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Die WahrheitHype mit Schorschbock

Mehr Achtsamkeit geht nicht: Die kleine fränkische Gemeinde Aha entzückt die ganze touristische Welt.

Alles begann mit einem Impulsvortrag beim Stadtmarketing-Come-Together der mittelfränkischen Klein- und Mittelstädte. Denn Jennifer Broederlein begeistert dort das in der Ansbacher Stadthalle versammelte Fachpublikum mit einem schwungvoll vorgetragenen Referat über die Do’s and Dont’s einer gelungenen Werbestrategie.

„Mit altbackenen Stadtslogans wie ‚Nürnberg – Tradition und Moderne im Zeichen Albrecht Dürers‘ locken Sie heute keinen Rentner mehr hinter dem Wohnmobil hervor. Gefragt sind pfiffige, überraschende und kreative Lösungen für den immer unübersichtlicher werdenden Städtetourismus-Markt. Wenn die internationalen Touristenströme auch durch ihre Gemeinde fließen sollen, müssen Sie die Einzigartigkeit ihres Standorts offensiv vermarkten“, beschwört die Marketing-Koryphäe die staunenden Franken.

„Nicht nur den – sicherlich kunsthistorisch äußerst bedeutsamen – mittelalterlichen Wehrgang in den Mittelpunkt stellen, sondern auch das Abseitige, Ungewöhnliche bewerben: die frühbrutalistische Betonfassade des Gemeindezentrums oder die gelungen in die Stadtlandschaft eingebettete Kläranlage. Bei der Begegnung mit ihrem Marketing-Konzept sollte sich beim übersättigten Weltenbummler im Idealfall ein echter ‚Aha-Moment‘ einstellen: Dort will ich hin, das muss ich sehen!“

Bratwurstweggla

Beim anschließenden geselligen Beisammensein mit Bratwurstweggla und Bier vom Fass glaubt dann so mancher Stadtmarketing-Verantwortliche den Dreh gefunden zu haben, wie er seine Gemeinde auf der touristischen Landkarte besser positionieren könnte. Florian Walter, der 38-jährige Abgesandte aus Gunzenhausen, preist der umtriebigen Referentin Broederlein seine Gemeinde in höchsten Tönen: die idyllische Lage des staatlich anerkannten Urlaubsortes im fränkischen Seenland, den absolut sehenswerten obergermanisch-raetischen Limes, als ihn Broederlein leicht genervt unterbricht: „Da sehe ich jetzt noch keinen direkten Ansatzpunkt in Bezug auf Einzigartigkeit …“

„Zu unser Stadt,“ beeilt sich Walter, „gehört auch ‚Aha‘“. – „Aha?“ Broederlein schaut leicht irritiert. „Genau, ein Gemeindeteil unserer Stadt heißt ‚Aha‘“. Sofort wird Jennifer Broederlein hellhörig. „Das ist interessant. Damit lässt sich doch arbeiten. Der Name ist ein Alleinstellungsmerkmal! Geben Sie mir ein paar Tage Zeit und ich präsentiere Ihnen ein zeitgemäßes Stadtmarketing-Konzept.“ Visitenkarten werden ausgetauscht, Florian Walter macht sich beschwingt auf den Heimweg.

Vier Tage später meldet sich Broederlein wieder. Voller Elan legt die Tourismus-Expertin am Telefon los: „Wussten Sie, dass ‚Aha‘ aus dem Althochdeutschen kommt und ‚fließendes Wasser‘ bedeutet? Das ist doch in Zeiten niedriger Flusspegelstände mal eine schöne Vorstellung. Und dann wäre da noch die Bedeutung von ‚Aha‘ als Ausdruck des plötzlichen Verstehens. Hier setzen wir an!“ Broederlein ist im Hörer ganz aus dem Häuschen. „In einer Welt der Rechthaber, Schlaumeier und Besserwisser positionieren wir Aha als Ort des interessierten Zuhörens, der Abwägung gegnerischer Argumente, der Nachdenklichkeit. Anstelle hasserfüllten Schlechtredens herrscht hier eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts. Wir haben nun mal keinen Kölner Dom, keine Rialtobrücke und keinen Eiffelturm – also setzen wir auf die inneren Werte: Urlaub mit Aha-Erlebnis, Urlaub in einer Oase der Achtsamkeit!“

Eine begeisterte Reisereportage in der ‚New York Times‘ preist Aha als ‚woke capital of Middle-Franconia‘

Florian Walter hört interessiert den Ausführungen zu. „Und wie setzen wir das in der Praxis um?“ – „Wir stellen die kleinen Freuden des Alltags in den Mittelpunkt, wir stellen eine Aha-Bank auf, wo Autos auf Anforderung halten …“ – „… und im ‚Schorschbräu‘“, ergänzt Walter, „machen wir eine Blindverkostung vom Schorschbock, das ist das alkoholhaltigste Bier Deutschlands mit 57,5 Vol%! Danach kommt die Aha-Bank voll zum Einsatz.“

Wochen vergehen, als eine Reisereportage in der New York Times erscheint, in der Aha als „woke capital of Middle-Franconia“ gelobt wird. Plötzlich tauchen Reisegruppen aus aller Welt auf und verwandeln das beschauliche Örtchen in einen veritablen Instagram-Hotspot – kreischende südkoreanische Mädchengruppen im Markgräflichen Hofgarten, volltrunken grölende schottische Jungmänner im Schorschbräu und dauerfotografierende Rentnerpulks aus Florida, die in good old Europe dem Maga-Wahnsinn zu entkommen suchen.

Zwar steigen die Übernachtungszahlen sprunghaft an, doch wird der Hype schnell zur Hypothek. Als ein internationaler Konzertveranstalter die norwegische Band a-ha für ein Open air-Konzert an den Altmühlsee holt, 40.000 Fans das beschauliche Pfarrdorf überrollen und die selbsternannte Oase der Achtsamkeit in Grund und Boden trampeln, ist endgültig Schluss mit dem Aha-Erlebnis. In einer eilig anberaumten Sondersitzung des Stadtrats wird der Werbeslogan mit sofortiger Wirkung geändert in „Gunzenhausen – Perle zwischen Wald und Wasser“.

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1 Kommentar

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  • Janix

    Wer Altmühl/Tauber entlangradelt, wird dort vorbei kommen und vermutlich das unvermeidliche Foto machen.



    Ansonsten wirklich nichts zu sehen als eine ländlich geprägte Ortschaft. Radeln Sie irgendwann weiter.