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Spielfilm „Verflucht normal“Ein Held, der schimpfend um sich schlägt

Das Biopic „Verflucht normal“ erzählt die Geschichte des Aktivisten John Davidson. Darin erfährt man mehr übers Tourette-Syndrom, als man je gefragt hätte.

Mittagspause: John (Robert Aramayo) und Dotty (Maxine Peake) in „Verflucht normal“ Foto: Wild Bunch Germany

Das Leben müsse rückwärts verstanden werden, schrieb einst der Philosoph Søren Kierkegaard. Das dürfte der Grund sein dafür, dass so viele Biopics mit einer Szene beginnen, die gen Ende der Lebensgeschichte steht, die sie im Anschluss retrospektiv aufrollen. Im Fall von „Verflucht normal“ ist es die Ehrung als „Member of the Order of the British Empire“, die dem Aktivisten John Davidson (Robert Aramayo) zuteilwird.

Einen Orden von der Queen entgegenzunehmen, würde wohl jeden in Aufregung versetzen. Davidson aber hat ein sehr spezielles Problem. Er hat das Tourette-Syndrom und fürchtet, dass ihm angesichts Ihrer Majestät die Zunge durchgehen könnte, er also zur Unzeit so was wie „Fuck the queen!“ ruft.

Von Davidsons realer Begegnung mit Queen Elizabeth II. aus dem Jahr 2019 gibt es Archivaufnahmen, die Regisseur Kirk Jones (dessen Debütfilm „Lang lebe Ned Devine!“ 1998 ein Arthouse-Hit war) zu den Schlusscredits zeigt. Es sieht danach aus, als sei damals alles noch mal gut gegangen.

Der Film

„Verflucht normal“. Regie: Kirk Jones. Mit Robert Aramayo, Maxine Peake u.a., Vereinigtes Königreich 2025, 121 Min.

Im Gegensatz zum neuesten höchst feierlichen, aber auch höchst öffentlichen Moment, den Davidson erleben durfte. Und der, sollte Davidsons Leben noch einmal neu verfilmt werden, die noch bessere Auftaktszene für seine Biografie geben würde: Bei den britischen Filmpreisen, den Baftas, war „Verflucht normal“ als einer der besten Filme des vergangenen Jahres in fünf Kategorien nominiert.

Der Bafta-Skandal

Zur Verleihung Ende Februar dieses Jahres war Davidson selbst als Ehrengast eingeladen. Die Anwesenden, so hieß es später, seien darüber aufgeklärt worden, dass es mit Davidson zu gewissen Vorfällen kommen könnte. Niemand solle sich beleidigt fühlen, wenn dem Tourette-Mann ein Schimpfwort oder eine Obszönität entfahre.

Aber dann brach ausgerechnet das N-Wort aus ihm heraus, als auf der Bühne die afroamerikanischen Schauspieler Michael B. Jordan und Delroy Lindo einen Preis übergaben. Das war sowohl bei der Liveübertragung als auch noch bei der BBC-Aufzeichnung zu hören. Der Shitstorm nahm für Tage kein Ende.

Im Nachhinein hätten mal wieder alle es besser gemacht: Davidson hätte weiter weg vom Mikrophon sitzen sollen. Die BBC hätte seinen Ruf zumindest bei der Aufzeichnung rausschneiden können. Oder wäre es gar falsch verstandene Inklusion gewesen, Davidson – der den Saal kurz darauf verließ und sich „zutiefst beschämt“ entschuldigte – einzuladen?

Zusätzlich stand der nur hier und da laut ausgesprochene Verdacht im Raum, dass Davidson doch vielleicht-gewissermaßen-irgendwie unbewusst genau das gesagt habe, was er als weißer schottischer Mann nun mal denke. Denn die meisten begreifen Tourette-Syndrom so: dass den Menschen, die es haben, einfach der Filter fehlt, der die zivilisierten anderen davon abhält, fröhlich vor uns hin zu fluchen und damit unsere tiefen innersten Wahrheiten offenzulegen.

Allen, die sich im Umfeld des Skandals irgendeine Meinung gebildet haben, besonders aber denjenigen, die an die „Innere-Wahrheits-Hypothese“ glauben, sei dringend empfohlen, den Film zu gucken. Denn obwohl „Verflucht normal“ auf eine Weise als stinknormales, konventionell erzähltes Biopic daherkommt, das die übliche Klaviatur der Gefühle von tief betrübt bis zu himmelhoch jauchzend bedient, besitzt der Film etwas, was ihn weit aus diesem Genre herausragen lässt. Kurz gesagt: Man erfährt mehr über Tourette als einem je zu fragen einfiel. Und damit überraschend viel über das Menschsein an sich.

Davidson wuchs in einer kleinen Stadt in Schottland auf, und Kirk Jones zeichnet im Film die provinzielle Atmosphäre mit Präzision nach. Erste Symptome zeigt John als junger Teenager: konvulsive Zuckungen lassen ihn ausschlagen, und er verliert besonders in angespannten Momenten die Kontrolle über das, was er sagt. Für keines der Symptome gibt es irgendwo Verständnis, statt dessen wird er sowohl in der Schule als auch zu Hause immer nur sanktioniert und bestraft.

Jede Szene zeigt eine schmerzhafte Spirale der Gewalt: Man will den Jungen zur Ordnung rufen, verlangt Stillhalten oder Ruhe, aber genau das kann er nicht befolgen, woraufhin die Strafen drakonischer werden. Und alle denken immer, der kleine Junge meine genau das, was er so sagt.

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Trailer „Verflucht normal“

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Eine vorwurfsvolle Mutter

Dazu noch zieht sein Leiden Kreise. Für seinen Vater (David Carlyle) bricht eine Welt zusammen, weil der bis dahin erfolgreiche Fußballer nicht mehr mit anderen in einer Mannschaft spielen kann. Die Mutter (Shirley Henderson) verbannt ihn weg vom Familientisch; sein Essen muss er wie ein Haustier abseits in einer Ecke zu sich nehmen. Die Eltern trennen sich und der kleine John fühlt sehr genau, dass man ihm die Schuld dafür gibt.

Als nächstes begegnet man John als jungem Erwachsenen, nun von Robert Aramayo mit tief berührendem Naturalismus gespielt. Er lebt allein bei der Mutter. Deren Miene prägt der Dauervorwurf, dass sie sich in das beschämende Schicksal fügen muss, ein Monster als Sohn zu haben, mit dem selbst der Einkauf im Supermarkt zur Prüfung wird. John selbst hat resigniert, nimmt Beruhigungsmedikamente, die ihm nicht wirklich helfen und schleppt sich depressiv durch einen aussichtslos scheinenden Alltag.

Eine erste Rettung kommt in denkbar unscheinbarer Gestalt. John läuft einem alten Fußballkameraden über den Weg, dessen Mutter Dottie (Maxine Peake) als ehemalige Pflegekraft einer psychiatrischen Klinik endlich Verständnis für ihn aufbringt. In Dotties Haushalt muss er sich nicht mehr entschuldigen, wenn ihm eine Obszönität rausrutscht. Selbst dann nicht, wenn er der krebskranken Frau ein „Du bist bald tot!“ ins Gesicht blökt.

Zum Vorbild werden

Dottie ermutigt John dazu, sich einen Job zu suchen. Viel Auswahlmöglichkeiten gibt es nicht, aber im Kirchengemeindezentrum bekommt er beim Hausmeister Tommy (Peter Mullen) eine Chance. Es ist die zweite Begegnung, mit der sich Johns Leben zum Positiven wendet.

Denn obwohl Tommy sich von John so manchen Schlag mitten in die Magengrube gefallen lassen muss – das unfreiwillige Ausschlagen gehört zu seinen Tics genauso wie das Fluchen –, wird er zum väterlichen Freund und unverbrüchlichen Verbündeten. Und er hat die richtige Idee: Wenn niemand etwas über diese geheimnisvolle „Krankheit“ – ist es überhaupt eine Krankheit? – weiß, dann müsse eben John alles darüber lernen, was es zu lernen gibt, um die Welt aufzuklären.

Wo der junge John ein Opfer im zweifachen Sinn war, seiner eigenen Gewalt in Form von Tics und der Gewalt der anderen, die ihn dafür bestraften, wird der ältere John ein Mentor und Vorbild. Von großartiger Komik ist eine Szene, in der ratlose Eltern ihre jugendliche Tochter zu John bringen und die beiden sich erstmal minutenlang gegenseitig mit übelsten Flüchen übergießen, bevor sie ins normale Gespräch finden.

Im letzten Drittel wird „Verflucht normal“ zum Feelgoodmovie. Aber selten hat man das Happy End einer Figur so sehr gegönnt wie John Davidson. Denn die Wahrheit, die in Johns Obszönitäten und Tics zum Ausdruck kommt, ist nicht die eines versteckten Rassismus oder ähnliches, sondern folgende: Wir alle sind nur einen kleinen Schritt weit entfernt davon, die Kontrolle zu verlieren – über unsere Körperfunktionen genauso wie über unsere Sprache. Und wir alle brauchen das Verständnis der anderen dafür, dass wir auch dann noch Menschen sind.

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