piwik no script img

Ein Baustellenkoordinator für BerlinDamit es endlich fluppt

Der Senat will das Großärgernis Baustellen mit einem Ehrenamtler von außen angehen – und BVG-Busse zur Überprüfung im Vorbeifahren einsetzen.

Jenseits der 60, bodenständig, kein Schwätzer, fachlich hoch anerkannt und nun ehrenamtlich für Großthema zuständig – hatte das Berlin nicht jüngst erst? Dass der fast 64-jährige Jörg Seegers, unter anderem erfolgreicher Tunnelbohrer bei der U-Bahnlinie 5, nun das Baustellenproblem Berlins lösen soll, erinnert an die Verpflichtung von Exfeuerwehrchef Albrecht Broemme. Der organisierte erst in der Pandemie 2020 die Notfall-Coronaklinik, dann die Impfzentren und schließlich bis 2025 die Flüchtlingsunterbringung.

Insofern könnte Seegers, der am Dienstag im Roten Rathaus vor Journalisten saß, noch vor einigen Aufgaben stehen, auch wenn sein jetziges Engagement vorerst bis Jahresende befristet sein soll. Der schwarz-rote Senat hatte zuvor quasi begleitende Maßnahmen für seine Arbeit beschlossen. Laut Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) soll es darum gehen, Baustellen besser zu kontrollieren, teilweise auch digital. Regierungschef Kai Wegner (CDU) hatte schon im vergangenen Jahr angekündigt, einen Baustellenkoordinator einzusetzen.

Bonde präsentierte zudem ein System, das zwar pragmatisch, aber angesichts Berliner Schwierigkeiten mit weit weniger komplexen Sachverhalten wie Raketenwissenschaft wirkt: Busse der BVG sollen mit Kameras im Vorbeifahren Baustellen und ihren Zustand erfassen. Diese Daten sollen dann in eine Datenbank der Verkehrsverwaltung einfließen. Dort würde abgeglichen, ob die jeweilige Baustelle mit allen nötigen Hinweis- und Warnschildern auch so aussieht, wie sie genehmigt ist. Ob das alles mit der Sichtweise der Datenschutzbeauftragten einhergeht, ist noch offen.

Der neue Baustellenkoordinator – er selbst sprach am Dienstag von „Baustellen-Manager“ – sieht wie Bonde schon in besserer Kommunikation mit Anwohnern und Straßennutzern einen wesentlichen Schritt, um Ärger nicht überborden zu lassen. „Da kann man ganz viel Sprengstoff rausnehmen“, sagte Seegers. Simple Schilder in DIN A2 oder DIN A3 am Bauzaun sollen möglichst an jeder Baustelle aufklären, wie lange die Sperrung dauert. Er sei derzeit viel in der Bauwirtschaft unterwegs, um dafür zu werben, dass das auch ohne gesetzliche Vorgabe gilt.

Bußgelder bisher zu niedrig, um Wirkung zu zeigen

Was viele noch mehr nervt, beschrieb Seegers so: „Baustellen, bei denen nichts passiert, sind ein Riesenärgernis.“ Damit ein Bauzaun nicht länger eine Straße lange vor Beginn versperrt, setzen Bonde und Seegers auf höhere Bußgelder und die Möglichkeit, in so einem Fall den Abbau der Baustelle zu erwirken. Bislang aber ist die Lage noch anders. Die bisherigen Bußen bewegen sich laut Seegers „im Hunderter-Bereich“ – das sei natürlich nichts, was eine Baufirma stören würde. Ohne Konsequenzen sei das Ganze aber ein zahnloser Tiger, bestätigte er der taz.

Auf die Frage, warum es angesichts einer vielköpfigen, fest angestellten und bezahlten Mitarbeiterschar in der Senatsverkehrsverwaltung einen Ehrenamtlichen braucht, um das Baustellen-Problem zu lösen, sprach Bonde von „unglaublicher Erfahrung und Reputation“ von Seegers. „Die Kollegen in der Senatsverwaltung sind wirklich wahnsinnig erfahren“, sagte sie, aber Seegers Fähigkeiten seien, gebündelt, selten zu finden.

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!