Dead Moon kommen auf Tour: „Die tiefen Töne liegen mir“
Toody Cole von der US-Band Dead Moon über Forstarbeiten mit Motorsäge, Garagerock mit 70 und ihre Entscheidung, noch mal die alten Songs für eine Konzertreise zu spielen.
Es ist Sonntagmorgen bei Toody Cole in Orgeon, die 77-Jährige hat gerade gefrühstückt. Ihr Mann Fred ist inzwischen acht Jahre tot, die gemeinsame Band Dead Moon aber lebt weiter. Gerade bereitet sich Cole auf die mehrwöchige Europa-Tournee vor. Hinter dem Fenster des rustikalen Wohnzimmers wuchert dichte Vegetation.
taz: Der Blick aus Ihrem Fenster sieht tatsächlich nach einem Außenposten der Zivilisation aus. Leben Sie so „Off the Grid“, wie es der Buchtitel der Biografie über Ihre Band Dead Moon nahelegt?
Toody Cole: Als wir herzogen, gab es hier nichts: keinen Strom, keine Straße, kein Haus. Unsere Wasserversorgung kam von einem kleinen Bach, der durch das Grundstück fließt. Anderthalb Jahre haben wir in einem Zelt gelebt, bis ich Fred irgendwann sagte: „Hey, ich will in einem richtigen Haus wohnen.“ Ich mag ein bisschen Komfort, gerade wenn man drei kleine Kinder hat.
Kathleen „Toody“ Connor, war 17, als sie 1966 in Portland/Oregon den Musiker Fred Cole kennenlernte und im Jahr darauf heiratete. Eine Ehe aus der drei Kinder und eine faszinierende Do-It-Yourself-Karriere entstanden. Frustriert von den ständig wechselnden Besetzungen seiner Bands brachte Fred seiner Frau Ende der 1970er Bassspielen bei. Erfolgreich aber wurde das Paar erst durch das 1987 gegründete Garagen-Punk-Trio Dead Moon mit Schlagzeuger Andrew Loomis (das bis 2006 bestand). Seit 2023 tritt Toody mit dem früheren Pierced Arrows Schlagzeuger Kelly Halliburton und Christopher March an der Gitarre wieder vereinzelt live auf und geht nun wieder als Dead Moon auf Europa-Tour.
Das Buch: Szim (Hrsg.): „Dead Moon. Off the Grid“. Ventil-Verlag, Mainz 2020, 320 S.
Rereleaste Alben gibt es hier
Tour: 17.8. 2026 Köln „Garagen“, 18.8. 2026 Berlin, „Neue Zukunft“, 19.8. 2026 Hamburg „Nochtspeicher“, 30.8. 2026 Berlin,“ Neue Zukunft“
taz: Ihre Kinder sind lange aus dem Haus, Ihr Mann Fred ist 2017 gestorben: Wohnen Sie nun allein in der Wildnis?
Toody Cole: Nein, vor ein paar Jahren ist unser Sohn Weeden wieder eingezogen. Wir kommen gut miteinander aus und er ist stark genug, um die Motorsäge zu bedienen und für all die anderen Haus- und Forstarbeiten, die ich besser nicht mehr machen sollte.
taz: In der SWR-Mediathek ist eine einstündige Radiofeature über Dead Moon abrufbar. In Nürnberg singt sogar ein Frauenchor die Stücke Ihrer Band a cappella und eine Reihe der jetzt anstehenden Konzerte in Europa sind bereits ausverkauft: Obwohl sich Dead Moon vor 20 Jahren offiziell aufgelöst haben, hält die Faszination für Ihre Band weiter an. Woran liegt das?
Toody Cole: Da fragen Sie mich was! Ich bin gerade erst von einem Festival in Schweden zurückgekehrt, mitten in der Pampa, war wirklich schön. Danach haben wir vier Konzerte in Finnland gespielt. Alle ausverkauft. Natürlich waren da viele alte, nostalgische Fans. Es kam auch ein neues, junges Publikum hinzu. Leute, die kaum geboren waren, als Dead Moon sich auflösten. Eltern, ältere Geschwister haben ihnen wohl von der Band erzählt und jetzt wollten sich selbst ein Bild von uns machen. Auftritte von Dead Moon sollten immer familiär sein, für Fred, Andrew und mich gehörten Band und Publikum zusammen. Aber erst jetzt wird aus diesem Wunsch ein Mehrgenerationen-Event. Das hat etwas wunderbar Zeitloses, ich liebe es.
taz: Sie sagen, als Teenagerin seien Sie ein schüchterner, introvertierter Bücherwurm gewesen, der vermutlich Bibliothekarin geworden wäre. Inzwischen liegen Jahrzehnte in Garage-Punk-Bands hinter ihnen und mit 77 Jahren gehen Sie dieses Jahr erneut auf Europa-Tour. Wie kam das?
Toody Cole: 1966 Fred zu treffen, hat meinem Leben eine ziemliche Wendung gegeben. Vielleicht schlummerten da aber auch andere Wünsche in mir, als in einer Bibliothek zu arbeiten. Von Fred lernte ich Bass spielen und plötzlich stand ich Ende der 1970er während der Punk-Rebellion in Portland mit der Band The Rats auf der Bühne. Das ging so weiter, aber erst mit Dead Moon hat es richtig geklickt. Nach Freds Tod habe ich eine Weile keine Musik gemacht, aber zuletzt wieder mit Kelly Halliburton, unserem Drummer bei der Band Pierced Arrows gespielt. Kelly lebt dafür, auf Tour zu sein und Konzerte zu spielen und hing mir ständig mit der Idee in den Ohren, mit Dead Moon-Songs zu touren. Irgendwann sagte ich: „Mach halt, Kelly, buch' uns 'ne Tour!“
taz: Dead Moon wurden zeitgleich mit Grunge und unweit von Seattle und seinen Bands wie Nirvana groß. Anders als diese blieben Sie immer unabhängig. Warum?
Toody Cole: Ja, Grunge wurde maßgeblich durch ehemalige Punkkids in Seattle geprägt, die zuvor uns und die Wipers live gesehen hatten. Die Grunge-Welle hat auch uns geholfen, noch mehr aber die Mundpropaganda in ihrem Umfeld.
taz: Kurt Cobain meinte damals, er blicke mit Neid auf Bands, die sich keinen Major-Label-Diktat unterwerfen mussten.
Toody Cole: Glücklicherweise waren wir alt genug, um nicht auf Majorlabels hereinzufallen. Denen geht es nur ums Geld, nicht um die Musik.
taz: Kurt Cobain wollte Dead Moon als Support für Nirvana buchen, aber Sie haben das ausgeschlagen, weil Sie schon eine Neuseeland-Tour zugesagt hatten, bei der Sie vor durchschnittlich 50 Leuten gespielt haben.
Toody Cole: Eine von Freds eisernen Regeln lautete: Du sagst keinen Auftritt ab, nur weil ein besser bezahlter hereinkommt. Neuseeland war gebucht, und diese Tour wurde zum größten Spaß meines Lebens.
taz: Wieso ist Hollywoodstar Katharine Hepburn ein Vorbild für Sie gewesen?
Toody Cole: Sie war so selbstbewusst. Ich war schüchtern, und jemanden zu sehen, dem es egal war, was andere über sie dachten, war umwerfend. Als ich 40 wurde und durch Europa tourte, war ich Kate Hepburn! (lacht)
taz: Hatten Sie nicht nach dem 70. Geburtstag gesagt: Dankeschön, das war’s …
Toody Cole: Ja, das war ein guter Schlusspunkt. Dann bat mich Eric Isaacson, Labelboss von Mississippi Records, der die Dead-Moon-Neuauflagen veröffentlicht, anlässlich des 20. Geburtstags seines Ladens, etwas auf die Beine zu stellen. Ich habe mit lokalen Musikern eine Retrospektive konzipiert, mit Stücken aller Bands, in denen Fred und ich jemals zusammen gespielt haben. Das sollte eine einmalige Sache sein. In den Wochen danach explodierte mein E-Mail-Postfach und die Anfragen hörten einfach nicht auf. Bass spielen und gleichzeitig gut singen, das ist in meinem Alter eine Herausforderung. Bisher läuft es jedenfalls gut!
taz: Als Sie zur Veröffentlichung des Dead-Moon-Buches 2022 in Berlin auftraten, klang es wie früher.
Toody Cole: Da hab ich nur gesungen, während andere die Songs spielten. Das ist leicht und hat viel Spaß gemacht. Selbst Bass zu spielen und dazu singen ist schon schwieriger.
taz: Kürzlich haben Sie sogar eine neue EP unter dem Namen Pinky Tex veröffentlicht.
Toody Cole: Fred hat mich früher Pinky genannt und ich ihn Tex. Daher kommt der Name.
taz: Unter den vier Songs ist ein zuvor unbekanntes Lied aus der Feder von Fred. Gibt es noch viele unveröffentlichte Songs, auf die Sie zurückgreifen könnten?
Toody Cole: Als wir nur noch ein Duo waren, hat Fred eine Handvoll Songs komponiert, aber weder die Texte noch die Musik wurden fertig. Es gibt also eigentlich kein unveröffentlichtes Material mehr.
taz: Stimmt es, dass Joan Baez Sie zur Gitarre gebracht hat?
Toody Cole: Ja, wie jede Teenagerin wollte ich mit 14 oder 15 wie Joan Baez sein. Sie und Bob Dylan waren so cool. Meine Eltern kauften mir eine Konzertgitarre. Aber meine eher kleinen Hände und der breite Gitarrenhals wurden keine Freunde. Mit dem Bass war es anders, im Grunde ist es ein Perkussionsinstrument. Die Kraft eines E-Basses ist wunderbar. Die tiefen Töne liegen mir viel mehr als das hohe Zeug der Gitarre.
taz: Die Anziehungskraft von Dead Moon ging immer über den Sound hinaus. Viel hat auch mit Ihrer Do-it-Yourself-Mentalität und Ihrem Lebensstil zu tun.
Toody Cole: Die technologische Entwicklung rund um KI verläuft derart rasant, dass dies vielen Menschen Angst macht. Auch junge Leute suchen nach Alternativen und entdecken dabei die Vergangenheit – genau wie wir damals in den 1960ern und später. Zuletzt hab’ ich jemandem ein langes Interview gegeben, der einen Dokfilm über den DiY-Ansatz dreht. Für viele Junge ist das wieder interessant.
taz: Das Haptische ist dabei ein Faktor, aber bieten die digitalen Produktions- und Vertriebswege heute nicht auch gute DiY-Möglichkeiten, mehr als je zuvor?
Toody Cole: Vermutlich, aber für uns ging es bei DiY vor allem um eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig ermutigte und dabei unterstützte, eigene Projekte unabhängig von großen Musik-Konzernen in die Tat umzusetzen.
taz: Ist dieses Gemeinschaftsgefühl im digitalen Raum verloren gegangen?
Toody Cole: Ich glaube, die meisten Musiker:innen wollen mit Gleichgesinnten zusammenarbeiten. Für mich ist das Gefühl einer echten Band jedenfalls zentral, eine Ein-Mann-Show liefert das nicht. Nur Greg Sage hat das mit den Wipers mal geschafft und alle Instrumente im Alleingang eingespielt. Für mich würde das nicht funktionieren.
taz: Fred und Sie haben Dead Moon-Alben über Jahrzehnte selbst aufgenommen, gemastert und bei kleinen Presswerken auf Vinyl pressen lassen. Auch die Cover haben Sie selbst gestaltet – während Sie parallel ein Musikgeschäft geführt und Kinder großgezogen haben. Ist DiY bloß ein anderes Wort für Selbstausbeutung?
Toody Cole: Man muss jedenfalls höllisch auf sich selbst aufpassen. Irgendwann haben wir Vertrieb und Promotion abgegeben, weil es uns zu viel wurde und weder Fred noch ich uns gerne vermarkten. Die Kinder waren in den 1990ern erwachsen, so konnten wir ausgiebig durch Europa touren. Unseren Musikladen haben wir damals geschlossen. Vielleicht wären wir sonst wirklich durchgedreht.
taz: Mit Zipper, Rats oder King Bee haben Sie beide bereits vor Dead Moon in etlichen Bands gespielt. Aber keine war ansatzweise so erfolgreich. Wo lag das Geheimnis?
Toody Cole: Es lang an der speziellen Bandchemie, unsere Trio-Kombination, das Mysterium unseres Lebensstils, unsere Liebesgeschichte und vor allem an der Musik selbst. Wir drei hatten völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, und zusammen waren wir einfach umwerfend (lacht). Ich vermisse das sehr. Es war authentisch, und wir hatten so viel Spaß. Gegen Ende fühlte es sich mehr wie ein Job an, und Fred war etwas entmutigt, weil die Leute immer nur die gleichen alten Songs hören wollten. Also mache ich das jetzt für ihn: Ich spiele „Walking on My Grave“, „Dagger Moon“, „It’s O.K.“, „Dead Moon Night“. Noch ein letztes Mal.
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