Räumung in Friedrichshain: Das Hugo-Dorf ist nicht mehr
Nach der Räumung ihres besetzten Hauses mussten Punks in der Gürtelstraße erneut ihr Lager verlassen. Damit verlieren sie ihren letzten Anlaufpunkt.
Foto: Steve Braun
Hektisches Treiben herrscht am Mittwochvormittag im Hugo-Dorf gegenüber der Gürtelstraße 39–41. In dem Gebäude hatten bis Ende September rund 20 junge Punks über einen längeren Zeitraum gelebt. Sie nannten es Hugo-Haus. Nach ihrer Räumung schlug ein Großteil von ihnen direkt gegenüber dem Gebäude ein Lager auf, das sie Hugo-Dorf nannten.
Am 14. Oktober muss der Platz bis 15 Uhr geräumt sein. Die Anmeldung für die Nutzung des Platzes war nicht verlängert worden. Das kam auch für die Bewohner*innen überraschend. „Wo ich heute übernachte, weiß ich auch nicht. Es heißt, dass sich da jemand drum kümmert“, sagt Marco, ein junger Mann mit schwarzen Locken.
Ein anderer Bewohner berichtet, er habe versucht, eine Kundgebung gegen die Nichtverlängerung anzumelden. „Doch das wurde abgelehnt, weil ich mich nicht ausweisen kann. Aber ich bin auch erst 17 Jahre alt, deshalb hätte es mit einer Anmeldung sowieso nicht geklappt“, sagt er.
Viel Zeit bleibt den Bewohner*innen nicht mehr. Ein von Unterstützer*innen organisiertes Auto lädt einige Matratzen und Geschirr ein, die zunächst eingelagert werden sollen. Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Wochen, dass die jungen Menschen ihren Aufenthaltsort räumen müssen.
Fenster sind schon raus
Derweil ist zu sehen und zu hören, wie gleich zwei ehemalige Hotels in der Gürtelstraße unbewohnbar gemacht werden. In den vergangenen Jahren hatten sie wohnungslosen Menschen als Unterkunft gedient. In einem der Gebäude haben Bauarbeiter bereits Fenster und Sanitäranlagen herausgerissen.
In den vergangenen Wochen waren in Berlin Graffitis mit dem Slogan „Hugo-Haus bleibt“ zu sehen. Doch die Solidarität der linken Szene hielt sich in Grenzen. „Es kamen immer wieder Menschen vorbei, die uns Essen oder auch Geschirr brachten“, sagt Martina aus dem Hugo-Dorf. Oft seien es auch Passant*innen gewesen, die die Zeltstadt gesehen und gefragt hätten, ob sie etwas bräuchten, oder die einfach freundlich mit ihnen gesprochen hätten, erzählt sie. Nun ist der Platz in der Gürtelstraße leer. Die wohnungslosen Menschen sind aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden.
Vasili Franco, der noch bis zum Regierungswechsel für die Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt, kritisiert den Umgang mit den Menschen in der Gürtelstraße. „Für die ehemaligen Bewohner*innen des Hugo-Hauses ist die Situation mittlerweile dramatisch. Die kalte Räumung durch den Eigentümer war absolut unnötig und hat verhindert, dass eine Übergangslösung gefunden wurde“, sagt er der taz. Das Vorgehen habe dazu beigetragen, dass die seelische und körperliche Belastung für die Betroffenen zu einer konkreten Gesundheitsgefährdung führe.
„Nur dank der Unterstützer*innen der Mahnwache gegenüber des Hauses konnte in den letzten Wochen ein Überleben sichergestellt werden“, stellt Franco klar. „In der Gürtelstraße zeigt sich exemplarisch, dass Obdachlosigkeit kein abstraktes Problem ist, sondern eine wachsende soziale Frage, die über persönliche Schicksale entscheidet.“
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