Epstein-Überlebende über neue Akten: „Es hat nicht mit Epsteins Tod aufgehört“
Lisa Phillips hat Jeffrey Epsteins Missbrauchssystem überlebt. Im Interview erzählt sie ihre Geschichte und kritisiert ausbleibende neue Ermittlungen.
taz: Frau Phillips, Sie sind jahrelang von Jeffrey Epstein missbraucht worden, bezeichnen sich aber nicht als Opfer, sondern als Überlebende. Wieso?
Lisa Phillips: Ich wollte nach dem Missbrauch nicht mehr mit der Opfermentalität leben, denn so bliebe ich machtlos. Als Überlebende kann ich sagen: Ich akzeptiere, dass ich Opfer geworden bin, aber ich beginne mich jetzt zu wehren. Die meisten Überlebenden wollen diesen Prozess durchlaufen, damit sie Kontrolle zurückgewinnen.
taz: Wie lange hat der Prozess bei Ihnen gedauert?
Phillips: Lange Zeit. Ich habe mich allein gefühlt, hatte keine Unterstützung durch Familie oder Partner. Niemand hat gefragt: Kann ich dir helfen? Viel eher habe ich unterschwellige Vorwürfe gespürt, dass ich selbst schuld sei an dem, was mir passiert ist. Das hat sich geändert, als ich in Kontakt mit anderen Epstein-Überlebenden gekommen war. Da wusste ich: Sie verurteilen mich nicht, wir können auf einer tieferen Ebene sprechen, weil wir die gleichen Erfahrungen teilen.
taz: Sie waren 21 Jahre alt, als Sie Jeffrey Epstein das erste Mal begegneten. Wie kam es dazu?
Phillips: Ich war gerade von Europa nach New York gezogen, um Model zu werden. Das war mein großer Traum. Ich durfte damals für ein britisches Magazin ein Covershooting auf den Britischen Jungferninseln machen. Es war auch ein polnisches Model dabei, mit dem ich mich gut verstanden habe. Sie lud mich ein, einen Freund auf einer Insel zu besuchen, der ihr sehr geholfen habe. Sein Name sei Jeffrey Epstein.
taz: Wussten Sie damals, wer Epstein ist?
Phillips: Nein, ich hatte seinen Namen noch nie gehört. Ich vertraute ihr und bin mit ihr zur Insel gefahren. Wir hatten einen schönen Tag, schwammen im Meer und im Pool. Seltsam fand ich nur, dass auch viele minderjährige Mädchen auf der Insel waren. Eine von denen knutschte mit einem deutlich älteren Typ im Pool rum. Das hat mich verunsichert. Beim Abendessen wurde ich dann neben Epstein platziert. Er war sehr charmant und hat mir viele Fragen gestellt.
taz: Erinnern Sie sich, welche Fragen das waren?
Phillips: Er sprach mit mir über meine Ziele im Leben. Wollte alles über meine Kindheit und meine Beziehung zu meinen Eltern wissen. Fragte, wie oft ich mit meinem Vater telefoniere. Ich hatte eine tolle Kindheit, aber keine sonderlich emotionale Beziehung zu meinen Eltern. Diese Lücke hatte einen Schmerz bei mir hinterlassen, und das hat Epstein gespürt. Auf mich wirkte er überhaupt nicht wie ein Playboy, sondern viel eher wie ein einfühlsamer Mentor. Während des Gesprächs hatte ich ihm erzählt, dass ich als Kind in Oxford gelebt habe, und er sagte: Oh, dann kennen Sie sicherlich die Royals. Wollen Sie mal einen Prinzen kennenlernen? Und er stellte ihn mir vor.
taz: Andrew Mountbatten-Windsor?
Phillips: Genau. Prinz Andrew kam an den Tisch, sagte kurz Hallo und verschwand wieder. Er war der Mann, den ich vorher mit dem Mädchen im Pool gesehen hatte.
taz: Wie ging der Abend weiter?
Phillips: Nach dem Abendessen klopfte ein junges Mädchen an unsere Tür und sagte: Mädels, Jeffrey ist bereit für seine Massage. Ich war verwirrt. Es kam zu einem kleinen Streit zwischen meiner polnischen Kollegin und mir. Sie sagte: Hör mal, wenn Jeffrey sagt, dass er von dir massiert werden will, dann musst du das machen. Ich wollte so gerne weg, aber ohne Boot hatte ich keine Chance. Ich ging also zu ihm. Und während ich diesen alten Mann massierte, scherzte er mit mir, flirtete. Dann kippte etwas. Aus der Massage wurde ein Übergriff. Das andere Mädchen und ich mussten uns ausziehen und gegenseitig berühren. Irgendwann berührte auch er uns, penetrierte uns mit einem Vibrator. Es dauerte alles nicht lange, aber es war extrem verletzend. Ich habe die ganze Zeit versucht, meine Tränen zurückzuhalten.
taz: Haben Sie danach mit jemandem über den Übergriff gesprochen?
Phillips: Nein, es war mir peinlich. Ich hatte das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Ich wusste ja nicht, welches System dahintersteckte. Ich versuchte alles zu vergessen und mein normales Leben in New York weiterzuführen. Doch nach einiger Zeit begannen seine Sekretärinnen täglich anzurufen, um mich zurückzulocken. Aber ich ging nie hin, ich hatte Angst vor ihm. Ich hatte seine dunkle Seite gesehen.
taz: Wie kam es dann zu einem Wiedersehen?
Phillips: Eines Tages rief Epstein mich persönlich an und sagte: Du hast mir doch erzählt, dass du Model bei Ford werden möchtest; ich bin gut mit Katie Ford befreundet, sie will dich kennenlernen. Ich dachte, das ist vielleicht seine Art, sich zu entschuldigen, und ich traf mich mit Katie. Ich wurde Ford-Model und war von da an Jahre in Epsteins Bann.
taz: Haben Sie je darüber nachgedacht, ihn bei der Polizei anzuzeigen?
Phillips: Niemals. Ich hatte so große Angst vor ihm. Wann immer sein Name irgendwo erwähnt wurde, fingen alle an zu schwärmen. Alle hielten ihn für einen tollen Typ: in der Mode- und Kunstwelt, in der Techbranche, in den Universitäten oder in der Politik. Ich hatte schnell begriffen, dass er überall seine Finger im Spiel hatte.
Lisa Phillips, Jahrgang 1977, lebt mit ihrer Familie in Los Angeles. In ihrem Podcast „From Now On“ spricht sie mit Überlebenden sexualisierter Gewalt.
taz: Epstein ist 2019 im Gefängnis gestorben, mutmaßlich ein Suizid. Wie haben Sie davon erfahren?
Phillips: Ich habe es in den Nachrichten gesehen und zu hyperventilieren und zu weinen angefangen. Ich war traurig, weil etwas in meinem Herzen mir sagte, dass Epstein ein guter Mensch sei, der mir und vielen meiner Freundinnen geholfen habe. Gleichzeitig war ich so immens wütend, weil ich wusste, wie böse er sein konnte. Er hatte diese beiden Seiten, das Gute und das Böse. Ich glaube, das sagt jede Überlebende. Denn für so ein Verbrechen muss man beides in sich haben.
taz: War sein Tod der Auslöser dafür, mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?
Phillips: Nicht direkt. Erst ein Jahr später, also 2020, bin ich an die Öffentlichkeit gegangen. Nachdem Virginia Giuffre öffentlich von Epsteins Menschenhandel und Sexhandelsring gesprochen hatte, wollte ich andere Überlebende unterstützen. Als ich mit Virginia sprach, realisierte ich, dass sie das junge Mädchen war, die ich mit Prinz Andrew im Pool gesehen hatte. Ich habe mit über hundert Betroffenen gesprochen und mit den Survivor Sisters ein Unterstützungsnetzwerk gefunden.
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taz: Mit diesen anderen Überlebenden standen Sie im September 2025 vor dem Kapitol in Washington, D. C., und haben die Freigabe der kompletten Epstein-Files gefordert. Jetzt wurden mit einiger Verspätung gut drei Millionen Seiten veröffentlicht. Fühlt sich das nach einem Sieg an?
Phillips: Nein, als Präsident Trump das entsprechende Gesetz unterschrieben hat, ging es darum, alle Akten zu veröffentlichen und die Namen der Opfer zu schwärzen. Jetzt ist ein Großteil der Verantwortlichen geschwärzt, aber die Namen der Überlebenden sind zu lesen. Es wurden Nacktfotos von teilweise Minderjährigen im Netz hochgeladen. Für mich ist das eine Form von Mobbing. Es ist ganz offensichtlich, wen die Politik hier schützt und wen nicht.
taz: Es gibt Berichte, dass einige der Überlebenden nun mit dem Tod bedroht werden.
Phillips: Ja, es gefällt den Leuten nicht, weil sie ihr System schützen wollen. Es gibt einfach gruselige Menschen da draußen. Auch ich wurde, als ich an die Öffentlichkeit gegangen bin, von einem Mann kontaktiert, der Epstein nachahmen wollte. Er hat mich gestalkt und wollte mich missbrauchen.
taz: Trotz der vielen Informationen soll es dem US-Justizministerium zufolge keine weiteren Ermittlungen und Anklagen geben.
Phillips: Das ist ein Skandal. In den Akten stehen so viele dunkle und beunruhigende Dinge, doch Konsequenzen gibt es keine. Unsere Gesetze schützen die Täter, die Perversen und die Pädophilen. Sie schützen nicht die Opfer. Aber wir werden nicht aufhören, selbst zu recherchieren und Dinge ans Licht zu bringen. Es kann nicht sein, dass die einzige Person, die im Gefängnis sitzt, eine Frau ist.
taz: Haben Sie noch Vertrauen in den Staat und seine Behörden?
Phillips: Das ist eine gute Frage, auf die ich keine echte Antwort habe. Ich vertraue darauf, dass viele Menschen das Richtige tun und das Netz aus Verbrechen aufdecken wollen. Doch viele der Täter sind Milliardäre, und Geld regiert bekanntlich die Welt. Geld bringt die Menschen zum Schweigen. Bisher agiert das ganze System gegen die Opfer. Als wäre es allen egal, wie es uns geht. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir weiter laut sind und gehört werden. Dass wir uns nicht einschüchtern lassen, sondern weiter Gerechtigkeit fordern.
taz: Wie würde Gerechtigkeit denn für Sie aussehen?
Phillips: Gerecht wäre es, wenn alle Männer, die den Missbrauch ermöglicht haben, ins Gefängnis kommen. Wie kann es sein, dass sie frei und sorglos leben können, während 1.200 Opfer auf Konsequenzen warten? Da stimmt doch etwas nicht.
taz: Wollen Sie irgendwann einen Schlussstrich ziehen?
Phillips: Nein, ich werde weiterkämpfen. Wir wollen Druck auf die richtigen Leute ausüben, damit sie etwas gegen dieses System unternehmen. Wir kämpfen weiter, damit endlich alle Akten veröffentlicht werden. Denn der Menschenhandelsring hat nicht mit Epsteins Tod aufgehört. Er besteht immer noch, und er hat Ableger in allen möglichen Ländern. Ich fühle mich moralisch verpflichtet, nicht aufzuhören.
taz: Wieso das?
Phillips: In erster Linie, weil ich Mutter bin und will, dass meine Kinder in einer sicheren Welt leben. Mir ist klar, dass ein Kampf für Gerechtigkeit lang und hart wird. Denn es ist ein Kampf gegen die Mächtigen. Hunderte Jahre sind sie damit durchgekommen, zu tun, was sie wollen. Das muss aufhören. Die Mächtigen brauchen ein anderes Hobby, als kleine Mädchen zu missbrauchen.
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