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Er­fur­te­r*in­nen über Anti-AfD-AktionVon „Scheiß“-Blockaden bis „AfD verbieten“

Das Bündnis Widersetzen hat am Wochenende versucht, den Bundesparteitag der AfD zu verhindern. Wie fanden die Menschen in Erfurt die Aktion?

Lotte Laloire

Aus Erfurt

Lotte Laloire

Den Bundesparteitag der AfD konnten die Blockaden am Samstagfrüh nicht verhindern. An 12 Orten in und um Erfurt versperrten laut dem Bündnis Widersetzen insgesamt 17.000 Ak­ti­vis­t*in­nen physisch die Zufahrt zur Messehalle. Doch die AfD-Delegierten waren längst angereist, der Parteitag konnte pünktlich beginnen.

In der rechten Bubble machte man sich lustig, dass die Linken wohl keine Wecker hätten, um früh genug aufzustehen. Auch einige Linke halten die Blockaden für gescheitert. Das Bündnis Widersetzen sprach trotzdem von einem Erfolg. „Das waren die größten Blockaden, die wir je auf die Beine gestellt haben“, heißt es auf der Website.

Aber wie fanden Unbeteiligte vor Ort die Blockaden? Die taz hat sich in Erfurt umgehört und festgestellt: Die Meinungen gehen auseinander. Und das nicht nur entlang der erwartbaren politischen Linien.

„Eine Sauerei“, wettern die Seniorinnen sofort los, als die Reporterin sie auf die Blockaden anspricht. Und das hieße nicht, dass sie etwas mit der AfD zu tun hätten, jagen sie im selben Atemzug hinterher. „Aber die wurden hier ja in Busladungen angekarrt“, kritisiert die eine, „und dafür bezahlt“, behauptet sie entgegen den Fakten.

„Mit den Protesten schenkt man der AfD ja noch mehr Aufmerksamkeit – und schanzt ihr sogar Leute zu“, mutmaßt die andere. Die 68-Jährige war früher „Industriekaufmann“. Zuletzt habe sie BSW gewählt, aber nach den Aktionen vom Wochenende könne sie sich durchaus vorstellen, AfD zu wählen. Die SPD wählen sie schon lange nicht mehr. Warum nicht? „Wegen allem.“

Vor einem Späti sitzt eine 19-Jährige mit ihren Friends. Sie hat perfekt geschminkte Wimpern, keine Ausbildung und arbeitet im Sicherheitsbereich. Die Blockaden fand sie „scheiße – für die Mitbürger hier“. Die AfD findet sie genauso „scheiße“. Mehr möchte sie nicht sagen.

„Die Blockaden finde ich nicht gut“, gibt auch die Mitarbeiterin eines Buchladens zu Protokoll. Auf Autostraßen sei das „zu gefährlich“, meint die 26-Jährige. Sie hat „Verkäufer“ gelernt, wohnt zehn Minuten von Erfurt entfernt. Sie selbst wähle jedes Mal etwas anderes, die AfD sei noch nicht dabeigewesen. Normale Demos stören sie nicht: „Des is mir egal, des können die machen.“ Ob sie Verständnis dafür hat, dass Leute gegen die Partei protestieren? „Joar.“

Sorgen um Straßenverkehr

Dass die Blockaden „in den Straßenverkehr“ eingreifen, ist das häufigste Gegenargument, das die taz hört. „Das geht gar nicht“, findet auch ein 47-Jähriger. „Ich bin nicht rechts“, betont er gleich zu Beginn des Gesprächs. Er sei Nichtwähler, war mal bei Amazon im Lager tätig und ist jetzt arbeitssuchend. Für die Proteste habe er durchaus Verständnis, „weil es in der AfD wohl auch einige Rechtsextreme gibt“ – und beeilt sich zu ergänzen: „Aber nicht alle in der AfD sind so!“ Angst, dass sie an die Macht kommt, hat der Mann mit den braunverfärbten Zähnen nicht. „Noch schlechter werden kann es hier ja nicht.“

So ähnlich sieht das ein gelernter Berufskraftfahrer, der darüber nachdenkt, erstmals AfD zu wählen. „Ich bin immer am Zweifeln.“ Bei der Partei sei „viel Soziales“ dabei, sagt er und nippt vorsichtig an seinem heißen Kaffee. „Aber eine Diktatur will niemand.“ Ihn störe „das Rechtsextremistische“. Die SPD komme für ihn aber nicht mehr infrage, etwa wegen der Heraufsetzung des Renteneintrittsalters. Für die Blockaden äußert er einerseits Verständnis: „Man muss ja auf sich aufmerksam machen.“ Andererseits sagt er: „Blockaden auf der Autobahn gehen gar nicht, da kann es Tote geben!“

Auch diese Haltung begegnet der taz in Erfurt häufiger: Friedliche Proteste: Okay. Blockaden oder Militanz: Nein danke. Ein 16-Jähriger mit Sporttasche über der Schulter fand die Posts im Vorfeld zu aggressiv. „Also die Drohungen, AfD-Mitglieder nicht nach Erfurt reinzulassen, von Dächern aus anzugreifen, bunkert euch Steine und was da alles angedroht wurde.“ Er könne sich vorstellen, beim ersten Mal AfD zu wählen, „die sind smart“, sagt er, stimmt der taz-Reporterin aber auch zu, dass es eine schwierige Frage ist, wohin Menschen mit deutschem Pass eigentlich „remigrieren“ sollten. „Ich bin mir ja auch noch nicht sicher, was ich wähle“, versichert er zum Abschied.

„Wir haben das Weite gesucht“, sagt eine junge Frau. Sie ist 28, Konditorin und wohnt direkt am Gothaer Platz, wo am Samstag eine der Blockaden stattfand. „Ich habe meine Katze geschnappt und bin aufs Land gefahren.“ Wieso? „Weil die Dächer besetzen, Pflastersteine runterwerfen wollten und so ’ne Faxen“, antwortet ihr Partner. Er ist 35 und Sozialpädagoge. Die Blockaden fand er affig. „Die können doch eh nicht verhindern, dass die AfD ihren Parteitag abhält.“ Wäre das denn gut? „Weder – noch“, findet sie. Wählen würde sie die AfD aber nicht.

Die Blockaden haben nichts gebracht, die AfD gehört verboten

Gewerbetreibende aus Erfurt

„Um Gottes willen!“, entfährt es der Dame mit dem grauen Zopf auf die Frage, ob sie bei Blockaden gegen die AfD mitmachen würde. „Nein.“ Die AfD würde sie nicht wählen, aber dagegen demonstrieren würde sie auch nicht, erklärt sie der taz lächelnd. Auch nicht bei einer ruhigeren Kundgebung, wie sie etwa am Domplatz stattfand. Sie und ihr Mann, ein Unternehmerpärchen um die 80, wählen beide CDU. Selbst wenn die mit der AfD koaliert? Achselzucken, wieder Lächeln. „Ich wähle nur die CDU.“

„Die AfD sollte verboten werden“

„Es hat sich ja gezeigt, dass das Blockieren nichts gebracht hat“, sagt eine Gewerbetreibende am Gothaer Platz. „Die Politiker sind trotzdem in die Messehalle gekommen, weil die Polizei ein bisschen schlauer war.“ Die AfD sollte aus Sicht der Betriebswirtin verboten werden. Protest und sogar Blockaden findet sie okay und zeigt sich erleichtert, dass es „dieses Mal sehr gesittet abgelaufen“ ist.

Der pensionierte Fleischer in der Straßenbahnlinie 4 findet die Blockaden „in Ordnung“. Die AfD gehöre verboten. „Wir haben genug Faschismus erlebt in diesem Land. Meine Eltern haben das mitgemacht. Wir brauchen das nicht noch mal.“ Um die AfD zu verhindern, würden die Blockaden allerdings nichts nützen, sagt der 65-Jährige. „Es kommt ja auf die Wähler an.“

Daran zeigt sich: Nicht alle Blockadegegner wählen automatisch AfD, viele wählen gar nicht (mehr) oder bezeichnen sich als unpolitisch. Selbst Konservative können Blockaden akzeptieren, in helle Begeisterung ausgebrochen ist niemand, mit dem die taz gesprochen hat. Zugleich bewerten nicht alle Blockadesympathisanten die Aktionen von Samstag als einen Erfolg. Durch die Bank positiv über die Blockaden geäußert haben sich die Migrant*innen, mit denen die taz gesprochen hat.

Die Blockaden sind nichts gegen das, was die AfD vorhat

14-Jähriger aus Erfurt

Von der rumänischen Toilettenfrau, die den Unterschied zwischen Demos und Blockaden zwar nicht ganz verstanden hat, aber froh ist, wenn etwas gegen Ausländerfeindlichkeit getan wird, über den afghanischen Apotheker bis hin zum pakistanischen Späti-Betreiber: „Das haben die gut gemacht“, lobt Letzterer das Bündnis Widersetzen. Geärgert habe ihn aber das Bohei, das Medien und Polizei veranstaltet hätten.

Ein 14-jähriger Schüler, dessen Familie aus Russland stammt und den stört, dass seine Schwester AfD wählt, sagt: „Was die Leute da versucht haben, ist wirklich gut. Blockaden sind nichts gegen das, was die AfD vorhat.“

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