20 Jahre Villa Liebermann: Ein leichter Windhauch in den Birken
Die Villa Liebermann am Wannsee feiert ihr zwanzigjähriges Bestehen als Museum und Gartendenkmal. Die Sonderausstellung streicht wie ein Windhauch durchs Haus.
Foto: Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e. V.
Alfred Lichtwark, ein Kunsthistoriker aus Hamburg und ein Freund von Max Liebermann, hatte den Maler bei der Gestaltung seines Staudengartens am neuen Sommerhaus am Wannsee beraten. Mit seinen vielen Gemälden von blumenumrankten Blicken auf das Haus wurde die Villa Liebermann und ihr Künstlergarten bald bekannt. Am 26. Juli 1910 war der 63-jährige Liebermann mit seiner Frau Martha und Tochter Käthe eingezogen. „Sehen Sie, diese zehn Finger haben alles in zwei Jahren ermalt, Grundstück, Haus, Gartenanlage und Einrichtung“, so notierte Lichtwark den Stolz des Künstlers auf sein neues Haus nach seinem ersten Besuch. Sich das selbst erarbeitet zu haben, war dem Maler wichtig.
Stolz ist auch die Max-Liebermann-Gesellschaft e. V. (MLG), das Museum Villa Liebermann mit bürgerschaftlichem Engagement gegründet zu haben. Am 25. Juli laden sie zum Sommerfest ein, um ihr 20-jähriges Bestehen zu feiern. Dass die Villa 2006 zum Museum werden konnte, verdankte sich der Initiative, dem Enthusiasmus und der Hartnäckigkeit der MLG, 1995 von 15 Privatleuten gegründet. Die Villa war zu der Zeit vom Bezirk Zehlendorf an einen Tauchclub vermietet. Die MLG wollte mit dem Haus nicht nur an den Künstler Max Liebermann erinnern, sondern auch an die Geschichte des Hauses, die von nationalsozialistischer Perfidie und späterer Verdrängung der Erinnerung gekennzeichnet ist.
Max Liebermanns Witwe Martha war 1940 durch die Nationalsozialisten zum Verkauf an die Reichspost gezwungen worden, ohne den Kaufpreis je zu erhalten. Wirtschaftlich ruiniert, brachte sie sich vor ihrer Deportation um. Die Nazis nutzten das Haus für ihre Propaganda, bis es als Lazarett und schließlich nach Kriegsende als Krankenhaus genutzt wurde. 1951 erhielt die Erbin, Liebermanns, Tocher Käthe Riezler, die rechtzeitig in die USA emigriert war, die Villa in einem demütigenden Verfahren der Wiedergutmachung zurück und verpachtete es an das Krankenhaus, bis sie das Haus 1957 an das Land Berlin verkaufte. Es wurde unter die Verwaltung des Bezirks Zehlendorf gestellt, der es an den Tauchclub vermietete und sich lange gegen das Anliegen der MLG sperrte, hier einen Erinnerungsort für Max Liebermann zu schaffen.
„Im Fokus. Liebermanns Pastelle“: Liebermann-Villa am Wannsee, Berlin, bis 21. September. Sommerfest am 25. Juli. Publikation: „Haus. Kunst. Garten“ (Sandstein Kultur) 28 Euro.
Seit ihrer Eröffnung im April 2006 aber hat sich die Villa Liebermann zu einem beliebten Museum entwickelt, 70.000 Besucher kann sie im Jahr zählen. Die Gärten, mit Gemüse- und Staudenbeeten vor dem Haus, die wie zu Liebermanns Zeiten in wunderbaren Farben kombiniert sind, und die Wiese zum See hin, von einem Birkenweg und einem Heckengarten gesäumt, sind ein Gesamtkunstwerk, fast so, als könne man durch Liebermanns Gartenbilder selbst laufen. Dank vieler Fotografien des Gartens und der Bilder Max Liebermanns weiß man viel über seine historische Gestalt.
Ehrenamtliche Mitarbeitende
Inzwischen kann das Museum mit 16 festen Stellen arbeiten, aber noch immer findet das bürgerschaftliche Engagement, dem sich die Museumsgründung verdankt, seine Fortsetzung in der Arbeit von 120 ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Sie verkaufen die Tickets im Gartenhaus und betreuen den Shop, sie helfen den Gärtnern und machen Führungen.
Foto: Thomas Lingens; Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e. V.
Das „Herzblut“ und die „Liebe, die sie dem Haus entgegenbringen“, sind in den Augen von Evelyn Wöldicke, Direktorin seit eineinhalb Jahren, prägend für die gastliche Atmosphäre des Hauses. Auch finanziell sind die Ehrenamtlichen ein wichtiger Faktor, ohne den das Haus, das keine institutionelle Förderung erhält, sondern von Spenden, Stiftungen und Eintrittsgeldern lebt, wirtschaftlich nicht über die Runden käme.
Die letzte große Spendenaktion galt dem Garten, der mit einem neuen Bewässerungssystem auf die heißeren Sommer vorbereitet wurde und teils neue Pflanzen brauchte, resistenter gegen Schädlinge, die sich mit dem Klimawandel vermehrt haben. So kratzen auch an diesem Paradies die Bedrohungen der Gegenwart.
Intime Formate aus Skizzenbüchern
Die aktuelle Sonderausstellung hat etwas von einem leichten Windhauch, der durch das Haus streicht. Sie gilt den Pastellen Max Liebermanns, intimen Formaten aus den Skizzenbüchern, manchmal nur postkartengroß. Bewegte Farbbänder deuten in den Gartenszenen blühende Stauden an, die Luft flimmert über dem Strand in Holland. In vielen Sonderausstellungen hat das Museum bisher das gesellschaftliche Umfeld Liebermanns erschlossen, über das jüdische Leben in Berlin erzählt, über Kunsthandel und Kunstpolitik, Künstlerbündnisse und Künstlerinnen.
Zum Jubiläum ist eine Publikation erschienen, „Haus. Kunst. Garten“. Sie erläutert, wie sich in der Architektur Liebermanns Begeisterung für Hamburger Elbvillen wiederfindet, wie erfolgreich seine Gartenbilder nach kurzer Zeit am Kunstmarkt und in Ausstellungen waren, aber auch die Geschichte der Villa, die sie nicht zuletzt zu einem Gedenkort macht für ein liberales jüdisches Bürgertum.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert