Die Wahrheit: Deutschland, Deutschland spürst du mich?
Der ehemalige „Welt“-Herausgeber Ulf Poschardt schwurbelt sich um Kopf und Kragen und glaubt, ein Punk zu sein.
W ollte man jemandem, der nach 40 Jahren Koma gerade wieder aufgewacht ist, Ulf Poschardt erklären, könnte man ihm einfach ein Foto des NDW-Sängers Markus zeigen. Und hätte damit alles gesagt. Poschardt ist so dermaßen Achtziger, dass er eigentlich Schulterpolster und College-Slipper tragen und mit einem Sony-Walkman in der Ecke einer Dorfdisco stehen müsste. Und während aus den Boxen Reggae wummert, hört er auf seinen Kopfhörern, ganz individualistisch, irgendeine Musik, die sich nicht dagegen wehren kann, dass Poschardt sie cool findet. The Smiths. Oder Punkrock.
Apropos: Kürzlich sagte Poschardt in einem Interview, er sehe sich selbst „in der Tradition des Punk“, und dozierte dann: „Ich bin privilegiert, weil ich mich selbst disruptieren darf.“ Dass „der Punk“ ihm für ein solch prätentiöses Herumgeschwurbel augenblicklich eine Bierdusche und/oder einen Arschtritt verpassen würde, kapiert der selbstverliebte Ex-Welt-Herausgeber nicht.
Poschardt ist gefangen in einer Haltung, die einstmals, Ende der Siebziger, die Gesellschaft kurz zum Wackeln brachte. Damals gab sich die Vorgängergeneration immer noch auf eine rituelle Art weltverändernd, hatte es sich aber längst im neuen Spießer-Establishment bequem gemacht. Die Punks reagierten darauf mit der maximalen Provokation: Hässlichkeit, Krach, Exzess und auch mal mit einem Hakenkreuz auf der Lederjacke.
Zehnter Geburtstag
Das Problem ist jedoch, dass Poschardt Jahrgang 1967 ist, 1977 also gerade mal seinen zehnten Geburtstag feierte. Folglich konnte er diese popkulturelle Rebellion erst einige Jahre später kennenlernen, als sie schon wieder zur kommerziellen Pose verkommen war. Vielleicht hat er aber auch erst im Studium darüber gelesen.
Poschardt gefiel diese Attitüde so gut, dass er sie völlig ahistorisch adaptierte und dann auf ihr hängenblieb, wie auf einem schlechten Trip: Jedem, der irgendwie links und öko ist und ihn beim Porschefahren nervt – oder wie Mama und Papa aussieht –, glaubt er ins Regal pissen zu müssen.
Täglich fragt sich der „freieste Mitarbeiter“ des Springer-Verlags: Womit könnte ich das „Shitbürgertum“ heute wieder ärgern? Dabei ist es ihm wurscht, ob seine rechtslibertären Agitprop-Sätze irgendeinen Sinn ergeben oder nicht. Hauptsache, sie knallen: „Der Osten ist politisch längst Avantgarde der gesamtdeutschen Wähler – und Taktgeber des kulturellen Vibeshifts im Land.“
Klar, unter „Vibeshift“ macht es Dr. Pop nicht. Aber peinlicher als das modische Wortgeklingel, ist, dass der Super-Wessi Poschardt die längst widerlegte These von den AfD-Protestwählern nicht nur wiederholt, sondern die rechtsradikal wählenden Ostdeutschen sogar zur politischen Vorhut, von was auch immer, adelt. Dabei will er doch eigentlich nur sagen: „Mein Maserati fährt 210 / Schwupp, die Polizei hat’s nicht geseh’n / Das macht Spaß / Ich geb Gas, ich geb Gas!“
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