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EU-MigrationspolitikDie Menschen, die am Wagen hängen

Unsere Kolumnistin wird an der marokkanischen Mittelmeerküste mit den Realitäten der EU-Grenzpolitik konfrontiert. Und fühlt sich überfordert.

Menschen, vermutlich Migranten, auf einer Anhöhe an der Tarajal-Grenze in der spanischen Enklave Ceuta, September 2024 Foto: Antonio Sempera/Europa Press/ap

D rei Jungs hängen an unserem Wohnwagen. Zwei an der Kabine, einer zwischen den Rädern. Die Autos in der nordmarokkanischen Stadt Tanger hupen uns an. Wir wollen nach Europa ausschiffen. Die Flüchtenden, die sich hier unter Lkws hängen, betreiben ein aussichtsloses Unterfangen: Der Hafen Tanger Med ist aufgerüstet mit Stacheldraht, Spürhunden und Röntgenkontrollen.

Die Jungs müssen runter, der eine unterm Wagen hängt lebensgefährlich, und ich bin auch nicht wild darauf, dass die anderen die Kabine aufbrechen. Wir halten an, verjagen sie, aber bis wir zurück in der Kabine und im schleppenden Verkehr sind, hängen sie längst wieder drauf. Einer der Jungs lacht über unsere kläglichen Versuche, Frontex zu spielen. Sein Lachen klingt höhnisch und leer, es erinnert mich an Straßenkinder, wie innerlich tot. Und ich bilde mir ein, er lache auch über unsere moralische Hilflosigkeit.

Wer mit dem Lkw rund um Europa fährt, erlebt Grenzen. Ein perfides Regime europäischer Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dessen Anblick Flug- und Zugreisenden erspart bleibt. Und es ist unmöglich, keine eigene Rolle und Schuld dabei einzunehmen. Wer verzweifelte Menschen am Wagen hängen hat, muss sich dazu verhalten. Und wer nicht gerade großen Heldenmut und Naivität besitzt, dem tut der nächste Blick in den Spiegel weh.

Wir begegnen auch der prügelnden Seite. Nahe der kroa­tischen EU-Außengrenze hetzt uns jemand nachts Wachen auf den Hals. Als wir die richtigen Pässe vorzeigen und niemanden dabei haben, entschuldigen sich die Polizisten unterwürfig. In Marokko nahe der Atlantikküste hämmern mitten in der Nacht Uniformierte an unsere Tür. Der Kommandeur erzählt später, sie würden hier Fluchtboote aufhalten. Es sind absurde Jekyll-und-Hyde-Beamte, vermeintlich nette Typen, die später Rücken mit Schlag­stöcken traktieren.

wochentaz

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Und wir? Der Security-Mann eines Supermarktes hilft: Er jagt die Teenager ins Gebüsch und verschafft uns Vorsprung. Ein Türsteher Europas. Vielleicht hätten wir den Kids zumindest ein Essen ausgeben sollen, irgendeine Geste des Miteinanders. Aber erst zum Essen einladen, dann wie Hunde verjagen, wenn sie den Wagen stürmen? Es kommt mir naiv und absurd vor. Vielleicht werden unsere Enkel irgendwann ratlos fragen, warum wir all das zugelassen haben. Ich werde keine gute Antwort haben.

Wir brettern ohne Halt bis zum Hafen und haben eine schöne Fahrt übers Meer. Kürzlich dachte ich noch mal an den lachenden Jungen. Da schrieb mir ein marokkanischer Freund, ein Kumpel sei beim Fluchtversuch gestorben. Er hatte sich unter einen Lkw gehängt und fiel.

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Alina Schwermer
freie Autorin
Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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