Neue Buchreihe von Berliner Kleinverlag: Dylan mit Marx und Adorno ergründen
Der Philosoph Rüdiger Dannemann versucht in „I shall be free No. 10“ das Werk des Songwriters Bob Dylan ontologisch auszuloten. Das gelingt ihm aber nur bedingt.
Die Geheimwissenschaft „Dylanologie“ genießt international keinen guten Ruf. Obwohl die intensive Auseinandersetzung mit der Musik und dem Image von Bob Dylan als bloß spleenig-nerdige Beschäftigung mit dem Werk des inzwischen 85-jährigen Weltstars und Nobelpreisträgers noch vergleichsweise harmlos daherkommt. Etwas abschätziger schon ist die Verknüpfung von Dylanologie mit der „Garbology“. Damit wollte in den frühen 1970ern ein durchgeknallter Autor namens A. J. Weberman aus seinem Stalking und der damit verbundenen Erforschung des Hausmülls von Bob Dylan einen Forschungsgegenstand machen.
Um so mutiger (und, wie ich persönlich finde: sympathischer), dass nun der Berliner Kleinverlag Bertz + Fischer eine Buchreihe namens „Dylanology“ auflegt. Allerhand „Texte und Materialien zum Gesamtkunstwerk Bob Dylan“ werden angekündigt, und der erste Band liegt jetzt vor: „I Shall Be Free No. 10. Bob Dylans Songphilosophie“ von Rüdiger Dannemann.
Der Autor ist Philosoph, und in dem im Buchtitel angedeuteten Wort Befreiung sieht er ein Leitmotiv im Werk von Bob Dylan. Dannemann nimmt sich das gesamte veröffentlichte Werk Dylans vor, vor allem seine Songs unterzieht er einer großen philosophischen Analyse.
Unbedingt Subjektivität
Dass er Dylan selbst als „Antiphilosophen“ versteht, als einen, der seine Überlegungen eher als „philosopher pirat“ zusammenklaubt, macht die Forschung umso reizvoller. „Vagabundierend-philosophierend nimmt sich his Bobness die Freiheiten, die Künstler besitzen“, schreibt Dannemann: „Unbedingte Subjektivität und Freiheit statt Systemzwang, Feier des Augenblicks als Affirmation authentischer Momenthaftigkeit und so ein Freisetzen jener Vielfalt von Blicken auf die Welt und das eigene Ich, zu der sich Dylan in seinem programmatischen Song ‚I Contain Multitudes‘ (2020) bekennt.“
Schon an diesem Zitat merkt man: Eine Einführung in Dylans Werk hat Dannemann wahrlich nicht vorgelegt und biografische Informationen werden auch nur spärlich geliefert. Was der Autor leistet, ist tatsächlich ein origineller Versuch, Dylans Werk – und die Faszination, die es bis heute für viele Menschen hat – ontologisch zu ergründen.
Sechs Stadien oder Entwicklungsetappen macht er bei dem US-Singer-Songwriter aus, „wo deutlich gewordene Probleme eines Pfades der Welterkundung und Befreiung Neuansätze und Richtungswechsel verlangen“. Oft lotet Dannemann die Texte mit Hilfe europäischer Philosophie aus, mit Marx, Adorno und Lukacs.
Ist er Vorreiter von Hartmut Rosa?
Einmal gar attestiert er Dylan, dieser habe das Lob der Entschleunigung des Jenenser Soziologen Hartmut Rosa vorweggenommen. Das erscheint mir als Vereinnahmung des Sängers in einen akademischen Diskurs, die es gar nicht braucht. Schon wegen anderer interessanter Gedanken Dannemanns nicht, etwa diesem: „Dylans große Rockmusik Mitte der 60er Jahre war auf dem Weg, die Positionierung der Dialektik der Aufklärung zumindest temporär in Frage zu stellen“; es geht um die von Adorno und Horkheimer behaupteten Funktionen der Unterhaltungsindustrie.
Rüdiger Dannemann: „I Shall Be Free No. 10: Bob Dylans Songphilosophie“. Bertz & Fischer, Berlin 2026. 136 Seiten, 14 Euro.
Zugegeben: Dylan als Antipode der Kritischen Theorie gefällt mir besser als seine Charakterisierung als soziologischer Trendsetter. Aber beides findet sich in diesem Buch, und weder das eine noch das andere ist wirklich gut herausgearbeitet. Überhaupt fällt es mir schwer, in diesem gar nicht so dicken Buch eine zentrale These zu entdecken.
Völlig richtig notiert Dannemann etwa: „Es kann kein Zweifel sein, dass das ganze Œuvre Dylans von Anfang an in der jüdisch-christlichen Tradition gestanden hat. Das haben viele ‚linke‘, bzw. ‚aufgeklärte‘ Bewunderer seines Werkes lange ignoriert.“ Zugleich aber arbeitet er nicht heraus, wie sich diese Tradition im Werk findet, und – noch merkwürdiger – das spezifisch Jüdische bei Dylan – dessen christliche Phase gerade mal zwei Jahre lang angedauert hat – wird kaum thematisiert.
Assoziatives Verständnis
Doch vielleicht sollte man Dannemanns unglaublich gebildetes Werk anders lesen, nämlich so, wie man die Musik von Bob Dylan hört: mit der Bereitschaft zum assoziativen Verständnis, mit der Freude an guten Songtextzeilen und überraschenden Wendungen sowie einer großen Toleranz gegenüber genuschelten Wörtern.
Die Art, wie Dylan singt und seine Songs präsentiert, beschreibt Dannemann sehr hübsch: „Sie stören und verstören. Eher passen sie zu einem Songwriting, das Prämissen des Handelns und Verhaltens kenntlich macht, Fragen formuliert und zu Reflexionen anregt.“
Das könnte doch ein schönes Programm einer „Dylanologie“ sein. Dannemanns Werk mag nicht eingängig sein, aber die Probleme, es zu rezipieren, passen wunderbar zum Objekt seiner Passion: Bob Dylan und seinem Werk. So gesehen hat der Verlag recht, wenn er zum Auftakt seiner Reihe behauptet: „‚Dylanology‘ wird der Stoff nie ausgehen.“ Die Welttournee Dylans endet ja auch nie.
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