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„Disclosure Day“ von Steven SpielbergPräzise Beobachtung der Gegenwart

In seinem neuen Film „Disclosure Day“ stellt Steven Spielberg einer Welt der Angst eine universenumspannende Zuversicht entgegen.

Als die Welt sich in den 1970er Jahren auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges befand, entdeckte das Kino des kollektiven Westens eine filmische Form, um sich auf die undurchschaubare Wirklichkeit einen Reim zu machen: den paranoiden Thriller. Ein Einzelner oder eine kleine Gruppe entzog sich in diesen Filmen der kollektiven Geheimniskrämerei des Staates und musste gegen alle Wahrscheinlichkeit versuchen, am Leben zu bleiben. Auch in Steven Spielbergs neuem Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ steht die Welt am Abgrund.

In den Nachrichten nehmen die globalen Konfrontationen zu, die Armeen der Welt werden in immer höhere Alarmstufen versetzt. Während sich die globale Krise zuspitzt, sieht sich der Cybersicherheitskonzern Wardex mit einem abtrünnigen Mitarbeiter konfrontiert. Und der Kryptografieexperte Daniel Kellner (Josh O’Connor) kennt nicht nur alle Geheimnisse der Firma, er hat auch das gesamte digitale Archiv von Kontakten mit Außerirdischen entwendet, das die Firma seit Jahrzehnten für die US-Behörden vor der Öffentlichkeit versteckt.

Der Versuch, Kellners entführte Freundin gegen das Archiv, vor allem aber gegen ein mysteriöses Objekt außerirdischen Ursprungs zu tauschen, endet damit, dass Kellner, seine Freundin Jane (Eve Hewson), das Archiv und das außerirdische Objekt im Auto entkommen.

Der Film

„Disclosure Day“. Regie: Steven Spielberg. Mit Emily Blunt, Josh O'Connor, u.a. USA 2026, 145 Min.

Zum Unglück der Flüchtenden stellt sich schnell heraus, dass es in Spielbergs Mischung aus Science-Fiction-Film und paranoidem Thriller heute keine Verfolgungsjagden mehr braucht, sondern die Gefahr ganz woanders lauert. Wardex-Chef Noah Scanlon (Colin Firth) nutzt ein zweites der außerirdischen Objekte, um mit Daniels Freundin Jane Kontakt aufzunehmen. Das Objekt gibt ihm scheinbar die Möglichkeit, sie wie ferngesteuert zu einem Mordwerkzeug zu machen. Daniels nächste Bezugsperson wird für ihn zur tödlichen Gefahr.

Immer neue Spins quer durch die Genres

Unterdessen beginnt die Fernsehmeteorologin Maggie Fairchild (Emily Blunt) vor laufender Kamera klackernde Laute von sich zu geben, bevor sie schließlich zusammenbricht. Im Krankenhaus tauchen Mitarbeiter von Wardex vor ihrem Zimmer auf, die sich als FBI-Agenten ausgeben. Maggie ergreift gemeinsam mit ihrem Freund Jackson die Flucht. Zu ihrer eigenen Verwunderung weiß sie bei jedem Hindernis, das sich auftut, was zu tun ist und in welche Richtung sich Daniel auf seiner Flucht bewegt. In Jacksons Augen ist das Verhalten seiner Partnerin unerklärlich. In seiner Ratlosigkeit kontaktiert er das Krankenhaus und bringt Maggie so in Gefahr.

„Disclosure Day“ führt die Fäden der Handlung zunächst ziemlich gemächlich zusammen. Das gilt vor allem für den Fluchtweg von Daniel und Jane. Als sie in einem Farmhaus unterkommen, verwickeln sie sich in Diskussionen darüber, was Daniel das Recht gibt, die Informationen des Archivs offenzulegen, und ob das Wissen um außerirdisches Leben eine Gefahr für den menschlichen Glauben darstellt. Ganz weiß man zu diesem Zeitpunkt nicht, warum Spielberg den Bedenken Janes als Katholikin und ehemaliger Nonne solchen Raum gibt.

Die Irritation ist umso größer, sitzt man zu diesem Zeitpunkt im Film dem Eindruck auf, dass es sich bei „Disclosure Day“ um einen Actionfilm handelt. Doch Spielberg gibt dem Film virtuos immer neue Spins quer durch die Genres und hält den Film so unberechenbar.

Spielberg hat mit Filmen wie „Der weiße Hai“ (1975) und zu Beginn der 1980er Jahre mit den „Indiana Jones“-Filmen aus dem Geist von New Hollywood den Blockbuster erfunden. Ein Kino, das vom Jugendlichen bis zum Erwachsenen alle anspricht und seinerzeit den Studios mit Filmen mit überschaubaren Budgets gigantische Gewinne bescherte. Spielbergs Werk ist von zahlreichen Kontinuitätslinien durchzogen, sowohl in personeller als auch in thematischer und formaler Hinsicht.

Science-Fiction als wiederkehrendes Element

So hat Kameramann Janusz Kamiński seit „Schindlers Liste“ (1993) an allen Filmen des Regisseurs mitgewirkt. Szenenbildner Rick Carter prägt das Aussehen von Spielbergs Filmen ähnlich lang und der Editor Michael Kahn hat gar seit 1977 alle Filme Spielbergs montiert, seit 2017 („The Post“) zusammen mit Sarah Broshar. Bei „Disclosure Day“ hat Broshar die Montage allein übernommen.

Science-Fiction-Filme sind ein wiederkehrendes Element in Spielbergs Werk. In „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ nehmen Außerirdische Kontakt mit den Menschen auf. Die Begegnung zwischen den Kindern einer kalifornischen Kleinstadt und dem Kind einer Familie von Außerirdischen hat mit „E.T.“ (1982) einen Klassiker des Kinderfilms hervorgebracht. Später entstanden „A.I. – Künstliche Intelligenz“ (2001), eine Adaption von H. G. Wells’ Roman „Krieg der Welten“ (2005) und zuletzt „Ready Player One“ (2018).

Was Spielbergs Science-Fiction-Filme besonders macht, ist, dass sie zwar genreüblich die Zukunft als Labor für gesellschaftliche Fragen der Gegenwart nutzen, sich aber selten in das Schema Utopie/Dystopie einordnen lassen

Was Spielbergs Science-Fiction-Filme besonders macht, ist, dass sie zwar genreüblich die Zukunft als Labor für gesellschaftliche Fragen der Gegenwart nutzen, sich aber selten in das Schema Utopie/Dystopie einordnen lassen. Die Begegnung mit Außerirdischen rückt in „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und „E.T.“ menschliche Existenz in den Maßstab des Universums. Science-Fiction-Filme sind bei Spielberg ein Genre, um mit dem ganzen Repertoire an filmischen Mitteln die Erhabenheit außerirdischen Lebens zu beschwören und so Bescheidenheit angesichts menschlicher Allmachtshybris anzumahnen.

„Disclosure Day“ greift Elemente genau dieser Art Film aus Spielbergs Werk auf, erinnert in den Aufnahmen der Außerirdischen und ihrer Erscheinung vor allem an „Unheimliche Begegnung der dritten Art“. Auch die Bedeutung von Janes Religiosität, die im Erzählfluss des Films wie ein Fremdkörper wirkt, ist unter anderem Referenz an den Vorgängerfilm, der die letztendliche Begegnung mit den Außerirdischen als eine Art intergalaktischer Gottesdienst zeigte, in dem per Orgelmusik kommuniziert wird und ein Priester die Außerirdischen mit Engeln vergleicht.

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Trailer „Disclosure Day“

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Spielbergs neuster Film kreist weniger um die Begegnung mit Außerirdischen als um die Haltung der Menschen gegenüber dem Wissen um Leben jenseits der Erde. Während die US-Behörden und Wardex glauben, dass dieses Wissen der Weltöffentlichkeit vorenthalten werden muss, um keine Panik auszulösen und ein stabiles System von Machtausübung zu garantieren, vertrauen Daniel, Maggie, Jane und ihre Mitstreiter zunehmend darauf, dass angesichts einer Welt am Abgrund das Wissen um und die Begegnung mit dem Unbekannten etwas Gutes sind. Spielberg stellt eine Welt der Angst und der Politik der Angst einer universenumspannenden Zuversicht entgegen.

Auch „Disclosure Day“ macht sehr deutlich, dass Spielbergs Filme nicht direkt auf die Gegenwart reagieren. Aber sie entstehen von seinem ersten Film an aus einer präzisen Beobachtung der Gegenwart. Ob dies die kontrahierenden Männeregos in seinem Debütfilm „Duel“ sind oder die Familie in „E.T.“ mit einer alleinstehenden Mutter. Mit „E.T.“ verbindet „Disclosure Day“ noch eine weitere Gemeinsamkeit: Spielbergs wiederkehrende Abneigung gegenüber Sicherheitsbehörden.

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Auch dieses Mal stehen Polizei und Armee wie in „E.T.“ auf der Seite der Repression. Wie in der berühmten Verfolgungsjagd aus „E.T.“, in der die Kinder auf BMX-Rädern Streifenwagen ausmanövrieren, braucht es auch dieses Mal List, um dem Vertrauen auf das Gute und der Erhabenheit inmitten der Paranoia Raum zu verschaffen. In „Disclosure Day“ macht Steven Spielberg all das mit einer Leichtigkeit und mit einem Kinowissen, die es einem leicht machen, sich diesem Film anzuvertrauen. Das lohnt: „Disclosure Day“ gehört zum Besten des Kinojahrs.

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