutz und darum, ab wann er gerechtfertigt ist. Und da sage ich gar nicht so viel Neues. Ich referiere ja sogar auf das „Kunstfreiheit“-Lied, wenn ich singe: „Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt“.

taz: Vor fünf Jahren gab es schon mal eine Debatte um Militanz in der Linken im Zuge Ihres Songs „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“. Damals haben Sie noch im Konjunktiv formuliert, jetzt wechseln Sie in den Indikativ …

Pongratz: … vielleicht sogar den Imperativ.

taz: Der Song „Keine Angst“ hat eine ganz andere Konkretion. In dem alten Song haben Sie die AfD auf die Schippe genommen, er war ironischer. Warum hat Ihnen das nicht mehr ausgereicht?

Pongratz: Ich finde die Situation mittlerweile so ernstzunehmend, dass ich ihr nicht ausschließlich mit Humor begegnen wollte. Ich glaube, wir bewegen uns gerade auf eine Gabelung zu. Es gibt zum Glück noch ein Zeitfenster und Möglichkeiten, sich antifaschistisch zu engagieren. Aber je länger wir warten, umso schwieriger wird es. Wir haben ganz andere Zustimmungswerte für die AfD heute, siehe die Landtagswahlen, aber auch über die AfD hinaus sind Debatten, die beispielsweise über Migration geführt werden, komplett verschoben. Die Nazis auf der Straße fühlen sich dadurch gestärkt.

taz: Wir reden trotzdem noch von einem Kunstwerk. Ein Song ist ja keine Handlungsanweisung, oder doch?

Pongratz: Ein Song muss keine Handlungsanleitung sein, aber er bietet vielleicht trotzdem Inspiration zu handeln. Ich habe zumindest mal einen Vorschlag oder eine Idee in den Raum geworfen, was man machen könnte.

taz: Hat Sie die Wucht der Debatte um den neuen Song überrascht?

Pongratz: Na ja, es gab ja mehrere Debatten. Der jetzige Intendant des ZDF, Norbert Himmler, war 2021 noch in einer anderen Position beim Sender, hat aber damals schon versucht, Igor Levit und mich auszuladen, als wir den Kunstfreiheit-Song bei Jan Böhmermann aufgeführt haben. Damals gab es hinter den Kulissen auch schon einen Riesenärger. Jetzt ist Himmler Intendant. Ob die Intendanz wohl bereits ein bisschen Angst davor hat, was passiert, wenn die AfD mit noch größeren Anteilen im Fernsehrat sitzt? Man könnte meinen, da gibt es eine Art vorauseilenden Gehorsam.

taz: Welche anderen Debatten über Ihren Song meinen Sie?

Pongratz: Es wurden innerlinke Grabenkämpfe anhand des Liedes ausgetragen, die mit dem Song selber nichts zu tun haben. Das konnte man zum Beispiel an zirka elf Meinungsartikeln in der taz ablesen, die sich gegenseitig mitunter widersprochen haben und viel mehr über die Zustände in der taz-Redaktion verraten als über das Lied. Unter anderem wurde zum Beispiel das Nahost-Thema mit dem Lied verwoben. Ich glaube, diese Diskussion geht weit über eine Israel-Palästina-Positionierung hinaus, es geht um eine Auseinandersetzung zwischen autoritären und antiautoritären Linken. Mit einer Kritik des Songs hatte das wenig zu tun, die Diskussionen um das Lied wurden zu einem Stellvertreterkonflikt. Bitte redet in Zukunft lieber miteinander und nicht über mich, das ist doch nicht zielführend. (lacht)

taz: Für viele haben Sie eine rote Linie überschritten, indem Sie in der letzten Songzeile von „Keine Angst“ verurteilte Straftäter „lieb grüßen“. Warum diese musikalische Solidaritätsadresse?

Pongratz: Alle sagen, man solle gegen Nazis kämpfen. Wenn dann wirklich Leute gegen Nazis kämpfen und als Erstes entsolidarisiert man sich von ihren Aktionen, dann läuft für mich etwas falsch. Ich denke, dass moralische Grenzen auch nicht unbedingt an derselben Stelle wie juristische Grenzen verlaufen. Punkt.

taz: Wenn es um Verteidigung von Betroffenen geht, mag gewalttätiger Widerstand legitim sein. Aber wenn man Nazis bei einer Demo überfällt und zusammenschlägt, wie es in Budapest passiert ist, ist das keine direkte Notwehrsituation.

Pongratz: Nehmen wir den Fall Eisenach. Da terrorisieren Neonazis rund um die militante Gruppe „Knockout 51“ jahrelang eine Stadt und greifen alle an, die nicht in ihr Weltbild passen. Jeder, der nicht weiß genug, nicht deutsch genug, nicht hetero genug ist oder jüdisch ist, muss sich fürchten. Staatsanwaltschaft und Polizei unternehmen nichts! Später ergibt sich aus der Anklageschrift, dass sogar der Verdacht einer Zusammenarbeit zwischen „Knockout 51“ und der Polizei bestand. Ich habe schon das Gefühl, dass man da von Notwehr sprechen kann. Man muss sich die Fälle alle einzeln angucken. Aber auch wenn Hunderte deutsche Neonazis durch Budapest marschieren, verstehe ich es, dass man dorthin fährt und die Leute dort mit den deutschen Nazis nicht alleine lässt.

taz: Sie weisen in dem Song auch darauf hin, dass man bei rechten Angriffen lokale Medien informieren, auf Polizei und Justiz Einfluss nehmen sollte. Gesellschaftliches Engagement statt stumpfe Gewalt, wie die Rechten sie betreiben. Ist Ihre Position nicht schwerer vermittelbar, wenn Sie sich auf Angriffe wie die in Budapest beziehen?

Pongratz: Beides widerspricht sich meines Erachtens nicht. Ich würde auch nicht sagen, dass Nazis nur stumpfe Gewalt anwenden. Ich spüre das selbst auch: Die AfD stellt Anfragen zu mir und zu Finanzierungsstrukturen; zum Beispiel fragt sie an, ob die Initiative Musik mein Album mitfinanziert hat. Wo öffentliche Gelder im Spiel sein könnten und ich auftrete, wird die Partei hellhörig. Da wird also auf allen Ebenen und mit allen Mitteln gearbeitet. Als ich noch in Aachen lebte, patrouillierten Nazis durch die Stadt und suchten nach uns. Das war furchtbar. Ich war damals froh über jede Hausdurchsuchung bei Neonazis und jede Verurteilung. Und bin ich auch heute noch. Aber wir konnten und können uns eben nicht darauf verlassen. Das Problem gelöst hat am Ende nicht die Staatsanwaltschaft, sondern eine Aachener Antifa-Struktur.

taz: Wir wollen aber ja nicht in Bürgerkriegsszenarien leben.

Pongratz: Nein, natürlich nicht, ich weiß auch gar nicht, wie man hier auf Bürgerkriegsszenarien kommt! Es scheint ja gerade leider antifaschistische Realität zu sein, die gegenwärtigen Zustände verteidigen zu müssen vor etwas noch Üblerem und nicht die Revolution zu erkämpfen. Wir müssen das Schlechte verteidigen, um das noch Schlimmere zu verhindern – an diesem Punkt sind wir gerade.

taz: Erich Kästner hat zum Aufstieg der Nationalsozialisten geschrieben, man dürfe „nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten“. Hasnain Kazim hat das in seiner Spiegel-Kolumne aufgegriffen, er kommt allerdings zu dem Schluss, dass auch linke Gewalt eine Lawine ins Rollen bringen kann: „Wer Gewalt nach ihrem politischen Zweck bewertet, wird irgendwann jede Gewalt rechtfertigen können. Heute trifft es den politischen Gegner, morgen den Journalisten, übermorgen den Nachbarn. Dann ist aus dem Schneeball längst eine Lawine geworden.“ Was würden Sie ihm entgegnen?

Pongratz: Mir ist nicht bekannt, dass es aktuell ernstzunehmende linke Strukturen gibt, die mit Gewalt einen gesellschaftlichen Umsturz schaffen wollen und dafür Journalisten und Nachbarn ihre Weltsicht einprügeln wollen. Da hat wohl jemand zu viel Compact gelesen. Es handelt sich vielmehr um Widerstand gegen vorhandene Gewalt. Alles andere sind konstruierte Narrative, die oft auf merkwürdigen Extremismustheorien basieren, als seien es zwei Seiten derselben Medaille.

taz: Ihre Kritiker würden sagen, Ihr Lied trage dazu bei, dass Gewaltspiralen entstehen.

Pongratz: Wie gesagt: Ich beziehe mich auf antifaschistischen Selbstschutz, wenn man so will also darauf, die Demokratie zu verteidigen. Es geht darum, Gewalt zu verhindern.

taz: Sie sind – nicht nur aufgrund des Songs – voll im Fokus der Rechtsextremen. Wie kräftezehrend ist das?

Pongratz: Wir sind ja ein Team, und wir haben tatsächlich darüber gesprochen, ob wir dieses Lied veröffentlichen wollen. Ich finde es superanstrengend. Aber ich sehe keine Alternative. Entweder wir führen diese Kämpfe jetzt, oder es wird halt demnächst nur noch kulturelle Veranstaltungen geben, wie die AfD sie sich wünscht.

taz: Ihren Humor scheinen Sie dabei nicht verloren zu haben. Im Song „In der Roten Rose“ bildet sich deutlich ein selbstironisches Moment ab: „Saufen, Saufen, Schlägerei / Ach, was fühlten wir uns frei / In der Roten Rose morgens um halb drei“. Woher kommt so etwas, wer hat Sie da neben Punk, Hiphop und Pop noch geprägt?

Danger Dan

Der Mann

Daniel Pongratz wurde 1983 in Aachen geboren. Er spielte bereits in Jugendzeiten in verschiedenen Punkbands, war später in der HipHop-Szene unterwegs, spielte in einer Reggae-Band.

Die Antilope

Seit 2009 ist Pongratz Mitglied der HipHop-Combo Antilopen Gang, die er gemeinsam mit seinem Bruder Tobias Pongratz (Panik Panzer), Kolja Podkowik und Jakob Wich (der 2013 gestorben ist) gegründet hat. Die Antilopen Gang war zuletzt als Trio unterwegs. Die Band hat bislang fünf Studioalben veröffentlicht, bekannte Lieder sind u. a. „Beate Zschäpe hört U2“ und „Oktober in Europa“.

Der Solomusiker

2018 veröffentlichte Danger Dan sein Debüt als Solomusiker („Reflexionen aus dem beschönigten Leben“). Berühmt wurde er drei Jahre später mit dem Piano-Stück „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ und dem gleichnamigen Album. In diesen Tagen erscheint sein neues Album „Keine Angst“ (Ölsardinenindustrie/Warner). Den Song „Keine Angst“ wollten Danger Dan und Igor Levit im Juli eigentlich in der ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ aufführen, die Intendanz des Senders verhinderte dies mit der Begründung, der Song rufe zur Gewalt auf. Danach entstand eine breite gesellschaftliche Debatte über linke Militanz und über die Intervention seitens des ZDF.

Pongratz: „In der Roten Rose“ ist von dem Lied über Bolle („Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“, Anm. d. Red.) inspiriert. Das ist eines meiner Lieblingslieder, ich habe es letzten Sommer mal mit meiner Schwägerin gesungen. Darin gibt es die lustige Zeile: „Aber trotzdem hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert.“ So ein Lied wollte ich gern auch mal schreiben. Daraus ist dann dieser Gassenhauer geworden. In dem Song „Jede Grenze, jedes Gesetz, jeder Gott“ beziehe ich mich direkt auf Rio Reiser. Die Pause, die ich da vor dem Wort „frei“ mache, ist ein Zitat aus „Wir müssen hier raus“.

taz: Sie haben mal gesagt, Sie würden so gut wie nie Liedermacher­musik hören. Warum spielen Sie sie dann selbst?

Pongratz: Ich mag die Limitierung: Klavier und Text und sonst nichts. Aber ich höre tatsächlich selten Liedermachermusik, wenn überhaupt, dann Georg Kreisler oder Rio Reiser solo am Klavier. Die meisten Liedermacher finde ich einfach nicht gut. Sie berühren mich oft nicht oder haben nichts mit meiner Lebenswelt zu tun. Ich höre stattdessen viel Roots Reggae und Skinhead Reggae. Ich finde auch, dass man das in den Gesangsmelodien oder auch Dub-Effekten, die ich gelegentlich so einbaue, ein bisschen heraushört.

taz: Ihre neuen Songs sind oft sehr intim. Sie handeln zum Beispiel vom Tod eines Freundes und ehemaligen Bandkollegen, der sich 2013 das Leben genommen hat. Sie singen: „Ich hab’ gedacht, dass es für immer / für immer weh tut und du fehlst / vielleicht ist das auch das Brutalste am Leben / dass es einfach weitergeht“. Hat das Komponieren dieser Stücke für Sie auch einen therapeutischen Effekt?

Pongratz: Wenn ich alleine dasitze und Klavier spiele, fallen mir halt Dinge ein, die mich beschäftigen und die in mir vorgehen. Deshalb entstehen diese persönlichen Stücke.

taz: Wo komponieren Sie die?

Pongratz: Ich habe einen Übungsraum angemietet. Dort rauche ich ganz viel, spiele Klavier und fange an zu singen und zu schreiben.

taz: Ist es schwer, über diese Dinge öffentlich zu singen?

Pongratz: Ich finde es schwieriger, sie vor Menschen zu spielen, die mir nahestehen. Ich hab mich am Wochenende mit meinen Brüdern getroffen, wir saßen zusammen auf dem Balkon und ich habe ihnen das Album vorgespielt. Am Ende lagen wir uns in den Armen und haben geweint. Das ist für mich schwieriger als vor einer großen, mir unbekannten Menschenmenge zu singen.

taz: In „Dass es hier so schön ist“ singen Sie über Ihre eigene Augenkrankheit. Was für eine Erkrankung ist das?

Pongratz: Ich habe die seltene Augenerkrankung Retinitis pigmentosa, bei der mein Sehvermögen nachlässt. Die Krankheit endet mit der Erblindung und ist aktuell noch nicht zu heilen. Ich merke jetzt, wo es früher dunkel wird, wie eingeschränkt mein Sichtfeld ist. Ich komme aber noch gut klar. Unser ganzes Live-Team ist dafür sensibilisiert, die Bühnenkanten werden mit Leuchtband abgeklebt. Und wenn ich von der Bühne komme, begleitet mich unsere Tourmanagerin. Mit dieser Endlichkeit konfrontiert zu sein, verändert ganz viel. Ich genieße viele Augenblicke viel intensiver, seit ich weiß, dass ich diese Krankheit habe.

taz: Sie veröffentlichen auch ein Liebeslied an einen Mann, „Warum es nicht geklappt hat“. Was haben Sie beim Schreiben des Songs über sich gelernt?

Ob die Intendanz wohl bereits ein bisschen Angst davor hat, was passiert, wenn die AfD mit noch größeren Anteilen im Fernsehrat sitzt? Man könnte meinen, da gibt es eine Art vorauseilenden Gehorsam

Pongratz: Beim Schreiben selber habe ich nichts gelernt, aber um zu schreiben, habe ich einige innere Prozesse durchlebt. Ich bin mit dem betreffenden Mann immer noch befreundet. Ich frage mich in dem Song, ob ich meine Gefühle nicht zugelassen habe und ob ich meine heterosexuellen und meine homosexuellen Beziehungen anders hierarchisiert habe. Mit ein paar Jahren Abstand haben wir noch mal besprochen, was damals eigentlich zwischen uns war. Dass er eigentlich mein Ex-Freund ist, haben wir erst rückwirkend beschlossen. Ich habe ihn gefragt, ob es okay für ihn ist, wenn ich unsere Geschichte veröffentliche, als ich ihm das Lied vorgespielt habe.

taz: Bei Ihrem Auftritt im ZDF hätte Igor Levit Sie begleiten sollen. Wird er nun zusammen mit Ihnen auf Tour gehen?

Pongratz: Der ist leider selber immer sehr gefragt, da ist erst mal nichts geplant. Aber wenn ich in Berlin auftrete und er Zeit hat, kommt er bestimmt vorbei. Wir haben uns in den letzten Jahren angefreundet und treffen uns öfters zum Biertrinken, Gulasch essen oder zum Ausheulen über die politischen Zustände. Igor und ich kommen aus völlig verschiedenen Welten. Das macht diese Freundschaft für mich so spannend.

taz: Früher waren Sie in der Subkultur unterwegs, heute sind Sie ziemlich erfolgreich. Müssten Sie dem ZDF eigentlich dankbar sein, dass es Sie ausgeladen hat?

Pongratz: Wegen meiner Legacy, meinen Sie? Früher, in meiner AZ-Punk- und HipHop-Zeit, war Mainstream ein Schimpfwort für uns. Wir haben es damals geliebt, Künst­le­r:in­nen Sell-out vorzuwerfen. Ich weiß aber nicht, ob mich ein 15-Jähriger heute für ein bürgerliches Sell-out-Produkt hält und ob diese Generation überhaupt noch in diesen Kategorien denkt. Wenn, dann würde aber wohl auch keine Ausladung des ZDF daran etwas ändern. Dafür kriegt man nur bei Erdkundelehrern Street Credibility. (lacht)

taz: Aber Versuche der Vereinnahmung gibt es doch immer wieder, im Stile eines radical chic?

Pongratz: Ich habe mich nie irgendwo angebiedert. Aber ich erinnere mich an einen Abend in Jena in der JG Stadtmitte (Junge Gemeinde Stadtmitte, Anm. d. Red.) mit dem mittlerweile leider verstorbenen Pfarrer Lothar König. Ich habe ihn nach dem Konzert gefragt: „Wie fandest du es?“ Lothar hat gesagt: „Das war richtig scheiße.“ Ich daraufhin: „Was habe ich denn falsch gemacht?“ Er: „Der FDP-Stadtrat war da. Ich wollte nie mit dem FDP-Stadtrat auf demselben Konzert sein.“ Lothar bat mich, dass ich in Zukunft noch viel aggressiver und böser werden soll, was ich ihm auch versprochen habe. Dieses Versprechen habe ich jetzt hoffentlich mit dem neuen Album eingelöst. Mal sehen, ob der FDP-Stadtrat nach den jüngsten Skandalen immer noch zum Konzert kommt – hoffentlich nicht.

taz: Jetzt sind Sie erst mal als Solokünstler auf Tour. Wie geht es denn mit Ihrer Band, der Antilopen Gang, weiter?

Pongratz: Wir haben kürzlich unser vorerst letztes Konzert in der Zitadelle Spandau gespielt, und wir haben alle das Gefühl, das war für den Moment ein sehr schöner Schlusspunkt. Wir wissen noch nicht genau, ob, wann und wie es weitergeht. Seit 2013 läuft diese Antilopen-Maschine fast durchgängig. Wir machen jetzt ganz bewusst einen Schnitt und gucken, was passiert. Unsere gemeinsam aufgebaute kleine Antilopen-Welt bleibt mir zum Glück erhalten – mein ganzes Liveteam ist zum Beispiel aus dem Antilopen-Gang-Freundeskreis. Von daher fühlt sich das für mich jetzt nicht so richtig wie ein Abschied an.