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Mobilitätswende verkehrtAszendent Auto

Das hätte unsere Kolumnistin nie gedacht – Bahn und Flieger machen sich Konkurrenz beim Chaos. Bleibt für Fernverbindungen nur das Individualmobil?

A nfang des Jahres scrollte ich im Fitnessstudio durch Youtube und bekam einen Astrologiepodcast vorgeschlagen. Während ich Gewichte hin und herschob, hörte ich, wie die Astroleute eine Menge Umsturzszenarien für 2026 an die Wand malten. Die Welt würde sich radikal wandeln, alle alten Sicherheiten schwinden, und wir täten gut daran, rechtzeitig bewusst in den Bauch zu atmen und alte Sichtweisen loszulassen.

Nun: Am Zusammenbrechen ist offensichtlich was dran. Und die neuen Sichtweisen erreichen bei mir seit diesen Ferien auch umstürzlerische Qualität. Zuerst fuhr mein Sohn mit der Familie seines Schulfreundes mit dem Auto nach Dänemark. Die Reise begann vor unserer Haustür, samt Abschiedsschwätzchen und Gepäck nach freier Entfaltung. 15 Minuten nach der von Google berechneten Ankunftszeit bekam ich einen Daumen hoch aus Dänemark.

Zurück sollte der Sohn allein mit dem Zug kommen. Einmal umsteigen in Hamburg mit 53 Minuten Zeitpuffer und meiner am Bahnhof bereitstehenden Nichte. Was sollte schiefgehen? Da diese Kolumne nur 3.000 Zeichen hat, fasse ich die nächsten sieben Stunden knapp zusammen: Dank insgesamt 16 Pushnachrichten der Deutschen Bahn auf meinem Handy konnte ich die Zugfahrt gespannt in Echtzeit begleiten.

kolumne abgefahren

Verkehr ist nie nur Verkehr. Er erzählt, wem Platz gehört, wessen Zeit zählt und wer warten soll. In ihrer Kolumne schreibt Kerstin Finkelstein über Autos, Radwege, Bahnen, Baustellen und die große Frage, warum die Verkehrswende so oft schon an der nächsten Kreuzung liegen bleibt.

Es gab einen ausgefallenen Zug, einen unplanmäßigen Umstieg, eine veränderte Wagenreihung, Gleisänderungen, Aufhebung der Zugbindung, Verspätung, noch mehr Verspätung, weniger Verspätung, doch wieder mehr Verspätung. Wegen eines Gewitters über Berlin und eines Blitzeinschlags bei Spandau fuhr der Zug schließlich über Potsdam zum Berliner Hauptbahnhof. Wir staunten, dass die Bahn jetzt sogar ein eigenes Wetter hatte – außerhalb der Gleise hatte es seit Tagen nicht geregnet. 59 Minuten zu spät und damit exakt eine Minute vor der Entschädigungspflicht erreichte der Ersatzzug schließlich den Bahnhof.

Zwei Tage später wollten wir alle zusammen nach Lettland, eine Freundin besuchen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre man einen Tag unterwegs, wir hatten nur eine Woche gemeinsam Urlaub und kauften, nun ja, Flugtickets. Wir checkten Bahn-App und Stellwerk, ob der Regio zum Flughafen auch fuhr, und liefen sicherheitshalber zum Hauptbahnhof, um S-Bahn-Störungen zu umgehen. Im pünktlich abfahrenden Zug kam die Nachricht: Der Flug ist gestrichen.

Ein Sternenhimmel für Visionen

Am BER hatte unsere Airline zwar kein Personal, aber es kam eine E-Mail mit neuen Tickets: Berlin–Frankfurt, Frankfurt–Prag, Prag–Riga. Achtzehn Stunden nach Verlassen der Wohnung kamen wir bei unserer Freundin an. In derselben Zeit hätten wir Kapstadt erreicht oder wären mit dem Auto nach Riga gefahren und halb zurück gewesen.

Lettland war großartig: Nationalparks, lange Strände und ein Sternenhimmel, der Visionen aufsteigen ließ. Ich stellte mir ein Verkehrsmittel vor, in das ich Klamotten, Essen, Spiele und Cremetuben in Originalgröße werfen konnte, das losfährt, wenn ich einsteige, und dort ankommt, wo ich hinwill. Ich atmete tief in den Bauch und verabschiedete eine alte Sicherheit: mir nie, niemals ein Auto zu kaufen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Kerstin Finkelstein

Kerstin Finkelstein

Dr. phil, Expertin für Verkehrspolitik und Migration. Studium in Wien, Hamburg und Potsdam. Volontariat beim „Semanario Israelita“ in Buenos Aires. Lebt in Berlin. Fährt Fahrrad. Bücher u.a. „Verkehrswände" (Favoritenpresse, 2026), „100 Seiten Verkehrswende" (Reclam, 2025) „So geht Straße“ (Kinder-Sachbuch, 2024, Ausgezeichnet mir dem Medienpreis der Kinderunfallhilfe), „Moderne Muslimas. Kindheit – Karriere - Klischees“ (2023), „Black Heroes. Schwarz – Deutsch - Erfolgreich“ (2021), „Straßenkampf. Warum wir eine neue Fahrradpolitik brauchen“ (2020), „Fahr Rad!“ (2017).
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