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ZLB Berlin am AlexanderplatzEin Haus gegen die Leere

Die Zentral- und Landesbibliothek wird 125 Jahre alt. Seit ihrer Gründung sucht sie den richtigen Ort. Die Galeria Kaufhof am Alex könnte ihn bieten.

Wer am Alexanderplatz stehen bleibt, merkt schnell, dass hier schon lange vieles nicht mehr stimmt. Hunderttausende kommen jeden Tag vorbei. Sie steigen um, kaufen ein, flüchten schnell wieder. Müden Tou­ris­t*in­nen ist der Rand des Brunnens der Völkerfreundschaft zu dreckig, um sich zu setzen. Ber­li­ne­r*in­nen warten mit dem Rücken zur Weltzeituhr und sagen, dass sie nur der Freundin zuliebe hier seien, die sich eine billige Jeans kaufen muss.

Selbst den Straßenkindern, die den Platz vor zehn Jahren noch auf ihre Weise belebten, ist es hier zu ungemütlich geworden. Der Alex gilt als kriminalitätsbelasteter Ort, seit 2017 gehören Kameras, Polizeipräsenz und Kontrollen zur Kulisse. Aus dem geschichtsträchtigen (Ost-)Zentrum Berlins ist ein trostloser Ort des Transits und des Billigkonsums geworden. Ein berühmter Platz voller Menschen, der trotzdem immer öder wirkt: Das ist ein Problem, an dem ausgerechnet eine Bibliothek etwas ändern könnte.

Am 6. Juni feiert die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) ihren 125. Geburtstag. Ihre Geschichte ist von Beginn an auch eine der Raumnot: 1901 aus einer Idee gegründet, die radikal war – und es heute wieder ist: Bildung sollte nicht länger Privileg weniger bleiben.

Die ZLB feiert Geburtstag

Wann und wo? Die Berliner Stadtbibliothek wird 125 und feiert am Samstag, dem 6. Juni, ab 15 Uhr ein großes Hoffest in der Breiten Straße 30–36. Der Eintritt ist frei.

Highlight 1: Um 15.30 Uhr liest Jenny Erpenbeck, deren Roman „Kairos“ 2024 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet wurde, im Lesesaal. Moderiert wird die Lesung von Marion Brasch.

Highlight 2: Ebenfalls um 15.30 Uhr geht es beim Phonoklub „In die Archive“ tief hinab in die Schallplattenmagazine der Berliner Stadtbibliothek; die Schätze, die dort gefunden werden, werden anschließend live „auf den Plattentellern serviert“. (sm)

Früh gab es Neubaupläne, doch nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Bibliothek ins ehemalige Marstallgebäude an der Breiten Straße gerettet. 1995 wurde die Berliner Stadtbibliothek mit der 1954 eröffneten Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) zusammengeführt. Seitdem hat Berlins wichtigste Bibliothek zwei Publikumsstandorte – und sucht ein gemeinsames Dach.

Viele Standortdebatten

Kaum eine Berliner Kulturinstitution hat so viele Standortdebatten erlebt. Neubau- und Erweiterungspläne am Marx-Engels-Forum, an der AGB am Blücherplatz und auf dem Tempelhofer Flughafen scheiterten. Nebenideen wie die Nutzung des ICC verschwanden wieder. Die Nachnutzung der Galéries Lafayette wurde diskutiert und verworfen. Nun richtet sich der Blick auf den Alexanderplatz, wo die ZLB viel bewirken könnte.

Ausgerechnet dort, wo der Warenhausgedanke an sein Ende gekommen ist, könnte öffentliche Infrastruktur entstehen

Noch vor wenigen Monaten schien die Sache Schwung zu bekommen. Die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt machte sich dafür stark, die ZLB in die Galeria Kaufhof zu bringen. Ausgerechnet dort, wo nicht nur der klassische Warenhausgedanke an sein Ende gekommen ist, sondern auch die Vorstellung, Shopping könne eine Stadt nachhaltig kitten, könnte öffentliche Infrastruktur entstehen.

Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn es so einfach wäre. Mit dem Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson wenige Wochen vor den Berliner Wahlen ist neue Unsicherheit entstanden. Das Kulturressort hat jetzt ausgerechnet Stefan Evers (CDU) – Finanzsenator und Gesicht des Sparkurses – mit übernommen.

In der Kulturszene wirkt das wie ein Schreckensszenario; der Intendant des Berliner Ensembles nannte ihn „Faust und Mephisto in einer Person“. Zugleich ist kaum zu erwarten, dass Evers vor der Wahl noch große Sprünge macht. Eher dürfte er verwalten, sortieren, beruhigen.

Offiziell hält der Senat an der Hoffnung fest. Aus der Kulturverwaltung heißt es, man befinde sich zum Standort Alexanderplatz in „guten Gesprächen“. Leerstand an einem der meistfrequentierten Orte Berlins sei nicht zu verantworten, eine ZLB mit mehr als einer Million Besuchen jährlich könne „Attraktivität und Vielfalt des Platzes steigern“. Details nennt die Verwaltung nicht.

Für die ZLB heißt das: Eine verbindliche Weichenstellung vor der Wahl ist kaum zu erwarten. „Die Chance, die sich aktuell am Alexanderplatz ergibt, darf nicht wieder verpasst werden“, sagt Jonas Fansa, Direktor der ZLB, zur taz. Julian Schwarze von den Grünen meint: „Es ist nicht erkennbar, warum die Weichenstellung Richtung Alex nicht längst erfolgt ist.“ Anders gesagt: Zwar sprechen viele für das Projekt. Aber die Koalition steht nicht stringent genug dahinter.

Dabei drängt die Zeit. Denn die ZLB ist längst keine klassische Bibliothek mehr. Wer heute die AGB betritt, die ursprünglich für 500 Be­su­che­r*in­nen täglich konzipiert wurde und heute 3.000 verdauen muss, findet dort Sprachlernangebote, Digitalcafés, Medienwerkstätten, Lesungen, Musikangebote. Es können Kunstwerke, Drumcomputer, Nähmaschinen und Laptops ausgeliehen werden.

Schü­le­r*in­nen vom benachbarten Mehringplatz – einem der ärmsten der Stadt – lernen für Prüfungen, die jüngeren Geschwister vertrödeln die Nachmittage derweil in der Kinderbibliothek. In Berlin wächst nach jüngsten Zahlen fast jedes vierte Kind in einem Bürgergeldhaushalt auf – fast doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt.

Die robuste Warenhausstruktur eigne sich wunderbar für eine moderne Bibliothek

Beim Lesen zeigt sich, was das bedeutet: 27,2 Prozent der Berliner Viert­kläss­le­r*in­nen verfehlen den Mindeststandard, bundesweit sind es ein Drittel weniger. Ein Schulsystem, das schon in der Grundschule solche Lücken nicht schließen kann, braucht öffentliche Lernorte wie die Bibliothek umso dringender.

Aber die Bibliothek fängt nicht nur auf, was Schule und Elternhaus nicht leisten können. In der AGB zeigt sich auch, wie viele Formen von Teilhabe in dieser Stadt inzwischen fragil geworden sind. Themen wie Einsamkeit, Exil, Armut und Mietenmisere treffen auf engstem Raum zusammen. Besonders im Winter nutzen auch Wohnungslose die Bibliothek. Sie werden nicht hinauskomplimentiert, vielmehr denkt die ZLB darüber nach, das Team perspektivisch mit So­zi­al­ar­bei­te­r*in­nen zu ergänzen. Und das ist in einer Stadt, die immer dichter, teurer und kommerzieller wird, kein Zeichen des Scheiterns, sondern eins von Relevanz.

Was fehlt, ist Raum

Die ZLB ist längst Volkshochschule, Bürgerzentrum, Coworking-Ort und öffentliches Wohnzimmer zugleich. Den gefeierten Bibliotheken in Helsinki, Aarhus, Gent oder Oslo steht sie im Angebot kaum nach; mit bis zu 5.000 Besuchen am Tag ist sie schon heute die meistbesuchte Kultureinrichtung Berlins. Was fehlt, ist Raum. Während die vier europäischen Vorbilder im Schnitt auf rund 3,7 Besuche pro Einwohner und Jahr kommen, liegt die ZLB bei etwa 0,5 – nicht, weil sie weniger zeitgemäß wäre, sondern weil sie in zwei zu kleine, überlastete und marode Häuser gezwängt ist.

Die beiden bestehenden Standorte verfügen zusammen über rund 7.500 Quadratmeter Publikumsfläche. Im Kaufhof am Alexanderplatz stünden rund 17.000 Quadratmeter zur Verfügung, berichtet Jonas Fansa. Hinzu kommt, dass der neue Ort auch baulich drängt. Im Sommer 2024 kam es am Standort Breite Straße zu einem massiven Wassereinbruch. In einem Magazin stand das Wasser zehn Zentimeter hoch, sagt Fansa. In den Magazinen lagert das kulturelle Gedächtnis der Stadt: Handschriften, Karten, Zeitungen, Nachlässe, Drucke.

Eine Sanierung der bestehenden Standorte oder ein Neubau würde enorme Summen verschlingen, so Fansa. Der Umbau des Kaufhofs sei trotz der geschätzten 600 Millionen Euro wirtschaftlicher. Die Eigentümerin des Gebäudes Commerz Real, Immobilientochter der Commerzbank-Gruppe, befürwortet den Einzug der ZLB selbst. Sie würde nicht ins entstehende Bürohochhaus überm Kaufhof-Gebäude einziehen, sondern in Teile der Räumlichkeiten, die das Warenhaus heute noch nutzt. Wie gut das funktionieren würde zeigt ein Entwurf des Architekturbüros Atelier Oslo und lundhagem für Commerz Real.

Die offenen Geschossflächen, das zentrale Atrium und die robuste Warenhausstruktur eignen sich wunderbar für eine moderne Bibliothek. Ein eigener Eingang zum Stadtplatz könnte die Bibliothek von den Zugängen einer geschrumpften Galeria trennen. Große Fenster, geöffnete Fassaden und eine Dachterrasse könnten Innenraum und Stadtraum verschalten. Die AGB stellt im Sommer längst Liegestühle und Sonnenschirme auf die Wiese. Warum nicht auch am Alex?

Aus einem Kaufhaus würde ein öffentliches Haus. Rasmus Duong-Grunnet von Gehl Architects aus Kopenhagen hat den Alexanderplatz im Auftrag von Commerz Real untersucht. Bislang sei er vor allem eine überdimensionale Verkehrsinsel, sagt er der taz, umstellt von Einzelhandel, der sich nach innen wendet. Auch von den geplanten Wohn- und Bürohochhäusern sei kaum zu erwarten, dass sie dem Platz jene Urbanität schenken, die ihm fehlt.

Mehr als ein Frequenzbringer

Genau darin läge die eigentliche Kraft des ZLB-Projekts. Die Bibliothek wäre am Alexanderplatz nicht bloß neuer Nutzer, nicht bloß Frequenzbringer, nicht bloß Rettungsanker für ein Warenhaus. Sie könnte dem Platz etwas geben, was er seit Langem vermissen lässt: ein Innenleben, eine Adresse, einen Anlass zu bleiben. Sie könnte Stadtreparatur betreiben.

Wie stark so etwas wirken kann, zeigt Birmingham. Dort wurde die neue Zentralbibliothek zum Anker einer größeren Reparatur eines beschädigten Stadtraums: Verkehrsschneisen, Betonarchitektur und dunkle Unterführungen wichen besseren Wegebeziehungen, einem neuen Platz, Bäumen, Sitzkanten und einem flachen Wasserfeld. Die Bibliothek stand nicht einfach an diesem Platz. Sie half, ihn wieder zu einem Ort zu machen.

An einem gewöhnlichen Frühsommerabend in der Amerika-Gedenkbibliothek ist fast jeder Platz besetzt. Zwei junge Frauen beugen sich über dicke grüne Wörterbücher und sprechen Russisch. Drei Abiturientinnen suchen Literatur für die Deutschklausur. Niemand muss etwas kaufen. Niemand muss etwas bestellen. Niemand muss etwas beweisen. Das ist die knappste Ressource der Stadt geworden.

Und es wäre das schönste Geschenk, das die ZLB zu ihrem Geburtstag verdient hätte: endlich ein Haus, das groß genug ist für diese großartige Stadt.

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