Erfindungen, die weiterbringen sollen: Gehen für Fortgeschrittene
Drohnen, E-Bikes, Exoskelette und fahrende Koffer: Die Mobilität der Zukunft verspricht vor allem weniger Bewegung.
Foto: Christoph Soeder/dpa
N eulich war ich auf der IFA, der Konsumgütermesse in Berlin. Gleich im Eingangsbereich stand bei der „Zukunft der Mobilität“ eine Drohne für zwei Personen. Ich dachte an meinen letzten Schleswig-Holstein Trip mit meinem Sohn.
Wir hatten zunächst in einem arg verspäteten und von Fußballfans in Grund und Boden randalierten ICE Platz genommen und waren anschließend im Schienenersatzverkehr nördlich von Hamburg gestrandet. Zur angepeilten Familienfeier erschienen wir ebenso gerupft wie spät.
Ich betrachtete die Drohne zufrieden und stellte mir vor, wie ich damit nach Norden fliegen und auf einem nahe gelegenen Feld landen würde. Nur: Wie käme ich vom Feld zum Zielhaus? Das hier war doch eine „duale Mobilitätsform“, wo also waren die Räder? Ich ging um die Drohne herum, beugte mich herunter. Vielleicht ließen sie sich irgendwo ausklappen?
kolumne abgefahren
Verkehr ist nie nur Verkehr. Er erzählt, wem Platz gehört, wessen Zeit zählt und wer warten soll. In ihrer Kolumne schreibt Kerstin Finkelstein über Autos, Radwege, Bahnen, Baustellen und die große Frage, warum die Verkehrswende so oft schon an der nächsten Kreuzung liegen bleibt.
Ein hilfsbereiter Mann machte mich auf das danebenstehende Gefährt aufmerksam, einer Art Kreuzung aus Panzer und Mondfahrzeug, viermal so groß wie ein herkömmlicher SUV. „Darin“, erklärte er mir, „kann die Drohne transportiert werden“. Ach so. Die moderne duale Mobilität bestand darin, dass man für das eine Fahrzeug noch ein zweites Fahrzeug brauchte. Praktisch.
Schweiß = verdientes Eis
Ich verließ meinen Drohnentraum und kam an den E-Fahrrädern vorbei. Deren Gründungsvision als Rentnerschaukel war cool: Auch unfitten Menschen oder solchen mit Gebirge vor der Haustür Radfahren zu ermöglichen. Leider bekam das E-Bike dann soviel Schwung, dass ich es nicht mehr bremsen konnte.
Seither stehe ich staunend vor Rennrädern und Mountainbikes mit Motoren und denke: Das sind Sportgeräte, deren immanenter Zweck es ist, anstrengend zu sein. Und Anstrengung ist die kleine Schwester der Selbstwirksamkeit. Alle Sportler kennen die Kurzgleichung: Schweiß = verdientes Eis. In derselben Zeit mit demselben Kraftverbrauch viel weiter zu fahren, ist sinnfrei.
Ich lief zum nächsten Stand. Dort gab es was zum Umschnallen an Hüfte und Beinen, eine Art Exoskelett light. Wo es was auszuprobieren gibt, probiere ich gerne aus und ließ mir so ein Ding anlegen. Das Teil war schwer und nahm mir die Hälfte meines natürlichen Körpergefühls, aber tatsächlich liefen meine Beine fast von selbst die eigens aufgestellte Treppe hinauf. Wer denn die angepeilten Kundengruppen seien, fragte ich und dachte an Alte und Kranke, die Schwierigkeiten mit dem Gehen haben. „Junge, fitte Menschen, die gerne wandern!“
Gleich nebenan gab es selbstfahrende Koffer zum Draufsetzen. Ich fuhr eine Runde durch die Hallen und verstand, dass der menschliche Körper einfach Übergangstechnologie ist: Ein so wartungsintensives Gerät, das ständig bewegt werden will, weil es sonst irgendwann nicht mehr richtig funktioniert, hat keine Zukunft.
Jetzt bin ich gespannt auf die nächste IFA. Vielleicht gibt es dann ein rollendes Parkett für zu Hause, damit niemand mehr den Weg vom Sofa ins Schlafzimmer selbst bewältigen muss? In China gibt es übrigens schon Rolltreppen im Gebirge. Die Aussicht soll schön sein.
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