piwik no script img

„Es hat mich geerdet“

Bei den Demos der autonomen Linken war er in der Sanitätsgruppe, sein Politologiestudium hat er abgebrochen, um Krankenpfleger zu werden: Amadeus von der Oelsnitz versorgt in Hamburg Drogenkranke, arbeitet daneben für Ärzte ohne Grenzen – und freut sich schon auch über Dankbarkeit

„Es gibt Leute, die sagen: Hast du ein Helfersyndrom?“: Amadeus von der Oelsnitz an seinem Arbeitsplatz im Drob Inn

Interview Friederike Gräff Foto Aliona Kardash

taz: Wie sind Sie zur Krankenpflege gekommen, Herr von der Oelsnitz?

Amadeus von der Oelsnitz: Ich habe in Hamburg Politikwissenschaft studiert, als eine gute Freundin von mir gestorben ist. Ihre letzten Wochen und Monate haben wir als Freundesgruppe an ihrem Bett verbracht. Danach habe ich mein Studium abgebrochen, sehr zum Leidwesen meines Vaters, der Kinder­chirurg war, und beschlossen, Krankenpfleger zu werden. Und von dem Tag an habe ich eigentlich immer mit Menschen gearbeitet, die am Rand der Gesellschaft stehen.

taz: Wer war das?

Von der Oelsnitz: Ich habe in der ambulanten HIV-Pflege angefangen, zu einer Zeit, in der es keine HIV-Medikamente gab. Das heißt, alle meine Patienten starben irgendwann und die meisten waren jung, viele Drogensüchtige, viele homophile junge Männer. Inzwischen bin ich seit 29 Jahren in der Drogenhilfe.

taz: Wie war die Umstellung von der Theorie der Politikwissenschaft auf die Praxis der Krankenpflege für Sie?

Von der Oelsnitz: Es war gut, es hat mich geerdet. Und es war auch an der Zeit. Ich war Ende 20 und habe das Studium nicht so konsequent betrieben, wie man es hätte machen können. Aber es war schon eine Umstellung, morgens um 5.30 Uhr zur Arbeit zu fahren und dort 36 Betten zu machen, während meine Wohngemeinschaft noch in der Küche saß von der Nacht vorher. Ich wurde da gefordert und von der Oberschwester anders behandelt als von den Professoren vorher, der Ton war manchmal sehr scharf.

taz: Ich stelle mir vor, dass man sich als Krankenpfleger mit der Erwartung aufmacht, heilen zu können. Aber Sie haben begonnen mit der Erfahrung, dass Ihre Freundin starb und im Anschluss auch viele Ihrer Patientinnen und Patienten starben.

Von der Oelsnitz: Ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht, dass da niemand geheilt werden kann. Aber ich glaube, dass das Lindern und Begleiten eine gute Arbeit ist. Es ist eine dankbare Aufgabe, obwohl oder gerade weil man weiß, dass sie im günstigsten Falle zu einem würdevollen und schmerzensärmeren, erträglichen Ende führt.

taz: Warum haben Sie die Arbeit mit den HIV-Patienten beendet?

Von der Oelsnitz: Nach drei Jahren war ich mit der Morbidität ein bisschen durch, ich wollte etwas Lebensbejahendes. Wobei die Arbeit mit Junkies in Harburg auch nicht so wahnsinnig lebensbejahend war. Aber im Abrigado – das ist eine Drogenberatungsstelle mit Konsumraum – arbeitete man interdisziplinärer und gab sich eher linksliberal. Ich fand es damals und auch heute im Drob Inn, wo ich inzwischen arbeite, wichtig, dass man den Anspruch hat, das Problem gesellschaftskritisch zu betrachten.

taz: Das ist jetzt sehr pauschal gefragt, trotzdem: Interessiert Sie eher das Medizinische oder das Soziale an Ihrer Arbeit?

Von der Oeslnitz: Die Drogenmedizin finde ich interessant, weil sie so viele verschiedene Facetten hat: chirurgisch-septische Behandlungen, es gibt Notfallsituationen und Überdosierungen. Aber es gibt auch ganz viele soziale Fragen. Man muss mit dieser Klientel zurechtkommen, das sind Leute, die aufgrund ihrer Suchterkrankung und ihrer Lebensumstände auch mal schwierig sind.

taz: Sie haben einmal gesagt, dass viele der Menschen, die hierher kommen, nicht warte­zimmerfähig seien. Warum nicht?

Von der Oelsnitz: Viele unserer Klientinnen und Klienten leben draußen, duschen selten und haben keine Kleidung zum Wechseln. Es ist schwierig, wenn Leute unter Drogeneinfluss stehen, viele haben eine Doppel­diagnose Sucht und Psychose. Die sind in einem Wartezimmer in einer normalen Praxis nicht immer gut aufgehoben. Die große Mehrheit ist nicht krankenversichert und kann sowieso nicht in eine normale Praxis gehen, weil der Arzt oder die Ärztin sie nicht abrechnen kann.

taz: Ich stelle mir vor, dass sie oft schwer krank sind.

Von der Oelnitz: Oh ja, man muss sich das so vorstellen: Du lebst da draußen und schläfst unter einer Brücke. Du ernährst dich nicht vernünftig, weil du Kokainprodukte und andere Drogen zu dir nimmst und keinen Bedarf hast, zu essen und auch kein Geld dafür. Du hast Infektionserkrankungen, HIV, Hepatitis C, vor allem hast du Wunden. Und zudem bist du noch suchtkrank. Das ist eine schwere Erkrankung, an der sie und wir arbeiten. Aber das ist nicht einfach.

taz: Haben die Leute das Bedürfnis, Ihnen etwas von sich zu erzählen?

Von der Oelsnitz: Sie erzählen viel. Sie haben ja auch Vertrauen zu uns und das ist wichtig. Sie wissen, was sie erwarten können: zugewandte, professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie wissen aber auch, dass sie uns nicht zu belügen brauchen, wir wissen, wie Sucht läuft. Der Ton ist manchmal schon deutlich, aber es ist eine emphathische Deutlichkeit.

taz: Müssen Sie sich manchmal überwinden, den Menschen so nahe zu kommen, wenn sie sich lange nicht waschen konnten oder Parasiten haben?

Von der Oelsnitz: Manchmal wollen die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen nicht an unserem Medizintrakt vorbeigehen, weil es so stark riecht. Es kommen Leute und tragen noch den Verband von vor sechs Wochen und darunter Maden in den Wunden, das ist manchmal schon extrem. Aber es ist unser Job, damit umzugehen und das schockt mich nicht.

taz: War das denn schon immer so?

Von der Oelsnitz: Die Gewöhnung wächst mit den Jahren der Arbeit. Ich arbeite jetzt seit Jahrzehnten in der Drogenhilfe. Manchmal ist der Zustand der Leute so schrecklich, ihre Wohnsituation, ihre körperliche Konstitution sind so entsetzlich, dass mich das sehr berührt. Das verschwindet nicht, und das soll es auch nicht.

taz: Ist auch ein Stück Über-Ich oder preußisches Pflichtbewusstsein dabei, dass Sie diese Arbeit so lange machen?

Von der Oelsnitz: Ich liebe Pünktlichkeit. Da bin ich so ein bisschen alte Schule. Aber ich mache meinen Beruf einfach gern. Von der Hilfe, die man leisten kann, kommt ja auch etwas zurück, sei es Dankbarkeit oder eben Undankbarkeit. Und man erlebt hier viel. Es gibt Routinetage, da kommen Heinz und Murat zum Verbandswechsel. Aber es gibt auch Tage, an denen es hier ein Hexenkessel ist und alle zusammen als Team gut aufpassen müssen, dass es gut läuft.

Ich bin ein taz-Blindtext. Von Geburt
Amadeus von der Oelsnitz

Der Mensch

Amadeus von der Oelsnitz, 63, hat zunächst Politikwissenschaft und Turkologie studiert, dann eine Krankenpflegeausbildung gemacht. Arbeitet seit drei Jahrzehnten in der Drogenhilfe. Seit 2022 ist er außerdem bei Ärzte ohne Grenzen engagiert. Dort hat er zunächst als Krankenpfleger gearbeitet, sein letzter Einsatz war 2025 auf Haiti, wo er das medizinische Personal koordinierte.

Die Arbeit

Das Drob Inn in Hamburg ist zugleich Drogenkonsumraum und Anlaufstelle für medizinische und sozialpädagogische Versorgung. Amadeus von der Oelsnitz arbeitet dort als Krankenpfleger, gibt aber auch Deeskalationstrainings für seine Kolleg:innen.

taz: Wie sehr sind Sie auf Dankbarkeit oder zumindest auf Herzlichkeit angewiesen?

Von der Oelsnitz: Ich mag diese hamburgische norddeutsche Herzlichkeit, die so ein bisschen rough ist. So bin ich auch. Aber natürlich freue ich mich über Dankbarkeit. Wir haben einige Menschen mit Migrationshintergrund bei uns, die in verschiedenen Sprachen Dank ausdrücken und das manchmal sehr berührend tun.

taz: Inwiefern berührend?

Von der Oelsnitz: Manchmal spricht jemand Farsi mit mir, obwohl ich es nicht verstehe. Die Person sagt etwas, guckt mich dabei an und verbeugt sich. Das finde ich freundlich und berührend. Manchmal sage ich aber auch meinen Patientinnen und Patienten, dass sie ruhig Danke und Bitte für einen Kaffee sagen können. Nun kommt dazu, dass bei meiner Arbeit für Ärzte ohne Grenzen die Dankbarkeit in anderen Kulturkontexten ganz anders gezeigt wird als in meiner Form von Danke und Bitte.

taz: Hätten Sie ein Beispiel?

Von der Oelsnitz: Ich habe im Kongo bei einer Malariaintervention gearbeitet und in den ersten Tagen starben 50 Prozent der Kinder, die kamen. Das haben wir zum Glück ändern können. Aber das waren die ersten Tage und es ist mir sehr nahe gegangen, zumal ich damals selber ein kleines Kind hatte. Einmal habe ich im Krankenhaus geweint, weil es mir echt dreckig ging, und es kam ein kongolesischer Arzt zu mir. Er hat sich einfach nur neben mich gestellt. Er hat mich nicht in den Arm genommen oder mir auf den Rücken geklopft, wie Männer in Deutschland das vielleicht machen würden. Er hat einfach nur da gestanden und gewartet, bis ich fertig war mit meinen Tränen. Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das seine Form des Mitgefühls war.

taz: Mein Eindruck – vielleicht ein Klischee – ist, dass viele Menschen, die sich bei Ärzte ohne Grenzen engagieren, das aus dem Gefühl heraus tun, dass ihre Patientinnen und Patienten hier sehr viel besser versorgt sind als die in den Krisengebieten dieser Welt. Wenn ich Sie von Ihren sprechen höre, klingt das nicht nach einem so großen Gefälle.

Von der Oelsnitz: Meine Triebfeder war, dass ich noch mal Medizin machen wollte in einem anderen Kontext dieser Welt. Das hat mir dann immer wieder vor Augen geführt, wie unendlich gut es uns hier geht und dass es auch für meine Klientel immer eine Chance gibt. Aber für Leute in Sudan und in Gaza gibt es eigentlich kaum Chancen.

taz: Was ist größer: der Dank, dass es all das hier gibt oder der Zorn, dass andere diese Versorgung nicht haben?

Ich habe ein bisschen meinen Frieden mit diesem Land gemacht – den hatte ich früher nicht unbedingt. Meine politischen Aktivitäten in der Hafenstraße und der Roten Flora haben mal eine andere Sprache gesprochen

Von der Oelsnitz: Ich habe ein bisschen meinen Frieden mit diesem Land gemacht – den hatte ich früher nicht unbedingt. Meine politischen Aktivitäten in der Hafenstraße und der Roten Flora haben mal eine andere Sprache gesprochen. Mein zweiter Gedanke ist, dass diese Unterversorgung in den Einsatzgebieten mit Ärzte ohne Grenzen ein Politikum ist. Die Menschen in Gaza und Sudan sind nicht unterversorgt, weil sie zu doof wären, Krankenhäuser zu bauen, sondern, weil wir in der nördlichen Hemisphäre Gewinne aus dem Krieg ziehen. Da kann man natürlich wütend sein. Aber ich kann mich in meinen Einsätzen mit Ärzten ohne Grenzen nicht lange aufhalten mit Wut, sondern mein Auftrag ist, wie irrsinnig zu arbeiten, um zumindest die gesundheitliche Situation der Menschen zu verbessern.

taz: Spielt Adrenalin bei der Arbeit eine Rolle?

Von der Oelsnitz: Mein letzter Einsatz für Ärzte ohne Grenzen war auf Haiti. Da mischte sich eine gewisse Gefährdung mit einem enormen Arbeitseinsatz und dem Bedarf, sich in möglichst kurzer Zeit einzuarbeiten im Bereich Trauma und Verbrennung. Wir hatten 500 Leute Personal und fast 100 Betten – da kann man sich vorstellen, was da für ein Adrenalin drin ist, was für ein Beef. Da ist Anforderung an mich selber, an alle, die da arbeiten.

taz: Brauchen Sie einen Ausgleich zu dieser Arbeit?

Von der Oelnitz: Ich freue mich über meine Familie, über Menschen um mich herum. Ich koche gerne, ich esse gerne. Ich freue mich über Wärme im Sommer zum Baden. Manchmal bin ich schon erschöpft und schlafe schlecht. Nachts fallen mir immer Sachen ein, die ich noch hätte erledigen können oder bei denen ich denke: Das darf ich nicht vergessen, das muss ich mit den Kolleginnen und Kollegen noch besprechen. Bei den Auslandseinsätzen schlafe ich um 21 Uhr fast im Stehen ein und wache um 4 Uhr wieder auf.

taz: Und dann?

Von der Oelsnitz: Dann war’s das mit der Nacht und ich fange ein bisschen an zu arbeiten.

taz: Das klingt für mich nach dem klassischem Arbeitsethos. Wie verträgt sich das eigentlich mit dem alten Linken in Ihnen?

Von der Oelnitz: Ehrlich gesagt war die autonome Linke in den 80er, 90er Jahren in meiner Erinnerung ziemlich streng. Ich erinnere zum Beispiel, dass es auf den Demos früher total verboten war, Alkohol zu trinken. Ich war lange in der Sani-Gruppe, die Leute deshalb aus den Demos rausholte, und die Punks mussten immer hinten gehen, weil sie besoffen waren. Manchmal klinge ich ziemlich preußisch, wenn ich mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen spreche.

taz: Inwiefern?

Von der Oelsnitz: Wenn es um Work-Life-Balance geht, dann sage ich: Du arbeitest hier für Menschen, denen es enorm dreckig geht. Und du hast das unverschämte Glück, nicht bei Lidl an der Kasse sitzen zu müssen, wie so viele, weil ihr Schulabschluss schlecht war, weil sie keine andere Chance haben. Also enjoy bitte ein bisschen diesen Arbeitsplatz, weil du sinnvolle Arbeit hast und das ist toll und manchmal auch anstrengend, brutal und eklig. Dafür hast du ihn ausgesucht.

taz: Wie ist eigentlich die Rückmeldung von außen auf Ihre Arbeit?

Von der Oelsnitz: Es gibt Leute, die sagen: Hast du ein Helfersyndrom? Mit meiner Frau diskutiere ich auch manchmal. Sie sagt: Du wirst in Stücke geschossen, aber du stirbst als Held, und wir bleiben hier alleine. Oder Freunde, die sagen: Amadeus, ganz ehrlich: Du bist schon beim Drob Inn, was willst du noch? So ein bisschen im Mittelmeer retten? So ein Einsatzangebot hatte ich auch schon, das hat aber nicht geklappt und ich war ganz froh darüber. Aber es gibt auch welche, die sagen: Toll. Und das tut gut.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen