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DiesorgendeStadt

Ein Kongress in Berlin diskutiert, wie eine Stadt aussehen könnte, die auf die Bedürfnisse ihrer Be­woh­ne­r*in­nen eingeht

Elif Eralp (links im Bild), Berliner Bürgermeisterkandidatin für Die Linke, wirbt für „Kiezkantinen“ Foto: Fritz Engel/Agentur Zenit

Aus Berlin Jonas Wahmkow

Elif Eralp, Bürgermeisterkandidatin der Linken bei der Berlin-Wahl im September, hat schon eine konkrete Vorstellung davon, wie die feministische Stadt von morgen aussehen könnte: „Sonntags könnte ich in ein Sorgezentrum gehen, wo alle Bedürfnisse abgedeckt werden“, sagt sie.

Diese Sorgezentren, die es in jedem Stadtviertel geben soll, würden Betreuungsangebote für Kinder und Alte, psychosoziale Beratung, medizinische Angebote bündeln. Gleichzeitig sollen sie Begegnungsorte sein, Orte der Kultur und Bildung, an denen Menschen zusammenkommen, ohne viel Geld ausgeben zu müssen.

Die Sorgezentren machen es möglich, die Kinder für ein paar Stunden in Betreuung zu geben, in der Zeit ein Sportangebot zu nutzen oder Freun­d:in­nen zu treffen, erklärt Eralp. Günstiges und gutes Essen gibt es auch, in der Kiezkantine. „Ich finde es eine tolle Vorstellung“, sagt Eralp freudig.

Es ist Freitagabend im Stadtteilzentrum Kompass in Marzahn-Hellersdorf. Hier, in der DDR-Plattenbau-Siedlung am Berliner-Stadtrand, endet gerade der „Krisengipfel zur feministischen Stadtpolitik“ mit einer Podiumsdiskussion. Neben Eralp disktutieren auch zwei kommunistische Bür­ger­meis­te­r:in­nen aus Chile, eine stadtpolitische Aktivistin aus Barcelona und eine ehemalige DDR-Stadtplanerin über eine Idee, die die Art, linke Politik zu machen hierzulande gründlich verändern könnte: die sorgende Stadt.

Schon im Namen des Konzepts liegt ein Verständnis von Stadt, das weit über eine Ansammlung von Beton, Asphalt, Rohren und Kabeln hinausgeht. Denn sorgen, das tun keine Häuser, sondern Menschen. „Stadt ist organisierter Alltag“, sagt die linke Bundestagsabgeordnete Katalin Gennburg, die den Kongress ins Leben gerufen hat. Dieser Alltag besteht aus Menschen, die arbeiten, sich erholen, sich begegnen und eben auch füreinander sorgen. „Wir wollen eine Stadt, in dem das Alltagsleben der Menschen im Mittelpunkt steht“, bringt Gennburg das Konzept auf den Punkt.

Viele deutsche Groß­stadt­be­woh­ne­r:in­nen haben heute eher das Gefühl, dass die Stadt an ihren Bedürfnissen vorbeigeht angesichts leer stehender Shoppingmalls, von Innenstädten, vollgeparkt mit Autos, die außer Konsum nichts zu bieten haben. Kulturzentren müssen Bürobauten weichen, Mieten explodieren, es gibt Wohnungsnot und Obdachlosigkeit, in den Randgebieten herrscht Ärztemangel.

Dieser beklagenswerte Zustand ist das Ergebnis kapitalistischer Stadtentwicklung. Denn die geschlechtliche Arbeitsteilung zwischen Produktions- und Sorgearbeit, ein historisches Grundprinzip des Kapitalismus, hat sich in unseren Städten auch räumlich materialisiert. Die überwiegend männlichen Lohn­ar­bei­te­r:in­nen fahren dorthin, wo die Fabriken stehen oder die Büros, in die Gewerbegebiete oder in die Innenstädte. Zu Hause, in den Wohngebieten, kümmern sich vor allem Frauen darum, dass die Männer in Ruhe der Lohnarbeit nachgehen können, indem sie kochen, die Kinder erziehen und einkaufen. „Stadtplanung war lange an einem spezifischen Lebensmodell orientiert. Ein männlicher Vollzeiterwerbstätiger, der morgens zur Arbeit fährt und Abends wieder zurück“, erklärt die Stadtforscherin Carolin Genz auf der Konferenz.

Selten dabei mitgedacht, so Genz, ist dabei die Sorge­arbeit, die nach wie vor überwiegend Frauen von Frauen erledigt wird. Denn Sorgearbeit besteht aus vielen kleinen Aufgaben und Wegen, die meist noch neben der Erwerbstätigkeit erledigt werden: die Kinder von der Schule oder Kita abholen, einkaufen, die pflegebedürftige Angehörige zu Arztterminen bringen.

Dort, wo die Stadt noch einer strikten räumlichen Funktions­trennung unterworfen ist, so wie es das städtebauliche Ideal der autogerechten Stadt seit den 50er Jahren vorsah, werden diese Miniaufgaben aufgrund der langen Wege schnell zur unlösbaren Aufgabe.

Eine sorgende Stadt ist dagegen eine Stadt der kurzen Wege, erklärt Stadtforscherin Genz. Im besten Falle sind alle Erledigungen in wenigen Minuten fußläufig erreichbar. Der Zeitaufwand der Sorgearbeit verringert sich dadurch deutlich. So bringen in Berlin viele Eltern ihre Kinder vor der Arbeit mit dem Auto zur Schule, weil es kein durchgehendes Netz von gesicherten Radwegen gibt. „Eine Stadt, die für ein Kind gut funktioniert, funktioniert für alle gut“, sagt Genz.

Neben einer auf Alltagsbedürfnisse ausgerichteten Mobilität zeichnet sich die sorgende Stadt durch eine starke sozia­le Infrastruktur aus, die viele Orte bietet, an denen Sorge­arbeit stattfinden kann. Dazu gehören nicht nur Kitas, Schulen, Pflegeheime und Krankenhäuser, sondern auch sogenannte dritte Orte. Der aus der Soziologie stammende Begriff bezeichnet Räume, in denen Menschen abseits von Familie und Beruf zusammenkommen können: Kneipen, Nachbarschaftstreffs, Cafés und Jugendklubs.

Doch es ist gerade die soziale Infrastruktur, die unter dem Spardruck der Politik am meisten leidet. „Der Senat kürzt Orte des Zusammenkommens weg und bringt sie massiv in Bedrängnis“, schildert Katalin Gennburg die Situation in ihrem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf. Dazu kommt: Viele dritte Orte verschwinden, weil sich die Grundstücke profitabler als Luxuswohnungen oder Büros verwerten lassen.

Wenn die soziale Infrastruktur schwindet, verlagert sich die Sorgearbeit zunehmend ins Private. Gibt es keine Hortplätze oder Ganztagsschule, muss eben ein Elternteil Teilzeit arbeiten, um die Betreuung sicherzustellen. Auch die Pflege von Angehörigen findet in Deutschland überwiegend im Privaten statt, der Anteil der Frauen ist laut einer Studie der AOK von 2024 mit zwei Dritteln unverändert hoch. Im Schnitt wenden Pflegende 49 Arbeitsstunden pro Woche für die Betreuung auf. Viele gehen daher in Teilzeit oder geben die Erwerbsarbeit komplett auf.

Die Idee der sorgenden Stadt ist, die Carearbeit aus dem Privatbereich zu holen und als Gemeinschaftsaufgabe zu verstehen. Die Sorgezentren, von denen Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp in der Paneldiskussion träumte, sind einer der Versuche, diesen Anspruch in die Praxis umzusetzen.

Statt unzählige Wege zu erledigen, finden Sorgearbeitleistende dort alles an einem Ort. Zusätzlich nehmen Tagesbetreuungsangebote für Kinder und Pflegebedürftige konkret Arbeit ab. Gleichzeitig bietet das Sorgezentrum einen Ort für Austausch, gegen die soziale Isolation, mit der viele Groß­stadt­be­woh­ne­r:in­nen zu kämpfen haben.

Wie viele linke Ansätze klingt auch die sorgende Stadt erst einmal nach einer schönen, letztendlich aber etwas utopischen Idee. Doch diese Idee lässt sich im Kleinen realisieren, ohne auf die Abschaffung des Kapitalismus zu warten: So gibt es vergleichbare Sorgezentren bereits in Barcelona, Santiago de Chile und der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá.

Für den kommunistischen Politiker Daniél Jadue, der bei der Podiumsdiskussion per Zoom zugeschaltet, war Sorge ein zentrales Projekt seiner zwölfjährigen Amtszeit als Bürgermeister Recoletas. Der Stadtteil der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile gilt als eher armer Arbeiter:innenbezirk. Da sich die Be­woh­ne­r:in­nen die überhöhten Preise für Medikamente nicht leisten konnten, gründete er staatlich organisierte „Volksapotheken“, die Arzneien zu deutlich günstigeren Preisen verkauften.

Auf die Idee sind Jadue und sein Team gekommen, indem sie mit den Menschen über ihre Sorgen und Bedürfnisse redeten. „Was für uns entscheidend war, war zuzuhören und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen“, berichtet Jadue.

Angesichts knapper Flächen und astronomischer Quadratmeterpreise braucht es auch in Deutschland pragmatische Ideen, die sorgende Stadt umzusetzen. Eine davon hat die Initiative „Sorge ins Parkcenter“ im Berliner Stadtteil Treptow. Die Ak­ti­vis­t:in­nen wollen leerstehende Shoppingmalls umnutzen und mit sozialer Infrastruktur füllen. „Die Konsumtempel aus den 90ern, die jetzt wegfallen, sind die perfekten Orte um Sorgezentren zu errichten“, sagt eine Aktivistin während eines Workshops.

Durch den Aufstieg des Onlinehandels stehen viele Shoppingmalls und Kaufhäuser leer. Sie sind oft zentral gelegen und gut angebunden. Um festzustellen, was überhaupt gebraucht wird, lädt die Initiative die Nachbarschaft ein, darüber zu diskutieren.

Doch wie die meisten schönen Ideen braucht auch die sorgende Stadt letztendlich viel Geld, um sie umzusetzen. Soziale Infrastruktur braucht Flächen, und die befinden sich in den meisten Großstädten in privater Hand. Auch Angebote wie Tagespflege und vergünstigte Mittagessen müssen erst einmal finanziert werden. „Ohne die Eigentumsfrage zu stellen und massiv umzuverteilen, wird das nicht funktionieren“, sagt Bürgermeisterkandidatin Eralp. Dafür bräuchte man die Wiedereinführung der Vermögen-, Erbschaft- und Schenkungsteuer.

Ganz ohne das Bohren dicker Bretter geht es dann wohl doch nicht.

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